Gespräch mit Sozialdiakon Michael Heinisch-Kirch, Sozdia-Stiftung

Die Zivilgesellschaft stärken

07.01.2019, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Der Sozialdiakon Michael Heinisch-Kirch arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Jugendlichen, die es im Leben schwer haben. Anfang der 1990er-Jahre sorgte er bundesweit für Aufsehen, weil er jungen Menschen aus der linken und rechten Szene im Rahmen von Projekten eine sinnvolle Beschäftigung gab. Inzwischen ist er Vorstandsvorsitzender der SozDia-Stiftung.

Herr Heinisch-Kirch, wer aufmerksam die Medien verfolgt, wird fast täglich konfrontiert mit Schreckensmeldungen: Einerseits lesen wir Schlagzeilen von Gewaltkonflikten, an denen oft auch geflüchtete Jugendliche beteiligt sind. Andererseits scheint der Fremdenhass dadurch Auftrieb zu gewinnen. Welchen Eindruck hinterlassen diese Ereignisse bei Ihnen?

Was dort in Chemnitz oder Köthen passierte, macht mich betroffen – in zweierlei Hinsicht. Ich sehe junge Menschen mit Flüchtlingshintergrund, die ihre Heimat verließen, weil sie Mord, Totschlag und Gewalt begegneten. Ich weiß das von vielen der von uns betreuten „unbegleiteten Minderjährigen“, die nun in der neuen Heimat vor zahlreichen Herausforderungen stehen. Sie müssen ein Asylverfahren durchlaufen, einen Schulplatz finden, unsere Sprache erlernen und sich orientieren. Sind sie erst einmal einigermaßen angekommen, brechen nicht selten Traumata auf, werden sie von der Vergangenheit eingeholt. Nicht jedem muss man einen Psychologen zur Seite stellen. Aber erwachsene Partner an ihrer Seite sind unerlässlich. Viel zu oft aber sind geflüchtete Jugendliche auf sich allein gestellt. Und da kommen nicht immer konstruktive Handlungen heraus, um es mal vorsichtig zu formulieren. Da sehe ich durchaus Parallelen zu der Entwicklung vieler Skinheads in den 1990er-Jahren: Die waren ja auch nicht automatisch gewalttätig unterwegs – ihre Handlungen und Reaktionen wurden logisch im Ergebnis ihrer Erfahrungen und Entwicklungen.

Wie aber lassen sich Konflikte, an denen auch geflüchtete Jugendliche beteiligt sind, verhindern?

Man muss die Leute einfach einbinden, sie mitgestalten und mitentscheiden lassen in ihrem Alltag. Es ist gar nicht schwer, ihnen ein Angebot zu machen. In der Praxis haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, immer an dem anzusetzen, was zusammen geht. Nimmt man sich ein gemeinsames Ziel vor, sind sie auch dabei. Und das funktioniert immer – beispielsweise durch die gemeinsame Aufgabe. Das ist ganz schlicht. Ich habe die Jugendlichen in den 1990er-Jahren nicht als links oder rechts betrachtet, sondern als Menschen, die ihre Würde haben, die ihnen innewohnt. Wenn wir gegenseitig akzeptieren, dass jeder eine Würde hat, gelingt es uns sehr schnell, gemeinsame Punkte, die wir gut finden, anzugehen. Die Auseinandersetzung darüber, was nicht zusammen geht, ist auch wichtig, kann aber erstmal hintenan gestellt werden.

Fremdenhass scheint aktuell (wieder) weit verbreitet zu sein. Ganz gleich, welche nachvollziehbaren Argumente Politik hervorbringt – viele Menschen fühlen sich „von denen da oben“ abgehängt. Was läuft da falsch?

In der Tat erlebe ich, dass sich viele Menschen ungerecht behandelt und abgehängt fühlen. Das ist schon verrückt. Denn in der Zeit nach dem gesellschaftlichen Umbruch wurde ja vor allem in den Ostbundesländern viel Geld investiert, damit sich die Lebensbedingungen bessern. Allerdings wurden die Leute nicht hinreichend mitgenommen. Dieses Gefühl, nicht zugehörig zu sein, nicht mit­entscheiden zu können, führt latent zu einer Abgrenzung von der Gesellschaft. Und dann kommen aktuell zwei Dinge dazu, die Angst machen: Einerseits entsteht zunehmend der Eindruck, der Rechtsstaat schaut weg. Andererseits haben viele Familien angesichts steigender Mieten die Befürchtung, sich nicht mehr ihre Wohnung leisten zu können. Das sind Dinge, von denen ich denke, wir müssen sie in den Griff kriegen: Den Rechtsstaat verlässlich machen und eine Sicherheit herstellen.

Wen meinen Sie mit „wir“?

Die Akteure der Zivilgesellschaft, die vorangehen und sagen: Wir machen das. Letztlich flankiert von denen, die die Zivilgesellschaft wählt. Also letztendlich unsere Politiker, egal ob auf kommunaler Ebene, im Land oder im Bund.

Warum hat es die Politik so schwer, ernst genommen zu werden?

Ich sehe da zwei Effekte. Einerseits sind die Vorgänge in unserer globalisierten Welt komplex. Wem soll man denn erklären, dass nach Griechenland weiß ich wie viele Milliarden Euro gehen, um das Land zu retten, während für die Kita oder Schule vor der eigenen Tür keine Sanierungsmittel vorhanden sind und die eigenen Kinder kaum wissen, wo sie dort noch auf die Toilette gehen sollen? Das versteht doch niemand. Der andere Effekt ist, dass es unter den Spitzenpolitikern kaum noch profilierte Menschen gibt. Ich sehe da sehr wenige Menschen im politischen Raum, die nachwachsen könnten.

Wie kann man die Kluft zwischen der fernen Politik auf der einen und den ganz realen Problemen der Menschen vor Ort überwinden?

Letztlich durch das Erstarken von Zivilgesellschaft. Wir als Zivilgesellschaft müssen an die Politiker heranrücken. Wir haben sie gewählt, sie sollen Aufgaben lösen, und das können sie nur, wenn wir als Zivilgesellschaft stark sind.

Allerdings wird auch die Zahl derer, die nach Alternativen rufen und sich dafür engagieren, größer.

Da gibt es einige, wenige Scharfmacher und Antidemokraten, die von sich behaupten, sie seien eine Alternative. Da ist jedoch kein Konzept dahinter. Alles wirkt so, als wäre das Land voller Antidemokraten. Dabei sind die Antidemokraten sehr wenig. Wir müssen die Abgrenzung hinkriegen innerhalb der jetzt groß erscheinenden Masse.

Die AfD ist mittlerweile in allen Landesparlamenten vertreten. Besteht nicht die Gefahr, grundsätzlich, dass diese mit Kräfte sich über einen ganz legitimen demokratischen Weg an die Macht vorarbeiten und wir dann unsere Demokratie in Gefahr sehen müssen?

Ja, das sehe ich tatsächlich. Letztlich haben wir es ja auch in anderen Ländern erlebt: Donald Trump macht sämtliche Errungenschaften des amerikanischen Volkes kaputt. Ich habe die Befürchtung, dass so etwas in Deutschland auch passieren kann. Von daher sehe ich keine Alternative – wir als Zivilgesellschaft sind die entscheidenden Akteure zur Stärkung unseres demokratischen Zusammenlebens.

 

Zur Person

Michael Heinisch-Kirch wurde 1964 in Frankfurt (Oder) geboren. Nach Ausbildungen zum Elektromonteur, Rangierarbeiter und Krankenpfleger erlangte er ein Examen als Sozialdiakon, ein Diplom als Sozialpädagoge sowie einen Abschluss in Social Management. Seit 1985 ist er in verschiedenen Funktionen für die Evangelische Kirche tätig, wo er als Diakon die Jugendarbeit in Lichtenberg aufbaute. Seit 2013 ist Heinisch-Kirch Vorstandsvorsitzender der „Sozdia-Stiftung – Gemeinsam Leben Gestalten“. Die Stiftung ist Trägerin von Kitas, Stadtteil- und Familienzentren, von Kinder- und Jugendklubs und Wohneinrichtungen für Jugendliche. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Arbeit mit Geflüchteten, in der Fort- und Weiterbildung, im Bereich Umwelt und Ökologie sowie Arbeit und Qualifizierung. Für sein politisches Engagement in DDR-Bürgergruppen erhielt er zahlreiche Ehrungen. 2015 wurde dem achtfachen Familienvater das Bundesverdienstkreuz verliehen.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden