Marzahn-Hellersdorf ist einer der schönen Wohnorte in Berlin – aber:

„Wir sind nicht der Partybezirk“

11.05.2019, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Gespräch mit Dagmar Pohle (Die Linke), Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf. Gern erinnert sie sich an ihren Umzug nach Marzahn, geht gelassen mit Klischees um, lobt den Bezirk als schönen Wohnort und blickt auf die Herausforderungen der kommenden Jahre.

Frau Pohle, Sie zogen im Sommer 1978 nach Marzahn. Wie war das damals für Sie?

Das war ein ausgesprochen gutes Gefühl. Bis dahin wohnten wir in Friedrichshain, in der Nähe des Alten Schlachthofes: Ein Zimmer im Hinterhaus, Küche und Innentoilette mit Handwaschbecken. Als ich jedoch meinen Mann anrief und von der Benachrichtigung über die Zuweisung einer Wohnung in Marzahn berichtete, reagierte er erst einmal ablehnend: Da könne ich alleine hinziehen, sagte er. Er hatte sofort Bilder von Baustellen und Dreck im Kopf. Dann haben wir uns aber doch die Wohnung angeschaut. Sie hatte zwei Zimmer, Küche und Bad mit Fenster, dazu einen freien Blick damals über Biesdorf Nord und ins Brandenburgische, weil ja bei uns gegenüber in der Springpfuhlstraße (heute Allee der Kosmonauten, Anm. d. Red.) noch gar nichts gebaut war. Ich erinnere mich daran, wie wir das erste Mal in der Wohnung waren, um sauber zu machen. Bevor wir in unsere alte Wohnung zurückfuhren, badeten wir erst einmal. In Friedrichshain hatten wir ja nur ein Handwaschbecken – und mussten zum Heizen Kohlen schleppen. Im Laufe der Jahre zogen wir mit unseren beiden Kindern aus Platzgründen innerhalb des Kiezes viermal um.

Sie konnten die gesamte Entwicklung des Bezirks von der Gründung bis in die Gegenwart verfolgen. Wie hat sich Marzahn, später Marzahn-Hellersdorf, entwickelt?

Zunächst entstanden Quartiere auf der Grundlage der Idee des komplexen Wohnungsbaus. Neben den Wohnungen schloss dies alles ein, was zum Wohnen dazu gehört: Die Versorgung der Kinder mit Kitaplätzen und Schulen, Dienstleistungseinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten, Poststellen und medizinische Einrichtungen. Was ich damals schätzte, dass meine Kinder – nachdem wir das geübt haben – relativ früh alleine in den Kindergarten gehen konnten. Der war direkt hinterm Haus. Die Kinder gingen im Wohngebiet zur Schule, alles war verkehrsberuhigt, der Spielplatz lag hinterm Haus. Ich konnte aus dem Fenster sehen und hatte meine Kinder im Blick. Die Waren des täglichen Bedarfs, wie es so schön hieß, konnten wir gleich um die Ecke kaufen. Am Ende waren 1990 gut 100.000 neue Wohnungen entstanden, und das gut durchdacht. Dann gab es diese von Landespolitikern in den 1990er-Jahren angestoßene Debatte, Großsiedlungen abzureißen.

Dazu kam es ja nur in kleinem Umfang im Rahmen von Stadtumbau Ost.

Das liegt auch daran, dass die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner sich damals schon in Umfragen hoch zufrieden darüber äußerten, dass sie gerne in Marzahn und Hellersdorf leben.

Welche Auswirkungen hatte der Umbruch in den 1990er-Jahren?

Die Art von Kiezstruktur, die wir schätzen gelernt haben, hat mit dem Wandel nach 1990 nicht mehr funktioniert. Das hing unter anderem mit den anderen Versorgungsstrukturen zusammen und damit, wie die Schule neu organisiert wurde. Weiterführende Schulen waren plötzlich nicht mehr kiezorientiert. Früher hatten wir als Eltern Kontakt, nun ging das verloren. Nach 1990 gab es zudem massive Veränderungen im gartenstädtischen Siedlungsgebiet – durch die Teilung der Grundstücke, durch einen massiven Zuzug und eine Verjüngung der Bevölkerung. Was zu bedauern ist, dass das Land Berlin, aber auch der Bezirk noch nicht die Kraft hatten und das Geld, dem auch eine adäquate Infrastruktur entgegenzusetzen. Wenn ich sehe, dass viele Straßen bis heute noch keine Fußwege haben, oder dass wir relative weite Wege haben für eine medizinische Versorgung oder bestimmte kulturelle Angebote, dann gibt es da für die Zukunft noch Entwicklungspotenziale. Die gilt es gemeinsam mit dem Land Berlin zu heben.

Man muss jemanden, der in Marzahn-Hellersdorf wohnt, nicht erklären, warum er gerne hier lebt. Und dennoch halten sich Klischees hartnäckig. Wie gehen Sie damit um?

Bestimmte Stereotype wurden in den 1990er-Jahren formuliert und ziehen sich durch, gerade bei denen, die noch nie hier waren. Ich habe es aufgegeben, mich darüber zu ärgern. Interessant ist es immer, wenn es uns gelingt, dass sich solche Menschen vor Ort ein Bild machen und unseren Slogan aufgreifen, dass das hier ganz anders ist als gedacht. Ich glaube im Vergleich von Großsiedlungen in Ost und West, dass wir auf den vorderen Plätzen landen. Wir sind sehr großzügig gebaut: viele Grün- und Freiräume, wo sich Ältere, Kinder und Familien gut aufhalten können. Was für den Bezirk spricht, ist seine gute verkehrliche Anbindung. Wenn Menschen sich erst einmal bei uns eingewöhnt haben und das Grün vor der Haustür schätzen, möchten sie das nicht mehr missen.

Wenn Sie Menschen von außerhalb einladen: An welchen Ort in Marzahn-Hellersdorf gehen Sie zuerst?

Am besten auf den Wolkenhain im Kienbergpark und oder auf den Skywalk an der Marzahner Promenade. Von oben kann man den Bezirk gut erklären. Man sieht den Vorzug des Grünen und die vielen Facetten des Bezirks: Dazu gehören die Gärten der Welt, der Kienberg, das Schloss Biesdorf, das Gutshaus Mahlsdorf mit seinem Gründerzeitmuseum, aber auch das Gelände des ehemaligen Griesinger-Krankenhauses, auf dem mit dem Unfallkrankenhaus Berlin ein moderner Gesundheitsstandort errichtet wurde. Erwähnenswert sind auch der Berliner Balkon mit dem schönen Blick ins Urstromtal, das Dorf Marzahn als klassisches Angerdorf oder Marzahn-Nord, weil dort mit den originalen Fassaden der Elfgeschosser und den Ahrensfelder Terrassen Gegensätze des Stadtumbaus deutlich werden. Es gibt in Marzahn-Hellersdorf viele Orte, die ich gerne  zeige.

Wo würden Sie sich im 40. Jahr nach Bezirksgründung in der Liga der zwölf Berliner Bezirke einordnen?

Ich finde, Marzahn-Hellersdorf ist einer der schönen Wohnorte in Berlin, vor allen Dingen dann, wenn es um gute Bedingungen für Familien geht. Wir sind nicht der Partybezirk. Wer das erwartet oder meint, er könne jeden Abend irgendwo super lecker anders essen gehen, wird vermutlich nicht zufrieden sein. Aber ich glaube, dass Marzahn-Hellersdorf insbesondere für Familien und Ältere ein guter Ort zum Leben ist. Das merken wir ja am Zuzug.

Welche Herausforderungen stehen in den kommenden Jahren auf der Agenda?

Was die Eigenheimsiedlungen betrifft, da habe ich ja schon einiges beschrieben. Im Hinblick auf die Großsiedlungen müssen wir mehr Dynamik in die Gestaltung der Infrastruktur bekommen, um der wachsenden Bevölkerung Rechnung zu tragen. Das meint nicht nur Kita- und Grundschulplätze, sondern auch vernünftige Einkaufsbedingungen sowie eine angemessene medizinische ambulante Versorgung. Darüber hinaus muss auch die Verwaltung in der Lage sein, die vielfältigen Bedarfe zu decken. Unser Bezirk steht für eine offene und solidarische Gesellschaft mit Menschen, die hier gerne leben und sich wohlfühlen. Wir haben einen relativ hohen Anteil an Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Als Bezirk können wir aber mit Mieten punkten, die dem Einkommen entsprechend angemessen sind. Als Kommunalpolitiker stehen wir daher in der Verantwortung, dass dies so bleibt.

Zum Geburtstag darf man sich in der Regel etwas wünschen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Für Marzahn-Hellersdorf würde ich mir wünschen, dass wir im Konzert der zwölf Berliner Bezirke gleichberechtigt mit anderen behandelt werden und keine Unterteilung nach Innenstadtbezirken und Randbezirken stattfindet. Wichtig finde ich, dass sich die Wirtschaft weiterentwickelt, Arbeitsplätze vor Ort bleiben und neue entstehen. Denn das macht ja gutes Wohnen aus, wenn man nicht stundenlang unterwegs ist, um zur Arbeit zu gelangen. Und dann hoffe ich, dass – wer auch immer meine Nachfolge antreten wird – wir nicht jeden Euro umdrehen müssen, um den Bezirk voran zu bringen.

Das Gespräch führte Marcel Gäding


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