Nach 17 Jahren Abgeordnetenhaus erneut im aktiven Schuldienst

Wolfgang Brauer ist wieder Lehrer

04.02.2017, Birgitt Eltzel & Marcel Gäding

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf/Lichtenberg. Am Montag, 6. Februar, wird Wolfgang Brauer nach 17 Jahren wieder vor einer Schulklasse stehen. Er kehrt in den aktiven Schuldienst zurück, nachdem er bei den Wahlen am 18. September 2016 sein Direktmandat im Wahlkreis 1 (Marzahn Nordwest) an Gunnar Norbert Lindemann von der Alternative für Deutschland (AfD) verlor. Seit 1999 saß Brauer für die Partei Die Linke im Abgeordnetenhaus, galt als einer der ausgewiesenen Kulturexperten des Berliner Parlaments. Durch einen Listenplatz war er 2016 nicht abgesichert.

„Ein wenig aufgeregt bin ich schon“

Der Studienrat (Deutsch und Geschichte) wird an jener Schule unterrichten, die er einst mit aufgebaut hatte: die Rudolf-Virchow-Schule am Glambecker Ring in Marzahn. 1994 war sie als erste Neubauschule im Ostteil Berlins eröffnet worden, damals noch als Gesamtschule mit integrierter Abiturstufe. Seit 2009/10 ist die Einrichtung am Fuße der Ahrensfelder Berge eine integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe. Brauer wird zunächst in den Klassen 7 bis 12 unterrichten, im nächsten Schuljahr auch die Klasse 13. „Ein wenig aufgeregt bin ich schon nach so langer Zeit“, gibt er zu. „Aber ich freue mich auch darauf.“ Er erzählt von seinem allerletzten Leistungskurs, den er in der Virchow-Schule zum Abitur geführt hatte. Da war er eigentlich schon Abgeordneter, es gab aber keinen Lehrer, der seinen Kurs übernehmen konnte. „Also habe ich bis zu den Abiturprüfungen weitergemacht, obwohl das so eigentlich gar nicht vorgesehen war.“ Auf Facebook hatte ihm kürzlich eine ehemalige Schülerin geschrieben, die gehört hatte, dass er wieder als Pädagoge arbeiten wird, dass sie das freue: „Sie waren ein toller Lehrer.“

„Das gesamte System hat sich verändert“

In seiner Wohnung in einem Zweifamilienhaus in Biesdorf fallen die vielen Bücherregale auf. Dicht an dicht bis zur Decke reihen sich dort die Bände aneinander – Fachliteratur, Belletristik, Lyrik, philosophische und kulturhistorische Werke, Bildbände. In den letzten Wochen hat Wolfgang Brauer des Öfteren zu Fachbüchern gegriffen, um sich auf die bevorstehende Lehrertätigkeit vorzubereiten. „Die Berliner Schule ist ja nicht mehr die, die ich verlassen habe“, sagt er. „Das gesamte System, bis zu den Rahmenplänen hin, hat sich verändert.“ Er wolle für die Kinder und Jugendlichen, die in seiner alten und jetzt wieder neuen Schule lernen, jedenfalls das Beste herausholen.

Falsche Schwerpunktsetzungen

Seiner früheren Partei hat Wolfgang Brauer wenige Wochen nach der Abgeordnetenhauswahl den Rücken gekehrt. Nicht aus Frust wegen des verlorenen Sitzes im Parlament, wie er betont. „Es war kein verletzter Stolz.“ Brauer kritisiert falsche Schwerpunktsetzungen („Erzählen Sie mal den Leuten, die für die Ortsumgehung Ahrensfelde einen Trog vor die Nase gesetzt bekommen sollen von einer Fußgängerzone Unter den Linden!“) und den unbedingten Willen zum Mit-Regieren – koste es, was es wolle. Brauer sieht den Landesverband der Linken auf einem falschen Kurs: Die Führung werde dominiert von Halbintellektuellen und fokussiere sich mit ihrer Themensetzung auf das akademische Mitte-Milieu. „Die Partei spricht nicht mehr die Sprache der Leute, sie hat keine soziale Basis mehr“, sagt er. Auch daraus erklärten sich Wahlerfolge für die AfD.

Mehr Muße zum Schreiben

Der 62-Jährige hat in den letzten Monaten wieder mehr Muße zum Schreiben gefunden – als Autor für „Das Blättchen“, einer intellektuellen Zweiwochenschrift in Tradition der „Weltbühne“ von Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky, und auch für seine „Berliner Notizen“, vergnügliche und auch nachdenkliche Miniaturen aus der deutschen Hauptstadt. Jetzt denkt er dran, diese zu einem Büchlein zusammenzufassen. Auch die schon traditionelle Reihe „Brauer lädt ein…“ im deutsch-russischen Tschechow-Theater will er weiterführen. Besonders stolz ist er darauf, dass ihm für September bereits die Schwestern Petra und Marianne Rosenberg zugesagt haben, die Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg und die bekannte Schlagersängerin.

Weiter Chef des Heimatvereins

Auch als Vorsitzender des Heimatvereins von Marzahn-Hellersdorf wird Wolfgang Brauer weiter wirken. „Ich liebe unseren Bezirk“, sagt er, „und der Verein ist mir ans Herz gewachsen.“ Ende Februar wird der Verein sein Jahresprogramm 2017 vorstellen. Wolfgang Brauer wird an diesem Vormittag allerdings nicht im KulturGut Marzahn dabei sein können. Zu dieser Zeit unterrichtet er.

Was macht eigentlich…

Marzahn-Hellersdorf:

Christian Gräff? Der frühere Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsstadtrat von Marzahn-Hellersdorf ist mit dem von ihm gewonnenen Direktmandat ins Abgeordnetenhaus gewechselt – eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel. Er ist Sprecher seiner Fraktion für Bauen und Wohnen sowie für Wirtschaft. In der Warener Str. 1 beim Gesundheitszentrum am ukb hat er Ende 2016 sein Bürgerbüro eröffnet. In der CDU-Fraktion sitzt auch Mario Czaja, der frühere Gesundheits- und Sozialsenator und Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Wuhletal, der in Mahlsdorf/Kaulsdorf zum vierten Mal das Direktmandat gewonnen hatte.

Alexander J. Herrmann? Nachdem der CDU-Politiker nicht mehr im Abgeordnetenhaus sitzt, ist er als Vorsitzender seiner Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Marzahn-Hellersdorf aktiv. Seinen Treffpunkt BürgernAH am Cecilienplatz in Kaulsdorf-Nord betreibt er weiter. Herrmann arbeitet als Rechtsanwalt. Die von ihm begründete Facebook-Gruppe „Wir Hellersdorfer“ hat inzwischen über 6.000 Mitglieder – viel mehr als vergleichbare Gruppen.

Dr. Gabriele Hiller? Auch die promovierte Sportwissenschaftlerin, die im Wahlkreis 3 Marzahn-Hellersdorf ihr Direktmandat an die bis dato völlig unbekannte Jessica Bießmann (AfD) verlor, kehrt wieder in den Schuldienst zurück. Allerdings erst etwa Mitte des 2. Halbjahres. Sie wird an einer weiterführenden Schule in Lichtenberg (den Namen nennt sie noch nicht) Sport, Geografie und Politische Weltkunde unterrichten. Hiller gehörte 15 Jahre dem Abgeordnetenhaus an.

Stefan Komoß? Der frühere Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf hat inzwischen eine eigene Firma (Concept) mit Sitz in der Kaulsdorfer Bausdorfstraße gegründet und bereits fünf Mitarbeiter eingestellt. Das Unternehmen sieht sich als „innovativer Partner von Unternehmen und öffentlicher Verwaltung“. So werden u.a. Firmen, die Leistungen für die öffentliche Verwaltung erbringen wollen, über zeitliche Abläufe, Entscheidungsfindungen, Beachtung der Öffentlichkeit und rechtliche Bindungen des Auftraggebers beraten. Laut Komoß hat das Unternehmen bereits die ersten Aufträge akquiriert. Stefan Komoß ist weiterhin auch Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Marzahn-Hellersdorf.

Liane Ollech? Die Biesdorferin ist nach zehn Jahren im Berliner Parlament aus dem Abgeordnetenhaus ausgeschieden. Die SPD-Politikerin vertritt ihre Partei jetzt wieder in der BVV Marzahn-Hellersdorf. Dort ist sie Beisitzerin. Nach der Hälfte der Legislatur soll sie den Vorsteherposten von Kathrin Bernikas (CDU) übernehmen, so wurde es zwischen beiden Parteien vereinbart. Liane Ollech ist seit Jahren selbständige Unternehmerin (Parfümerie/Kosmetik in der Lichtenberger Weitlingstraße).

 

Lichtenberg:

Kerstin Beurich? Die SPD-Politikerin erklärte vor einigen Wochen gegenüber LiMa+, zunächst einmal eine Pause einzulegen. Dem Vernehmen nach ist die Lehrerin inzwischen wieder im Berliner Schuldienst tätig. Zehn Jahre gehörte sie als Bezirksstadträtin dem Bezirksamt Lichtenberg an – bis Dezember 2016 unterstand ihr das Ressort Bildung, Kultur, Soziales und Sport. Nach der Berlin-Wahl errang Beurich einen Sitz in der SPD-Fraktion der BVV, macht sich aber – zumindest bei den Tagungen der BVV – rar. Für eine aktuelle Auskunft konnte LiMa+ die einstige Stadträtin nicht erreichen.

Ole Kreins? Als verkehrspolitischer Sprecher machte sich Ole Kreins einen Namen im Berliner Abgeordnetenhaus, zog aber bei der Berlin-Wahl im September 2016 den Kürzeren. Kreins verlor seinen Friedrichsfelder Wahlkreis an Hendrikje Klein (Die Linke). Politisch engagiert er sich weiterhin als Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Lichtenberg. Beruflich ist Kreins inzwischen in der Senatsbildungsverwaltung angestellt. Was er dort genau macht, wollte er auf Nachfrage nicht sagen.

Dr. Andreas Prüfer? Nahtlos war der Übergang für den Linken-Politiker, der 15 Jahre Bezirksstadtrat in Lichtenberg war und zuletzt auch den Posten des stellvertretenden Bezirksbürgermeisters innehatte. Nur einen Tag nach seinem Ausscheiden wechselte Prüfer in die Senatskulturverwaltung, wo er nun Leiter des Büros von Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) ist. „Es war mein Wunsch, etwas aus der ersten Reihe zurückzutreten“, sagt Prüfer. In der Senatsverwaltung organisiert und koordiniert er Termine des Senators, bereitet diese teilweise inhaltlich vor. Zudem wirkt er auf Arbeitsebene an Themen wie „Kunst am Bau“ oder Kultur in den Bezirken mit. Darüber hinaus ist er einfaches Mitglied der BVV.

Evrim Sommer? 17 Jahre lang war Evrim Sommer bis Oktober 2016 Mitglied des Abgeordnetenhauses. Als Bürgermeisterkandidatin der Linken in Lichtenberg kam sie wegen angeblicher Schummelei in ihrem Lebenslauf nicht zum Zug, auch aus der eigenen Partei muss sie bei der geheimen Wahl Gegenstimmen bekommen haben. Sichtlich enttäuscht zog sich Evrim Sommer aus allen politischen Ämtern in Lichtenberg zurück. In diesem Bezirksverband will sie nicht mehr politisch aktiv sein, Parteimitglied ist sie aber geblieben. Nach eigener Aussage hat sie derzeit mehrere berufliche Angebote, sich aber noch nicht entschieden.

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