Im Gespräch mit Mr. Pianoman Thomas Krüger, dem Mann am Klavier

YouTube-Millionär aus der „Platte“

27.10.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Mehr als 103.000 Abonnenten hat Thomas Krüger (27), der als Mr. Pianoman bekannt ist, bereits auf dem Online-Videoportal YouTube. Ein Flashmob-Video vom Pariser Flughafen Orly, wo der junge Marzahner ein selbst kreiertes Medley aus Rock, Pop und Klassik auf einem dort stehenden Klavier zum Besten gibt, haben inzwischen weltweit mehr als 14 Millionen Menschen aufgerufen. Zum Vergleich: Der gleichaltrige Sänger/Songwriter Michael Schulte, diesjähriger deutscher Teilnehmer am Eurovision Song Contest (4. Platz, 2012 bereits ein dritter Platz bei der Gesangs-Castingshow „The Voice of Germany“), zählte für seinen ESC-Titel „You Let Me Walk Alone“ bei YouTube bisher rund 7,5 Millionen Aufrufe.

2013 im “Supertalent”-Halbfinale

Zur Person: Thomas Krüger wurde in Dresden geboren. Er hat einen deutschen Vater und eine Mutter mit russisch-jüdischen Wurzeln aus St. Petersburg. Der Musiker wuchs in Mahlsdorf auf und wohnt seit 2012 in einer Zweizimmer-Wohnung in einem Plattenbau nahe dem Helene-Weigel-Platz. Er spielt Klavier und Keyboard, beherrscht aber auch Gitarre und Schlagzeug. Nach dem Abitur am Hellersdorfer Melanchthon-Gymnasium und dem Besuch der Schostakowitsch-Musikschule in Lichtenberg studierte Thomas Krüger zunächst drei Jahre an der Berliner Universität der Künste (UdK) Musik und Geschichte auf Lehramt. Er brach das Studium ab, weil er sich entschlossen hatte, seine eigentliche Leidenschaft zum Beruf zu machen. Als selbstständiger Musiker und Komponist tritt er bei Veranstaltungen über die Region hinaus auf. Einer seiner ersten großen Erfolge war 2013 der Einzug ins Halbfinale bei der RTL-Show „Das Supertalent“. Seit 2015 hat Thomas Krüger eine eigene Veranstaltungsreihe im Kulturhaus Karlshorst. Auch beim traditionellen Classic Open Air auf dem Hellersdorfer Alice-Salomon-Platz ist er immer dabei.

Die virtuelle und die reale Welt

Wir sprachen mit Thomas Krüger über Castingshows und Social Media, über die virtuelle und die reale Welt, über die „Platte“ und die Berliner S-Bahn. Aber auch über Politik und warum sich junge Künstler wie er gerade in der heutigen Zeit gegen Hass und Rassismus einsetzen.

Wir sind hier am Helene-Weigel-Platz und es steht nirgendwo ein Klavier…

Das wäre eine schöne Idee für den Platz. Aber im Freizeitforum Marzahn gibt es mehrere. Und einen Flügel im Schloss Biesdorf. Dort habe ich auch schon gespielt.

Wie kam es denn zu den Flashmobs? Es gibt ja nicht nur das Video aus Orly, sondern Du hast auch auf dem Londoner Bahnhof St. Pancras und auf dem Münchner Hauptbahnhof gespielt, wie man bei YouTube sehen kann. Und am Potsdamer Platz.

Das erste Mal ist mir bei einer Paris-Reise 2012 aufgefallen, dass auf dem Flughafen ein Klavier steht, auf dem spielen durfte, wer wollte. Danach habe ich begonnen, auch andernorts bewusst zu suchen und Flashmob-Videos zu machen. Der Sinn solcher Instrumente im öffentlichen Raum ist ja, Kunst an Orte zu bringen, wo man das nicht erwartet. Da hinkt man in Deutschland ziemlich hinterher. Es wäre Zeit, ein Klavier am Berliner Hauptbahnhof aufzustellen. In München gibt es das schon. Am Potsdamer Platz wurde kürzlich für begrenzte Zeit eines von einem Instrumenten-Hersteller präsentiert. Man durfte es benutzen. Klar, dass ich dann dort gespielt habe.

Wovon es ebenfalls ein Video bei YouTube gibt. Wer filmt Dich eigentlich?

Freundinnen und Freunde. Auch mal meine Mutter.

Marketing-Plattform YouTube

Wie wichtig ist eine solche Plattform wie YouTube für junge Künstler?

Ich habe das anfangs unterschätzt. Ich habe meinen YouTube-Kanal ja schon neun Jahre. Aber erst vor etwa einem Jahr habe ich begonnen, regelmäßig Videos hochzuladen. Dann stiegen die Abonnentenzahlen. Ich mache aus bekannten Stücken Medleys, die eigenständige Kunstwerke werden. Dafür bekomme ich inzwischen viel Beifall von Leuten aus aller Welt. Ich habe mir die Follower selbst erarbeitet, keine Werbung geschaltet. Ich will, dass das organisch wächst.

Man vermarktet sich damit…

Das stimmt, man wird dadurch bekannter. Und erzielt auch gewisse Einnahmen. Ich hatte das anfangs nicht richtig verifiziert bei Google, wo es Ausschüttungen gibt. Das habe ich erst im Januar dieses Jahres getan.

Und verdienst Du damit gut?

Mittlerweile tragen die Ausschüttungen schon etwas zu meinem Lebensunterhalt bei.

Du bist aber kein Influencer? Die bekommen ja oft richtig viel Geld.

Nein. Aber ich könnte mir eigentlich auch überlegen, meinen Instagram-Account etwas professioneller zu gestalten.

Das sind ganz andere Wege, als sie Musiker früher für ihre Karriere gegangen sind…

Richtig. Aber ich will eigentlich nicht fünf Baustellen gleichzeitig beackern, ich will vor allem Musik machen. Deshalb bleibt es zunächst wohl bei YouTube und Facebook.

Du hast auch beim „Supertalent“ mitgemacht. Sind solche Casting-Shows im Fernsehen Fluch oder Segen, gerade für junge Leute?

Das kommt darauf an, wie man das verarbeitet. Für mich war es ein Segen. Aber es entscheidet jeder für sich, wie er damit umgeht, dass er eine gewisse Bekanntheit durch die Fernsehauftritte erreicht hat.

Eigene Reihe im Kulturhaus Karlshorst

Du bist natürlich nicht nur in der virtuellen Welt und im TV zu Hause, sondern vor allem in der realen. Und hast sogar Deine eigene Reihe im Kulturhaus Karlshorst „Thomas Krüger meets Friends“…

Eigentlich heißt es „Ein Abend mit Freunden“. Dazu lade ich befreundete Musiker ein, darunter auch Leute, die ebenfalls in Casting-Shows aufgetreten sind. Die Reihe ist übrigens ein Ergebnis des „Supertalents“. Danach hatte sich nämlich die Leiterin des Kulturhauses an mich gewandt, ob ich mir vorstellen könnte, einen eigenen Abend zu gestalten. Der erste fand im Februar 2015 statt. Davor war ich total aufgeregt, denn ich musste ja nicht nur selbst spielen, sondern auch Entertainer sein. Inzwischen gibt es diese Veranstaltung zweimal im Jahr. Ich möchte versuchen, sie auch in andere Locations der Region bringen, zum Beispiel ins Schloss Biesdorf.

Wie wichtig sind Dir Liveauftritte?

Live zu spielen ist das, warum ich überhaupt Musik mache. Um das Schöne im Moment zu erleben. Und um zu beweisen, dass ich auch live gut bin. Das ist ja nicht jeder YouTuber, der Musikvideos produziert.

Wo soll es denn musikalisch mal hingehen?

Die Coverschiene mit den Medleys soll künftig der Nebenbetrieb werden. Ich möchte mehr meine eigene Musik bringen, so in Richtung melancholische Klaviermusik. Für ein erstes Album habe ich inzwischen sieben selbstkomponierte Stücke. Ich könnte mir auch vorstellen, Konzerte außerhalb von Deutschland zu geben, vielleicht in Wien, in Kopenhagen und anderswo. Danach haben schon Leute gefragt, die mir auf YouTube folgen. Das ist das Ziel in den nächsten fünf bis zehn Jahren.

Dem Bezirk treu geblieben

Künstler leben in Berlin gern in angesagten Szenegegenden wie Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln. Du wohnst in der „Platte“ in Marzahn…

Warum denn nicht? Ich bin in Marzahn-Hellersdorf aufgewachsen, wurde dort von vielen Leuten gefördert und unterstützt. Ich bin dem Bezirk treu geblieben und trete für ihn ein. Das gehört für mich zu meinem authentischen Ich. Ich muss nicht in der City wohnen und dort die geilste Wohnung haben, eine angesagte Adresse. Das ist so Mainstream.

Du bist bekennender ÖPNV-Fan, liebst ganz besonders die S-Bahn…

Einen Führerschein habe ich schon, besitze aber aus Umweltgründen kein Auto. Man kann in Berlin alles gut mit Bus und Bahn erledigen, auch wenn Ausfälle und Unpünktlichkeit manchmal nerven. Die S-Bahn mag ich seit meiner Kindheit in Mahlsdorf. Ich habe es immer genossen, damit ins Zentrum zu fahren und aus dem Fenster heraus die Stadt Berlin in ihren vielen verschiedenen Schichten zu betrachten. Wie sie sich verändert auf dem Weg vom Rand in die Mitte. Seit 2007 bin ich im Verein Historische S-Bahn. Im Abitur habe ich übrigens in einem Prüfungsteil zur Geschichte der S-Bahn im geteilten Berlin referiert. Und natürlich habe ich auch in einer S-Bahn ein Video gemacht. Da spiele ich Keyboard und Gitarre und singe sogar. „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Demos und Konzerte gegen Rechts

Kommen wir noch mal zu Social Media. Du äußerst Dich, besonders auf Facebook, oft politisch. Du wendest Dich gegen völkische Hetze und Rassismus und hast erst kürzlich gepostet: Jeder sollte dagegen aufstehen. Siehst Du dabei eine besondere Verantwortung als Künstler?

Ich bin der Meinung, dass jeder Künstler, der ja gegenüber seinen Fans und Followern ein Sprachrohr hat, dieses nutzen sollte, um dagegen zu halten, was in unserem Land gerade abgeht. Ich gehe zu Demos und Konzerten gegen Rechts wie kürzlich in Chemnitz, war dabei, als 2015 Legida in Leipzig gestoppt wurde. Auch aufgrund meiner russisch-jüdischen Wurzeln positioniere ich mich da ganz klar. Die große Berliner Demo „Unteilbar“, wo fast 250.000 Menschen gegen einen Rechtsruck in der Gesellschaft und für Solidarität auf die Straße gegangen sind, fand ich klasse. Und war dabei.

Vor der AfD und ihren Anhängern würdest Du also wahrscheinlich kein Konzert geben?

Garantiert nicht.

Bei anderen Parteien und Bewegungen würdest Du aber auftreten?

Ja, bei allen, die demokratisch handeln.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

 

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