Pyramidale-Festival und zwei neue Ausstellungen im Schloss

Mit der Musik-Tram zur Pyramide

15.11.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Anzunehmen, dass es auch dieses Mal wieder etwas komplex für die Ohren werden könnte: Denn die sogenannte Neue Musik, bei der Dissonanzen und schräge Töne einfach dazugehören, ist nicht jedermanns Sache. Doch sie hat Fans und diese kommen an diesem Wochenende voll auf ihre Kosten. Am Sonnabend, 17. November, beginnt das diesjährige Pyramidale-Festival – aus Tradition mit einer Straßenbahn-Sonderfahrt vom Hackeschen Markt (Haltestelle Große Präsidentenstraße) in Mitte bis zur Pyramide an der Riesaer Straße 94 in Hellersdorf. Die Tram startet um 17 Uhr. Während der Passage gibt es Musik, fast durchweg Radioproduktionen. Eines der Stücke heißt passend „Locomotion“, ein anderes „Was vom Osten blieb“. In der Pyramide präsentiert das Ensemble LUX:NM u.a. zwei Uraufführungen. Angekündigt ist auch eine Interaktion von Klangkörper mit menschlicher Physis – eine Performance der Cellistin Ulrike Brand und des Tänzers Ingo Reulecke.

Weiter geht’s im Schloss

Am Sonntag, 18. Oktober, geht das Festival im Schloss Biesdorf weiter, wo das Zusammenspiel zwischen Kunst, Architektur und öffentlichem Raum erkundet werden soll: Gemeinsam am Klavier Antonis Anissesgos und Sawami Kiyoshi (14 Uhr). Zum Festivalmotto „Expression“ passen die Kompositionen des Ensembles Decoder – mit Cello, Klarinette, E-Zither und Elektronik (16 Uhr). Die Pyramidale findet seit 2001 statt, seit sieben Jahren wird außer mit dem Ausstellungszentrum Pyramide auch mit weiteren Kultureinrichtungen des Bezirks kooperiert.

„…Und des Menschen Größe“

Vor und nach den Musikveranstaltungen werden am Sonntag im Schloss zwei Ausstellungen eröffnet. Um 11 Uhr beginnt die Vernissage „… Und des Menschen Größe“. In einer Präsentation des Kunstarchivs Beeskow sind Grafiken und Fotografien zu Gedichten von Johannes R. Becher zu sehen. Der Gedichtband „Schritt der Jahrhundertmitte” (1958), der letzte, den der Dichter vor seinem Tod schuf, diente 20 Künstlerinnen und Künstlern im Jahr 1988 als Ausgangspunkt für ihre Arbeiten. Die Bilder, die nach diesen Texten entstanden, zeigen den Menschen geprägt von Zerrissenheit, mal in drückender Einsamkeit, mal im Strudel gesellschaftlicher Prozesse, deren Erschaffer er selbst ist, heißt es in der Ankündigung. Nur wenige farbige Blätter gibt es unter den 16 Grafiken. Die 20 Fotografien sind in körnigem Schwarz-Weiß gehalten – Träger einer Melancholie, für die die ostdeutsche Autorenfotografie nur wenige Jahre später berühmt wurde.

„Auftragswerke“ ohne ideologische Vorgaben

Mitgewirkt an der Erstellung der Grafikmappe hat übrigens seinerzeit auch Wolfgang Brauer, Lehrer und Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf, in der vergangenen Legislaturperiode Vorsitzender des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses. Auf Facebook schreibt er: „Hier war ich ‚Mittäter’ – und ich war es gerne. Wir haben damals den Beweis erbracht, dass Auftragskunst auch in der DDR nicht Mist sein musste, sondern auch ohne ideologische Vorgaben von hoher Qualität sein konnte. Wir hatten den Künstlern auf Wunsch lediglich jeweils eine Auswahl an Becher-Texten zur Verfügung gestellt (18 dicke Bände „Gesammelte Werke“ kann man keinem zumuten) – und standen natürlich bei Bedarf beratend zur Seite. Die Mappe wurde vor allem betreut von Hans-Peter Klausnitzer und Jörg-Heiko Bruns. Das Folgeprojekt („Verfall und Triumph. Grafik zum jungen Becher“) habe ich dann betreut– in Zusammenarbeit mit Brigitte Bayer von der Galerie Mitte.“ Das Kunstarchiv Beeskow, in dem mehr als 20.000 Kunstwerke aufbewahrt sind, die als Auftragswerke der Parteien und Massenorganisationen und anderer Einrichtungen in der DDR entstanden, zeigt in regelmäßigen Abständen Arbeiten aus seinem Bestand im Schloss Biesdorf. Das war auch die Grundlage für eine Förderung der Sanierung des Hauses mit EU-Mitteln.
Gezeigt wird die Exposition bis zum 25. Februar 2019.

Spielerische Annäherung an ernstes Thema

Die zweite Vernissage im Schloss beginnt um 18 Uhr und ist dem Projekt „life spot“ von Carola Rümper gewidmet. Die Künstlerin, die ihr Atelier am Boulevard Kastanienallee in Hellersdorf hat, ist im Bezirk gut bekannt. Besonders durch ihre Rümperins – falbelhafte Wesen verschiedener Größe, die immer mal an verschiedenen Orten auftauchen. Diesmal widmet sie sich aber der ehrenamtlichen Tätigkeit von kognitiv Beeinträchtigten. Menschen mit geistigen Behinderungen werden meist nur einseitig dargestellt, als Leute, die der Hilfe bedürfen. Gemeinsam mit Rümper entwickelten die Teilnehmer Fotografien, die das eigene Ehrenamt repräsentieren. Die Ergebnisse werden in dem Memo-Spiel „life spot“ zusammengefasst. Dabei liegen alle Fotografien als Riesen-Memo auf dem Boden. Mit der Installation entsteht eine begehbare Spielfläche – die Besucher können, wie beim Memory üblich, jeweils gleiche Bildpaare suchen. Jede Spielkarte hat das Format 45×45 Zentimeter. Durch diese besondere Form der Ausstellung soll das Thema Inklusion (Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft) „spielerisch“ in die Gesellschaft getragen werden.
Die Ausstellung wird bis zum 8. Februar gezeigt.
Parallel dazu läuft weiterhin in der Kommunalen Galerie Schloss Biesdorf die Schau „Soft City – Stadt & Kunst//Japan & Berlin

Pyramidale: Sonderfahrt Tram (Tramophonie): 3 Euro, erm. 2 Euro; Konzerte Sonnabend 9 Euro/erm. 5 Euro; Konzerte Sonntag je 9 Euro, erm. 5 Euro.
Der Eintritt zu den Ausstellungen in Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, ist frei.

 

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