Wo einst Menschen vom NS-System interniert waren

Wohnen in Zwangsarbeiter-Baracke

16.04.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1-5), Andrea Scheuring (6)

Kaulsdorf. An der Wuhle nahe der Kaulsdorfer Straße sind große Tafeln zu sehen – eine Open-Air-Ausstellung. Passanten können sich dort über das Zwangsarbeiterlager Kaulsdorf informieren, eines der größten in Berlin. Das Lager an der Kaulsdorfer Straße 90, errichtet auf dem Besitz des enteigneten jüdischen Eigentümers Felix Walter, diente 1939 zunächst für Arbeitskräfte der Deutschen Reichsbahn. Danach war es Durchgangslager für Wolhyniendeutsche, später Lager für französische Kriegsgefangene. Von 1942 bis 1945 wurde es als Lager für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion genutzt. Zu DDR-Zeiten diente das Areal als Gewerbegebiet, teilweise auch zu Wohnzwecken. Ab 2012 erfolgte der Abriss der Gebäude, die vom Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf gestaltete Open-Air-Ausstellung entstand, siehe hier… . Gleichzeitig wurde die Baracke 92B unter Denkmalschutz gestellt.

Empörung auf Twitter

Inzwischen dient diese zwei Familien als Zuhause. Im Garten wurden Sträucher und Blumen gepflanzt, stehen Tische und Stühle. Kinderspielzeug ist zu sehen. Wie es drinnen aussieht, zeigt eine Veröffentlichung des Büros ST-Architektur. Die Berliner Architekten haben die denkmalgeschützte Baracke im Jahr 2017 zu Wohnzwecken hergerichtet, das Äußere blieb weitgehend unverändert. Erst jetzt ging das durch die sozialen Medien, diente dort der Empörungskultur. Die Doku NS-Zwangsarbeit etwa kritisierte vor einigen Tagen auf Twitter: „Schöner wohnen, wo einst Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter interniert waren: Ehemaliges Zwangsarbeiterlager Baracke 92 B, Marzahn-Hellersdorf. Man nennt es denkmalgerecht.“ Die Architekten verweisen auf ihrer Seite allerdings darauf, dass das Haus bereits in den vergangenen Jahrzehnten bewohnt, umgebaut und so stark  verändert wurde, dass von seinem ursprünglichen Charakter kaum etwas erhalten worden sei. Es sei das einzige Gebäude, das von einst mindestens 30 Zwangsarbeiterlagern in Kaulsdorf-Süd übrig blieb. „Ohne eine bauliche Maßnahme wäre auch die letzte Baracke und ihre Geschichte für nachkommende Generationen verloren gegangen.“ Deshalb sei in enger Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesdenkmalamt ein Konzept entwickelt worden, das die noch vorhandene historische Bausubstanz und ihre Geschichte bewahrt, es aber auch als Chance sehe, „endlich etwas Positives einkehren zu lassen“.

Nicht das einzige Wohnhaus mit unrühmlicher Geschichte

Und es ist nicht das einzige Gebäude in Berlin mit unrühmlicher Geschichte, das nun dem Wohnen dient. Das alte Rummelsburger Gefängnis beispielsweise, zuerst Arbeitshaus, in der DDR dann Männergefängnis, wurde bereits 2007/08 zu einer exklusiven Wohnanlage umgebaut. Seit einigen Jahren wird mit Infotafeln und einer App an den Gedenkort an der Rummelsburger Bucht erinnert. Wie auch bei der Open-Air-Ausstellung in Kaulsdorf können sich Interessierte über die wechselvolle Geschichte informieren. Ob man als Eigentümer oder auch als Mieter an solch einem Platz leben will, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Schlechteste ist es aber nicht, wenn ein einst furchtbarer Ort seine Bestimmung gewechselt hat – und dort nun Kinder sorglos aufwachsen können.


Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden