Wandel in Hellersdorf-Süd:

Zwischen Abriss und Aufbruch

02.08.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Hellersdorf. Der Aufbruch findet hinter einem Bauzaun statt: Sandberge türmen sich um das Kulturforum Hellersdorf, während drinnen an Wänden und Fußböden gearbeitet wird. Die alten Plastikfenster wurden bereits durch neue, wärmegedämmte Exemplare ersetzt. Schon im kommenden Jahr soll es in dem einst größten Kulturhaus von Hellersdorf wieder Konzerte, Lesungen und Kaffeenachmittage geben.

Es hat lange gedauert, bis der Bezirk das 1992 eröffnete Haus in der Carola-Neher-Straße sanieren konnte. Nun steht der Abgeordnete Kristian Ronneburg (Die Linke) gemeinsam mit dem Marzahn-Hellersdorfer Linksfraktions-Chef Bjoern Tielebein, der Kultur- und Immobilienstadträtin Juliane Witt und einer Handvoll Interessierter vor dem einstigen Vorzeigeobjekt. Die Fraktion „Die Linke“ im Abgeordnetenhaus hat zum Kiezspaziergang geladen. „Wandel und Wachstum sozial gestalten“ steht in der Einladung. Man hätte auch „Zwischen Abriss und Aufbruch“ als Überschrift wählen können.

Neustart Kulturforum Mitte 2020

Das Kulturforum fällt ohne Zweifel in die Kategorie „Aufbruch“. Gut 2,2 Millionen Euro kostet die längst überfällige Sanierung. Denn den Ansprüchen an ein zeitgemäßes Veranstaltungshaus wurde das Kulturforum schon lange nicht mehr gerecht. Man sei froh, dass die entsprechenden Sanierungsmittel bereitgestellt wurden, sagt Kristian Ronneburg. „Mitte nächsten Jahres soll der Betrieb wieder starten“, erklärt Bezirksstadträtin Juliane Witt optimistisch. Denn die Arbeiten sind etwas ins Stocken geraten. Bauarbeiter und Material sind rar. Es wird von Engpässen beim Sand und bei Glas berichtet. Eigentlich wollte man bereits im Herbst 2019 fertig sein. LiMa+ berichtete. Demnächst soll im Rahmen eines sogenannten Interessenbekundungsverfahrens ein Betreiber für das bezirkliche Kulturhaus gesucht werden. Bis 2018 wurde es vom Verein Kulturring betrieben.

Natürlich hätte der Bezirk das sanierungsbedürftige Kulturforum zugunsten einer neuen Kita oder einer Bibliothek abreißen können. Doch das kommt nicht in Frage. „Das Kulturforum ist eine sehr traditionelle Einrichtung“, sagt Juliane Witt. Und ergänzt: „Wir brauchen den Raum für Kultur.“

Ein Kiez im Aufwind

Gut 45.000 Menschen wohnen im Stadtteil Hellersdorf-Süd, der bis an das Siedlungsgebiet von Kaulsdorf einerseits und an die Gärten der Welt andererseits reicht. Der Kiez ist geprägt von sechsgeschossigen Wohnhäusern, großzügigen Grünflächen, Sportplätzen und Einkaufsmöglichkeiten. Als das Gebiet geplant wurde, um den Bedarf an Wohnungen zu decken, agierten die Verantwortlichen mit Weitblick. Sie sorgten für ausreichend Schulen, Kindergärten und Kinderkrippen sowie Freizeitmöglichkeiten. Doch mit der Wende kam es im gerade fertiggestellten Stadtteil zu Veränderungen. Menschen zogen weg, Schulen und Kitas wurden mangels Nachfrage abgerissen. „Gerade der Abriss geistert bis heute in den Köpfen vieler Menschen“, sagt Juliane Witt. Umso gewöhnungsbedürftiger sei nun die Dynamik, mit der die Bewohner aktuell konfrontiert werden. Wie andere Bezirke verzeichnet Marzahn-Hellersdorf wachsenden Zuzug. Wer hierher zieht, schätzt vor allem die grüne und dennoch zentrale Lage: Mit der U-Bahn geht es in nicht einmal einer halben Stunde in die Berliner Innenstadt. Ein großer Gewinn ist das im Rahmen der Internationalen Gartenausstellung erweiterte Areal der Gärten der Welt.

Haus der Gesundheit seit 2014 geschlossen

Um den Bedarf an neuen Schulen oder an Platz für die Verwaltung zu decken, hat der Bezirk schon vor Jahren reagiert – und den geplanten Verkauf von bezirkseigenen Immobilien gestoppt. Dazu gehören unter anderem Dienstgebäude in der Premnitzer Straße in Marzahn, zahlreiche Schulgrundstücke oder das seit 2014 geschlossene Haus der Gesundheit in der Etkar-Andre-Straße, für das bereits Käufer gesucht wurden. Einst befanden sich unter dessen Dach Arztpraxen, Behandlungsräume von Physiotherapeuten, ein Friseursalon und eine Apotheke. Die oberen Etagen wurden von den Fachabteilungen des Bezirksamtes genutzt, darunter vom Gesundheitsamt. Weil die Anforderungen an den Brandschutz nicht mehr gewährleistet wurden, musste das Gebäude geräumt werden. Bemängelt wurden die veralteten Lüftungsanlagen und fehlende Fluchtwege. Nun steht es leer, die Fenster im Erdgeschoss sind beschmiert. Ein Sicherheitsdienst und ein Hausmeister sorgen dafür, dass keine ungebetenen Gäste ins Haus kommen. An die 23 Millionen Euro würde eine Sanierung des Gebäudes im Stadtteil Hellersdorf-Süd kosten. Dabei könnte der Bezirk die rund 7.000 Quadratmeter großen Büro- und Praxisflächen selbst gut gebrauchen. Denn der Platz in den zum Teil angemieteten Dienstgebäuden reicht längst nicht mehr aus. „Einerseits zahlen wir an anderer Stelle viel Miete, andererseits steht hier ein Bezirksgebäude leer“, sagt Linksfraktions-Chef Bjoern Tielebein. „Die Häuser werden nicht besser, wenn sie leer stehen.“ Er fordert finanzielle Unterstützung vom Land Berlin, sieht den Senat in der Pflicht. Der Abgeordnete Kristian Ronneburg sieht das genauso. Allerdings muss auch der Bezirk seine Hausaufgaben machen: Derzeit ist noch unklar, ob das Haus als reines Bürogebäude oder als Gesundheitszentrum hergerichtet werden soll. Von Aufbruch kann an dieser Stelle also keine Rede sein.

Mehr Einzelhandel und ein neues Gymnasium

Anders sieht das nur wenige Meter weiter aus: Hinter dem Einkaufszentrum „Corso“ wird gerade ein aus DDR-Zeiten stammender Dienstleistungswürfel abgerissen. Das Einzelhandelsunternehmen Rewe plant dort einen Neubau. In dessen alte Filiale zieht Aldi, während ein Textildiscounter wiederum die freiwerdenden Aldi-Flächen anmietet. Immerhin sparen sich die Bewohner dann weite Wege. Und auch in der Erich-Kästner-Straße wird sich was tun. Dort ist der Bau eines Gymnasiums für 580 Schülerinnen und Schüler geplant. Noch im August sollen die Planungen starten, in die auch die künftigen Nutzer und der Bezirk einbezogen werden. Errichtet wird die Schule vom landeseigenen Wohnungsunternehmen Howoge.


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