Alles eine Frage der Betrachtung: Was ist mit dem Glas?

Halbvoll oder halbleer

08.03.2020, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Ich habe Schnupfen. Das ist ausgesprochen lästig. Die Nase läuft und ist rot, hin und wieder muss ich auch husten wegen des angesammelten Schleims. Das ist eklig. Angst, dass ich mir etwas Schlimmeres zugezogen habe, habe ich allerdings nicht. Denn ich kenne die Personen genau, die mir die Rinusitis weitergereicht haben: Mein Mann, der sich seinerseits wie so oft eine Erkältung von seinem Schreibtischnachbarn zugezogen hat. Denn dieser kommt auch mit starken Krankheitszeichen immer ins Büro. Was man eigentlich – mit Rücksicht auf sich selbst und alle anderen – tunlichst unterlassen sollte.

Husten – und gleich Platz in der U-Bahn

Die schlimmsten Erkältungszeiten sind zwar mit Heranschreiten des Frühlings hierzulande langsam vorbei. Dennoch hustet und schnupft noch so mancher. In den Zeiten des Coronavirus (Covid 19) wird das mit Argwohn betrachtet. Woraus manche durchaus ihren Nutzen ziehen. Eine Bekannte erzählte kürzlich glucksend, wie sie sich nun Platz in der vollen U-Bahn verschafft: „Ich huste nur ein wenig und gucke verzweifelt, da rutschen die Leute von selber weg.“

Darf man in diesen Zeiten Witze machen?

Nun ist die Infektion, über die man immer noch nicht so viel weiß, eigentlich kein Ding, über das man Witze machen sollte. Oder vielleicht doch? Schließlich prasseln die bösen Nachrichten so über uns ein, dass man langsam gar nicht mehr richtig nachdenken kann. Abgeriegelte Städte in verschiedenen Teilen der Welt, schulfrei bis Mitte März zum Beispiel in Italien (was sich viele Schüler bei uns bestimmt auch wünschen würden), tägliche Meldungen neuer, steigender Infektionszahlen…

Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber

Fast 800 Menschen in Deutschland haben sich bis zum gestrigen Sonnabend mit dem noch reichlich unbekannten Virus angesteckt. Und es werden mit Sicherheit wohl noch mehr werden. Allerdings kann man das auch mal ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl setzen: In der Bundesrepublik leben rund 83 Millionen Menschen. Ein Grund zur Entwarnung ist das zwar nicht, aber ein Plädoyer für nüchterne Betrachtungen. Was hilft es, Supermärkte leer zu kaufen, Toilettenpapier zu horten und Atemschutzmasken in Krankenhäusern oder Polizeistationen zu stehlen? Das verbreitet nur Panik. Und Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber. Denn diese lähmt nur, hilft aber nicht wirklich weiter. Was tatsächlich sinnvoll gegen die Weiterverbreitung von Infektionen ist, wissen wir eigentlich schon seit Kindergartenzeiten: Immer gründlich Händewaschen und andere nicht anhusten oder anniesen.

Reichlich zu reden nach der C-Krise

Dennoch werden viele gerade jetzt durch die in übergroßer Zahl von allen Medien verbreiteten News in Angst und Schrecken versetzt: C, wie ich das Virus hier mal nennen will, lauert immer und überall. Natürlich gibt es auch wichtige Nachrichten, die einen erbosen können. Wenn zum Beispiel ein großangelegter Seuchenschutzplan sich als ziemlich anfällig erweist, weil medizinische Einrichtungen als Resultat des Kostendrucks der vergangenen drei neoliberalen Jahrzehnte weder genügend Personal für den Notfall haben, noch über ausreichende Lager für Schutzkleidung verfügen. Die ist übrigens von den Herstellern noch in den vergangenen Wochen gewinnbringend nach Asien verkauft worden. Erst jetzt wurde das verboten. Auch darüber sollte nach der C-Krise noch zu reden sein. Ebenso, ob es tatsächlich sinnvoll ist, die Arzneimittelproduktion zum größten Teil in Länder zu verlagern, wo das billiger ist als in Deutschland. Was, wenn Lieferketten zusammenbrechen?

Bad news are good news?

Vielleicht sollte aber auch die Medienstrategie mal überdacht werden. Funktioniert die alte Regel „bad news are good news“ wirklich? Warum Schlagzeilen immer nur zu negativen Beispielen machen? Auch das stumpft ab. Denn ehrlich: Wer will immer nur Böses sehen, hören und lesen? Zumal die meisten Menschen selbst mehr Gutes als Schlechtes erleben. Allerdings ist uns das bei so viel negativer Reizüberflutung kaum noch bewusst. Ist das Glas nun halbleer oder halbvoll? Alles eine Frage der Betrachtung.

Hinterm Horizont geht’s weiter

Ich habe mich für halbvoll entschieden – hinterm Horizont geht’s weiter, wie schon Udo Lindenberg sang. Positiv denken trägt zum eigenen Wohlempfinden bei. In dem Sinne: Ich freue mich, dass ich bisher nur Wirtin für einen Schnupfen bin, nicht für das böse C. Allerdings wasche ich mir jetzt weitaus öfter als sonst die Hände. Schließlich sagt schon der Volksmund: Vorbeugen ist besser als heilen.

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