Stolperstein für Hedwig Mentzen verlegt

Dem Vergessen entrissen

13.05.2016, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Kaulsdorf. Hat sie gern gelacht, mochte sie Kino oder Theater? Womit beschäftigte sie sich nach der Arbeit, hat sie gelesen oder vielleicht gestrickt? Wovon hat sie geträumt, was machte ihr Freude, was Angst? Kaum einer hat noch Antworten auf diese Fragen. Hedwig Mentzen: Geboren am 13. Juli 1882 in Steinbach/Unterfranken, letzter Wohnsitz die damalige Billungstraße 8 in Kaulsdorf (jetzt Hannsdorfer Straße 8), letztes Lebenszeichen am 30. März 1942 beim Fußmarsch ins Lager Piaski. Dann verliert sich die Spur der Frau, die wie Millionen andere jüdische Bürger in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten verbracht wurden. Die Erinnerung an Hedwig Mentzen schien viele Jahrzehnte lang ausgelöscht.

Nur drei Menschen gelang die Flucht
Wenn nicht Barbara Töpfer gewesen wäre, eine pensionierte Ärztin aus Kaulsdorf. Die 68-jährige, die seit ihrer Kindheit in der Hannsdorfer Straße wohnt, kam 2013 nach einem Stadtspaziergang zum Thema jüdisches Leben in Berlin auf die Idee, Nachforschungen über das Haus Nummer 8 anzustellen. Das galt in der Zeit des Nationalsozialismus als „Judenhaus“. Die Besitzer, Emilie und Emil Roth, beide jüdischen Glaubens, hatten das Einfamilienhaus 1929 gebaut. Ab 1939 wurden ihnen weitere jüdische Mitbewohner zugewiesen. „Teilweise wohnten bis zu zwölf Personen dort“, berichtet Barbara Töpfer. Nur drei Bewohnern, der Familie Philipp, sei die Flucht vor den Nazis gelungen. An Emilie und Emil Roth erinnern bereits seit 2014 vor der Hannsdorfer Straße 8 zwei Stolpersteine, glänzende Messingtafeln mit dem Namen sowie den Geburts- und Sterbedaten, LiMa+ berichtete.

Viele Stunden geforscht
Seit Donnerstag, 12. Mai, macht auch ein Stolperstein auf Hedwig Mentzen aufmerksam, ebenfalls gestiftet von Barbara Töpfer. Die Kaulsdorferin hat viele Stunden in Archiven und Behörden verbracht, durch ihre Recherchen letzte Verwandte von Hedwig Mentzen wie die Nachkommen ihrer Schwester Minna gefunden. Deren Urenkel sandte ihr einen Stammbaum der Familie. Durch die Forschungen der Ärztin wurde Hedwig Mentzens Schicksal bekannt.

Vom Bahnhof Grunewald in den Tod
Hedwig Mentzen, geborene Kahn, war eines von neun Kindern, der Vater Viehhändler, die Mutter früh verstorben. Sie erlernte den Beruf einer Kindergärtnerin, heiratete 1909 Moritz Adler in Berlin, in zweiter Ehe 1915 Edmund Mentzen, der bereits 1917 im Alter von 46 Jahren starb. Dieser war nichtjüdischer Abstammung, gehörte der evangelischen Religionsgemeinschaft an. Die Ehe blieb kinderlos. 1927 trat Hedwig Mentzen aus dem Judentum aus. Dennoch war sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. In den 1930er-Jahren lebte sie in Krummhügel im Riesengebirge, wo sie eine kleine Drogerie besaß. Während des Novemberpogroms 1938 flüchtete sie nach Berlin und wohnte in verschiedenen Stadtteilen zur Untermiete bis ihr 1941 ein Zimmer mit Küche in der Billungstraße 8 zugewiesen wurde. Es sollte ihr letzter Wohnsitz werden. In der Transportliste des 11. Transports nach Osten vom 28. März 1942 ist Hedwig Mentzen unter dem Kennzeichen 11994, Kennkarten-Nr. 0001 erfasst. Der Transport ging über das Sammellager in der Levetzowstraße in Tiergarten ab Bahnhof Grunewald nach Trawniki (Distrikt Lublin/Polen) – in den Tod.

Mahnung aktueller denn je
Unterstützt bei ihren Recherchen zu den lange vergessenen Kaulsdorfer Nachbarn wird Barbara Töpfer vom Kreisverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Bernd-Rüdiger Lehmann, Vorsitzender der IG Bau in Marzahn-Hellersdorf, kümmert sich um die Stolperstein-Projekte. Bei der feierlichen Verlegung des Gedenksteins für Hedwig Mentzen appellierte er daran, sich dafür zu engagieren, dass nie wieder Menschen wegen ihrer Religion, Nationalität, Hautfarbe oder Weltanschauung verfolgt werden. Eine Mahnung, die aktueller denn je ist.

In 20 Ländern Europas
Das Projekt Stolpersteine wurde von dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig im Jahr 1992 initiiert. Inzwischen haben er und sein Team Stolpersteine in 1.099 Orten Deutschlands und in zwanzig Ländern Europas verlegt. Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Der Stein für Hedwig Mentzen ist der 30. Stolperstein in Marzahn-Hellersdorf.

 

 

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