Kraxeln unter dem Dach der „Hellen Mitte“

Einmal Spiderman sein

18.10.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Der wacklige Bretter-Seil-Pfad führt auf 25 Meter Höhe direkt unter dem Glasdach des Atriums im Einkaufszentrum „Helle Mitte“ entlang. Schwindelfrei sollte man schon sein, wenn man ihn bewältigen will. Das erinnert an eine Prüfung im TV-Dschungelcamp, auch wenn mit der Passage kein Essen für hungrige Mäuler verdient werden muss. Ein wenig Mut braucht man jedenfalls, wenn man so hoch hinaus will. Trotz doppelter Sicherung. Denn um unters Dach zu gelangen, muss erst einmal hinaufgeklettert werden. Das geht über Leitern, Stege und Tritte. Unten steht dann das Publikum und staunt – oder sitzt gemütlich an Tischen im Café bei Kaffee und Kuchen. Die kleine Journalistenschar, der am Mittwoch, 15. Oktober, vor der Eröffnung des Indoor-Klettersteigs im „Bergwerk Berlin“ die Gelegenheit zum Ausprobieren der mehr als 30 Parcours geboten werden sollte, lehnte allerdings höflich ab. Man müsse schließlich fotografieren und Fakten notieren, sei nicht entsprechend angezogen, zu schwer oder habe Höhenangst… Um ehrlich zu sein, hatte jeder von uns seine ganz persönliche Ausrede dafür, den Adrenalinausstoß nicht unbedingt zu steigern.

Nach alpinem Vorbild
Kletterfreaks allerdings kommen sicherlich voll auf ihre Kosten auf „Europas größtem Indoor-Klettersteig“, wie die „Bergwerk“-Betreiber ihre neueste Attraktion rühmen. Nachdem schon am Donnerstag und Freitag einige Gäste durchs Shoppingcenter klettern durften, wird der Klettersteig am heutigen Sonnabend, 18. Oktober, offiziell eröffnet. Mehr als 30 verschiedene Schwierigkeiten, ganz nach alpinem Vorbild, werden auf drei Routen geboten. Spektakulär ist die 40 Meter lange Speed-Seilrutsche – dort muss man sich wohl wie Spiderman fühlen. Leider habe ich es nicht ausprobieren können, siehe oben.

Kinosäle wurden zu Kletterpark
Die Entstehungsgeschichte des „Bergwerks“ ist der gelungene Versuch einer Standort-Rettung. Denn es wurde in Teilbereichen des zu groß gewordenen Cinestar-Multiplexkinos an der Stendaler Straße errichtet. Das verzeichnete mit den Jahren immer weniger Besucher. Mit zwölf Sälen war es im Eröffnungsjahr 1997 das größte Kino Berlins, anfangs kamen jährlich bis zu einer Million Gäste. „2012 waren es dann nur noch etwa 300.000 Besucher“, erzählt Sören Sydow, Geschäftsführer des Kernbereichs der „Hellen Mitte“ und der „Bergwerk“-Betreibergesellschaft. Der Mietvertrag lief aus, man musste sich also etwas einfallen lassen. Denn das Gebäude war eine sogenannte Spezialimmobilie, gebaut ausschließlich für den Kinobetrieb. „Eine Neuvermietung wäre sehr schwierig geworden“, sagt Sydow. Deshalb wurde das Kino auf sieben Säle verkleinert. Diese wurden umfassend modernisiert und auf den neuesten technischen Stand gebracht. In drei Sälen entstand der bisher deutschlandweit einzigartige Indoor-Kletterpark, der jetzt um den Klettersteig im Atrium ergänzt wurde. Ein weiterer Kinosaal soll voraussichtlich im nächsten Jahr zum Klettern hergerichtet werden, so Sydow.

Älteste Bergsteigerin war 78
Mit der innovativen Lösung wurde ein Freizeitangebot geschaffen, von dem nicht nur die Betreiber, sondern der gesamte Standort „Helle Mitte“ profitieren, Händler ebenso wie Gastronomen. Die Besucherzahlen des Kinos sind mit jährlich 300.000 konstant geblieben, das „Bergwerk“ selbst hatte seit Eröffnung mehr als 100.000 Klettergäste und verzeichnet laut Sydow „ eine gute wirtschaftliche Entwicklung“. Die Besucher kommen aus ganz Berlin, teilweise auch von außerhalb. Die jüngsten Alpinisten sind sechs Jahre alt, die älteste Bergsteigerin bisher war 78. In der Immobilienbranche gelte das Konzept bereits heute als Beispiel für Problemlösungen bei mittlerweile ausgedienten Spezialimmobilien, berichtet Sydow. „Wir hatten schon Nachfragen von zwei Einkaufszentren, davon einem aus Berlin.“

Geprüft vom erfahrenen TÜV Austria
Dass besonderer Wert auf die Sicherheit der Kraxler gelegt wird, versteht sich. Der Klettersteig wurde extra vom TÜV Austria (der deutsche ist darauf nicht spezialisiert) überprüft und abgenommen. An zwei Leinen gesichert, kann man im Fall des Falles nicht tief stürzen, maximal 50 Zentimeter. Und falls doch mal jemand die Angst vor der eigenen Courage überkommt, dem helfen erfahrene Trainer zum Ausstieg zurück. „Aber auch für die Leute unten im Atrium müssen wir maximale Sicherheit bieten“, sagt Sydow. Vor Beginn ihrer Höhentour müssen die Kletterer deshalb alle Taschen völlig ausleeren, es darf nichts herunterfallen. „Im Kletterpark ist einmal einem Mann sein neues, teures Handy ins Wasser geglitten. Das war Pech für ihn.“ Würde so etwas auf dem Klettersteig passieren, könnte das jedoch weit gravierendere Folgen haben. „Gegenstände, die aus 25 Meter Höhe fallen, könnten Menschen ernsthaft verletzen“, so der Geschäftsführer. Das dürfe keinesfalls passieren.

Mindest-Kletteralter 12 Jahre
Weil der Steg eine neue sportliche Herausforderung darstellt, ist das Mindestalter für die Nutzer auf 12 Jahre festgelegt. „Jüngere Kinder können im ‚Bergwerk’ klettern“, sagt Sydow. Dort können sich schon Sechsjährige auf Parcours ausprobieren, vorausgesetzt, sie haben die Mindestgröße von 1,10 Meter. Der Kletterpreis für das „Bergwerk“ (Erwachsene) beträgt 22 Euro, für 3 Euro mehr kann mit dem „Großen Kletterpaket“ auch der neue Klettersteig genutzt werden. Einzeln kostet die Klettersteig-Passage 15 Euro.

Weitere Informationen: www.bergwerk-berlin.de

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden