Der Bahnhofsvorplatz Lichtenberg ist teilweise geräumt. Doch:

Wohin mit den obdachlosen Menschen?

10.09.2019, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Der Bahnhof Lichtenberg ist seit über zwei Jahrzehnten Anlaufpunkt für obdachlose Menschen und für Alkoholabhängige. Doch in den vergangenen Wochen und Monaten spitzte sich die Situation dort zu. Passanten und Fahrgäste der U-Bahn mussten einiges ertragen. Die 75-jährige Ingrid K. aus der Lincolnstraße muss mit ihrem Rollator den U-Bahn-Zugang und den Fußgängertunnel zur Alten Frankfurter Allee benutzen, um zum Arzt zu kommen. „Die Bänke auf dem Vorplatz waren von Obdachlosen meist belegt“, sagt die Rentnerin. Eine Verschnaufpause sei hier nicht möglich gewesen. Auch, wer an der Bushaltestelle der Linie 240 auf dem Bahnhofsvorplatz an der Weitlingstraße wartete, musste sich die Bänke oft mit Obdachlosen teilen.

Ingrid K: „So wie bisher geht es nicht weiter“

 „Ich habe sonst keine Scheu und bin wirklich nicht empfindlich oder ekele mich schnell. Aber es roch überall stark nach Urin und nach anderem. Im Tunnel verstellte man mir absichtlich den Weg und bettelte mich aggressiv an. Was soll ich machen?“ Sie könne sich doch nicht wehren, sagt die Frau zu LiMa+. „Im Penny gegenüber stand ein Obdachloser vor mir an der Kasse“, berichtet Ingrid K. weiter. Er habe so gestunken, dass die Kassiererin wegrannte, weil sie sich übergeben musste. „Verstehen sie mich bitte nicht falsch“, entschuldigt sich die Pensionärin fast. „Ich möchte, dass diesen Menschen geholfen wird.“ Doch so wie bisher gehe es dort nicht weiter.

Teilräumung des Bahnhofsvorplatzes

Das hat man auch im Bezirksamt Lichtenberg erkannt. Und handelte: Am Montag, 2. September, wurde der Bahnhofsvorplatz durch das Ordnungsamt, die Polizei und Sicherheitskräfte der BVG teilweise geräumt.
Während die CDU Lichtenberg den Sicherheitskräften für ihr „behutsames, menschliches und professionelles Handeln“ dankte, waren Bündnis 90/Die Grünen „entsetzt über die erfolgte Räumung von Teilen des Camps und die Vertreibung von Menschen ohne Obdach.“

Es gab Vor-Ort-Termine und Gespräche

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke), informiert, dass es in den Sommermonaten rund 50 Beschwerden zu den Zuständen am Bahnhof Lichtenberg gab. Das Bezirksamt habe reagiert. Vor der teilweisen Räumung gab es mehrere Gesprächsrunden und Vor-Ort-Termine. Beteiligt waren Ehrenamtliche und Vertreter der Sozialgenossenschaft Karuna, der Tagestreff für Wohnungslose und Bedürftige des Humanistischen Verbandes Deutschland (LiMa+ berichtete), Gangway, die Polizei und Bundespolizei, das Ordnungsamt, die Bahn und das Bahnhofsmanagement, der Sicherheitsdienst sowie Elternvertreter der Robinson Grundschule. „Dabei kam man zu der Einschätzung, dass mit Mitteln des Ordnungsrechtes allein keine Lösungen erreicht werden kann“, sagt Michael Grunst.

„Soziale Lösungen sind gefragt.“

Der Bahnhof müsse mit allen seinen Funktionen barrierefrei für die Nutzer zur Verfügung stehen. Deshalb verfolge das Bezirksamt Lichtenberg einen dreifachen Ansatz.
Erstens sollen die betroffenen Menschen weiterhin soziale Hilfestellung bekommen. Zweitens werden – wie bereits erfolgt – die Flächen an den Fahrradständern, links vom U-Bahn-Eingang und am Fahrstuhl freigehalten. Die Ordnungsbehörden zeigen verstärkte  Präsenz. Die BSR soll regelmäßig reinigen. Und drittens soll die „Implementierung eines Platzmanagements und Straßensozialarbeit“ noch im September begonnen werden. Dafür stehen 20.000 Euro bereit. In den Jahren 2020/21 vom Bezirk noch einmal 50.000. Wie Bürgermeister Michael Grunst versichert, sucht das Bezirksamt „bis Ende September eine Ausweichfläche für die rechts neben dem Eingang lebenden Obdachlosen.“ Dazu sei jedoch die Unterstützung der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales erforderlich.

Ursachen und Auswirkungen bekämpfen

In der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg steht das Thema auf der Sitzung am Donnerstag, 12. September, wieder auf der Tagesordnung, nachdem es von der August-Sitzung vertagt worden war. Einig sind sich die demokratischen Parteien, dass den Menschen ohne Obdach geholfen werden muss. Sonst werden die Probleme nur an andere Orte verlagert. Auseinander gehen die Meinungen der Parteien, wenn es um die Bekämpfung der Ursachen von Armut und Wohnungslosigkeit geht.

Der Sommer ist vorbei. Die Nächte werden kühler und Lösungen bezüglich der Obdachlosen dringlicher. Ihre Zahl steigt weiter in Berlin. Aus Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten hatten Senat und BVG im Dezember 2018 den Bahnhof Lichtenberg und den Bahnhof Moritzplatz zu sogenannten Kältebahnhöfen erklärt.


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