25 Jahre Mauerfall: Erinnerung an das Schicksal politischer Gefangener im Herbst ´89

Wo die Mauer erst zu Weihnachten fiel

25.10.2014, Andrea Scheuring

Fotos: Andrea Scheuring

Hohenschönhausen. Kunststudentin Anne Hahn organisiert Mitte der 80er Jahre in Magdeburger Studentenklubs Punkkonzerte und gerät ins Visier der Stasi. Den einzigen Weg in eine Zukunft sieht die 20jährige in der Flucht gen Westen. Küchenmeister Norbert Grohmer hat sich zu dieser Zeit aus moralischen Gründen bereits gegen das SED-Regime gewendet und arbeitet mit dem BND zusammen. Mirko Röwer, ein junger Berliner, will einfach nur frei sein. Gemeinsam mit seinem Bruder scheitert er im Mai 1989 bei dem Versuch, der Enge der DDR-Gesellschaft über die tschechoslowakische Grenze zu entkommen. Manfred Haferburg, Oberschichtleiter im Kernkraftwerk Lubmin bei Greifswald, lehnt eine Anwerbung durch die Stasi als IM ab und bekommt die ganze Härte des Regimes zu spüren. Systematisch in seiner Existenz vernichtet, bleibt nur der Gedanke an Flucht. Die Lebenswege der vier politischen Gefangenen führen – nach ihrer Verhaftung – alle nach Hohenschönhausen, wo sie in Untersuchungshaft kommen, von Stasi-Mitarbeitern verhört und später größtenteils in andere Gefängnisse verlegt werden.

Am Donnerstagabend, 23. Oktober, trafen sich die vier Zeitzeugen der jüngsten deutschen Geschichte in der inzwischen als Gedenkstätte genutzten ehemaligen Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen, um sich gemeinsam und beispielhaft für die vielen anderen politischen Häftlinge an ihren Leidensweg in den letzten Tagen der DDR zu erinnern.

Tore der DDR-Haftanstalten bleiben weiter geschlossen
Als am 9. November 1989 die Mauer fällt und euphorische Massen über die geöffneten Grenzübergänge strömen, ahnen weder Anne Hahn, Norbert Grohmer noch Mirko Röwer etwas vom politischen Erdbeben in der DDR. Nur Manfred Haferburg, dem – am 1. November überraschend aus der U-Haft entlassen – inzwischen die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt und die Ausreise genehmigt worden ist, verfolgt in Bad Honnef am Fernseher schockiert die Ereignisse in der Hauptstadt. Doch die Tore der mehr als 80 DDR-Haftanstalten bleiben für die meisten politischen Gefangenen – trotz Amnestie vom 27. Oktober für illegal ausgereiste DDR-Bürger und inhaftierte Demonstranten – vorerst geschlossen. Das System funktioniert hinter Gefängnismauern weiter. Erst am 23. Dezember 1989 kommt der vermutlich letzte politische Gefangene der DDR frei: Mirko Röwer darf einen Tag vor Weihnachten die Haftanstalt Cottbus, in die er von Hohenschönhausen aus gebracht worden war, verlassen. Vom Fall der Mauer hat Röwer nichts mitbekommen. Auch als er wieder zu Hause ist, kann der 26jährige die politischen Veränderungen im Land weder nachvollziehen noch glauben.

Der Willkür verunsicherter Stasi-Mitarbeiter ausgesetzt
„Alles, was wir hatten, waren Gerüchte, so ein Gefühl. Das Wachpersonal verhielt sich plötzlich anders“, erinnert sich Manfred Haferburg an seine letzten Wochen U-Haft in Hohenschönhausen. „Manch einer war freundlicher, andere aggressiver“, beschreibt der damals 41jährige seine Angst vor der Willkür zunehmend verunsicherter Stasi-Mitarbeiter. Angst scheint ein zentrales Moment im Leben des Ingenieurs zu sein, der in verantwortungsvoller Position im damaligen Kernkraftwerk Lubmin/Greifwald arbeitete – und aufgrund persönlicher Verweigerung mit dem System in Gestalt von Parteifunktionären, Stasi-Offizieren und dem besten Freund, der ihn für die Stasi bespitzelte, in Konflikt geriet. Haferburg erlebte, wie er vom normalen DDR-Bürger zum „feindlich negativen Element“ und damit Ziel von Zersetzungsmaßnahmen des MfS wurde. Im Rahmen eines „ operativen Vorgangs“ waren 30 IMs an der staatlich sanktionierten Intrige gegen den Kernenergetiker beteiligt. „Ich hatte plötzlich keinen Job mehr, kein Haus, keine Familie, keine Freunde“, versucht der heute 66jährige seine Entscheidung, über die Tschechoslowakei in den Westen fliehen zu wollen, zu rechtfertigen. Es ist die Angst der Mutigen, die ihn – alles hinter sich lassend – in einen Zug von Prag nach Nürnberg steigen lässt. Die Flucht misslingt. Haferburgs Leidensweg durch verschiedene Gefängnisse endet schließlich im Haftkrankenhaus des Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen.

Die „Angst, wie ein Brennstab entsorgt zu werden“
„Ich wusste nicht, was sie mit mir machen würden. Ich war als Oberschichtleiter im AKW ja Geheimnisträger. Hatte viele Informationen, z.B. über Betriebsstörungen. Ich war für die wie ein Brennstab, den man entsorgen musste“, beschreibt Manfred Haferburg seine Gedanken in U-Haft. Als am Morgen des 1. November 1989 fünf Wachmänner und sein Vernehmer in die Zelle gestürzt kommen, ihm seine Sachen wegnehmen und ihn stundenlang nackt warten lassen, befürchtet er das Schlimmste. Einen Richter hat er bisher nicht zu Gesicht bekommen. Von der politischen Wende – dem Sturz Honeckers, Großdemonstrationen und offenen Diskussionsveranstaltungen überall in der Republik – weiß er nichts. Die Angst nimmt sich Raum. Mit ihr kehren irgendwann auch die Stasi-Leute zurück. Nachdem er Zivilkleidung angezogen hat, verbinden sie ihm die Augen, schleifen ihn durch die Gänge bis er schließlich draußen in der kalten Novemberluft an einem Tor anlangt. „Sie hielten mich fest. Da hörte ich ein Geräusch, es klang, als würde eine Pistole durchgeladen“, schildert Haferburg den Moment, der sich tief in seiner Erinnerung eingegraben hat. „Ich fing an zu zittern und hatte Angst, mir vor diesen Wachleuten in die Hosen zu machen.“ Haferburg wird in einem Auto weggefahren. Seine Gedanken schwanken zwischen der Angst, irgendwo erschossen zu werden, und der kleinen Hoffnung auf eine mögliche Abschiebung in den Westen. „Ich hatte das Gefühl, dass diese Stasi-Männer meine Angst riechen konnten“, sagt Haferburg. Die Angst der Hilflosigkeit. Die sich zur Angst der Verzweiflung steigert, in der Haferburg laut zu lachen anfängt, die Peiniger einfach auslacht. Die befördern ihn kurzerhand auf das verregnete Kopfsteinpflaster. Irgendwo in Köpenick, wie sich herausstellt. Haferburg ist frei.

Seine Erinnerungen und Erlebnisse hat Manfred Haferburg in dem autobiographischen Roman „Wohn-Haft“ verarbeitet, der 2013 erschienen ist. „Ich habe mir alles von der Seele geschrieben, das hat geholfen, aber das Trauma bleibt“, sagt der 66jährige. Er lebt heute mit seiner Frau in Paris: „Ich fühle mich dort wohler, der Kaffee ist besser, die Leute sind entspannter und es gibt ganz wenige Stasi-Spitzel.“

 

 

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