Drinnen + Draußen

Wurmloch im Kopf

22.03.2014, Andrea Scheuring

Fotomontage: Frank Lucas

Nun also ich… Ich werde vergesslich. Nicht, dass dies meine 9jährige Patentochter mit einem ihrer frechen Grinse-Gesichter festgestellt hätte. Nein, zu der ernüchternden Einsicht bin ich dieser Tage selbst gelangt. Allerdings spielte bei dem Erkenntnisprozess eben jene junge Dame namens Helena eine nicht unwesentliche Rolle. Ich sollte die Kleine am Mittwoch in der Schwimmhalle vom Training abholen. Dieses endet normalerweise Punkt 18 Uhr. Die Mädchen brauchen dann meist noch ein viertel bis halbes Stündchen, um sich der nassen Sachen zu entledigen und ihren Freundinnen beim Fönen die neuesten Geschichten zu erzählen. Ist viel los in Klassenstufe 3! Aber kein Problem. Denn für den Fall, dass es doch etwas länger dauert, hab ich immer ein Buch dabei. Meistens Fiction.

Diese Woche konnte ich besonders lange lesen. Seite um Seite flog an meinem Auge vorbei, bis selbiges irgendwann einen Blick zur Uhr tat. Meine Güte, schon fast Sieben! Wo steckte bloß das Kind? Sollte ich einfach mal die resolute Dame am Eingang des Badebereichs fragen? Aber die durfte ja ihren Platz nicht verlassen. Also musste ich versuchen, den Verbleib der Kleinen über ihre Mutter zu klären. Dummerweise hatte ich an diesem eiligen Tag meinen Handapparat zu Hause liegen lassen. Also fix Kleingeld rausgekramt und ran an die Telefonsäule, die kluge Planer dem Handy-Hype zum Trotz in der Wartehalle installiert hatten. Schon als ich den Hörer abnahm, fühlte ich, wie sich in meinem Kopf ein riesiges Wurmloch auftat. „53….67…“ Die Zahl kam aus meiner linken Gehirnhälfte, wurde immer größer und bewegte sich mit rasender Geschwindigkeit durch eine kugelförmige Öffnung, die sich genau auf meiner Stirn zu befinden schien, durch meinen Kopf hindurch, um an der andere Seite desselben als ganz winzige „75…63…“ abzutropfen. Ich hatte die Telefonnummer meiner Freundin vergessen. Überhaupt fiel mir in diesem Moment nichts mehr ein, keine einzige Nummer – weder mobil noch vom Festnetz, noch nicht einmal die von der Auskunft.

„Houston, wir haben ein Problem“, dachte ich. Und erinnerte mich an eine Reportage, die ich vor nicht allzu langer Zeit im Fernsehen gesehen hatte. Ein Hirnforscher aus Ulm hatte darin die These aufgestellt, dass moderne Medien – vom Computer bis zum Smartphone – uns inzwischen derart viel geistige Arbeit abnehmen, dass wir langsam, aber unaufhaltsam verblöden. Wie Recht er hatte… Die mentale Schnellinventur meines häuslichen Technikparks ließ keinen Zweifel zu: Nun also ich. Mein Kopf war explodiert. Wie konnte ich die Mission noch retten? Wo war das Kind? Schweißperlen begannen, sich von meiner Stirn zu lösen. Da tippte mir jemand an den Rücken. Helena stand fragend hinter mir: „Das Training ist heute um eine Stunde verschoben worden, hat Mama vergessen, dir das zu sagen?!“ Gott sei Dank, ich war nicht allein auf meinem Flug zum Planeten der geistigen Umnachtung.

 

 

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