Die Bücherstube unter der Galerie 100 birgt 7.000 Schätze

Zur Buchausleihe in den Keller

12.11.2018, Steffi Bey

Fotos: Steffi Bey. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Alt-Hohenschönhausen. Ehrenamtliche führen die Bücherstube in der Konrad-Wolf-Straße 99. Nur durch ihr Engagement kann das Angebot der einstigen Mathilde-Jacob-Bibliothek aufrechterhalten und modifiziert fortgesetzt werden.

Zwei Plastikbadewannen voller Krimis

Gelesen hat Roswitha Baier-Sieslack schon immer viel und gerne: Und das nicht nur aus beruflichen Gründen. Die 71-Jährige war bis zu ihrem Ruhestand als Rechtsanwältin und Notarin beschäftigt. Als sie vor ungefähr fünf Jahren an der Konrad-Wolf-Straße einen Aushang las, auf dem „Krimis für die Bücherstube gesucht“ wurden, zögerte sie nicht lange. Die rüstige Seniorin sortierte zu Hause ihre Bücherregale aus: Im Nu waren zwei Plastikbadewannen mit Kriminalromanen gefüllt. „Rund 300 Exemplare kamen zusammen“, berichtet die Alt-Hohenschönhausenerin. Ihre „gesammelten Werke“ brachte sie in die „Galerie 100“, in der sich die Bücherstube befindet.

Viele Leser spenden Bücher

Schon damals stemmten ausschließlich Ehrenamtliche die Ausleihe. Seit Schließung der Bezirksbibliothek „Mathilde Jacob“ im Jahre 2003 ist das auch an der Konrad-Wolf-Straße 99 so. Engagierte Anwohner verhinderten damals die endgültige Schließung der großen Bibliothek, die der Bezirk aus Kostengründen aufgab. Kurzerhand wurde der Keller zur Bücherstube umfunktioniert.

Zwischen 6.000 und 7.000 Exemplare stehen dort inzwischen dicht gedrängt in den Regalen. Roswitha Baier-Sieslack schätzt, dass ungefähr ein Drittel aus der ursprünglichen Bücherei stammt. Die meisten anderen wurden gespendet. Der Verleih ist kostenlos.

Bestand wird kontinuierlich gepflegt

Dass die rüstige Seniorin mittlerweile sämtliche Werke mindestens einmal in der Hand hielt, war notwendig: Denn sie nahm sich die Zeit und sortierte den gesamten Bestand. „Ich habe aufgeräumt, Ordnung reingebracht und auch abgespeckt“, sagt die freundliche Dame. Überholte Sachliteratur und viele mehr als 30 Jahre alte Lexika flogen raus. „Damit kann doch niemand mehr etwas anfangen“, begründet sie. Zudem musste Platz für neues Material – wie beispielsweise Reiselektüre – geschaffen werden. Auch in diesem Bereich stammt ein Großteil der Bände aus ihrem Privatbestand.

20 Bücher für ein halbes Jahr

Wenn Besucher zum ersten Mal in die Bücherstube kommen, führt Roswitha Baier-Sieslack die Neuen gerne durch die Räume im Keller. Die meisten Interessierten sind Frauen jenseits der 60. Es gibt viele Stammbesucher, die vor allem Krimis mögen, aber auch Biografien, historische Literatur sowie Bücher über Berlin und die Umgebung ausleihen. „Eine Seniorin nimmt sich jedes Mal 20 Krimis mit, packt sie in den Rollator und bringt alles nach einem halben Jahr zurück“, erzählt die Ehrenamtliche. Obwohl sie selbst anfangs die „ganzen Paperback-Einbände nicht besonders schick fand“, kann sie den Pappumschlägen inzwischen sogar etwas abgewinnen. „Weil sie leicht und biegsam sind, was die alten Damen mögen, denn sie lesen ja meistens im Bett.“

Immer etwas Interessantes

Viele, die einmal wöchentlich zur Bücherstube kommen, nutzen den öffentlichen Ort auch zum Schwatzen und Gedankenaustauschen. Für Roswitha Baier-Sieslack steht das aber nicht im Vordergrund. Sie engagiert sich, weil sie sich mit Büchern auskennt, gut mit Menschen umgehen kann und weil „es eine nützliche, überschaubare Tätigkeit ist“. „Es macht mir Freude“, sagt sie.

Rund 30 Leute aus der nahen Umgebung kommen monatlich in die Ausleihe. Das weiß die Rentnerin, weil sie eine Statistik führt. Rosemarie und Bernd Sedmihrabsky gehören seit vielen Jahren zu den Stammbesuchern. „Wir finden hier immer etwas Interessantes“, sagen beide. Manchmal spenden sie auch eigene Bücher.

Das schätzt die ehrenamtliche Bibliothekarin sehr. Doch sie betont: „Wenn jemand Bücher abgeben möchte, soll er unbedingt vorher anrufen, damit wir wissen, um welche Werke es sich handelt.“ Wichtig sei nicht nur der Inhalt, sondern auch die Optik. Doppelte Bücher sind in der Stube nicht zu finden – die werden aussortiert: Weil dafür der Platz nicht reicht. Manchmal nimmt sich die einstige Rechtsanwältin selbst mal ein Werk mit nach Hause. Sie liest unter anderem gerne Günter Grass oder Sibylle Berg. Die wöchentliche Ausleihe absolviert sie zumeist mit einem gleichgesinnten Senior aus Alt-Hohenschönhausen.

 

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