Tag der Regionalgeschichte zur Historie des Sports

Wie Eintracht mehrfach seinen Namen wechselte

20.11.2014, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann

Marzahn-Hellersdorf. Seit Oktober 1987 gab es im damaligen Berliner Bezirk Hellersdorf einen „Tag der Heimatgeschichte“. Dieser besondere Tag wird vom Heimatverein Marzahn-Hellersdorf als jährlicher Tag der Regionalgeschichte weiter geführt. Dort beschäftigt man sich mit besonderen historischen Themen in den früheren Dörfern Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf, Hellersdorf und Marzahn. Kürzlich stand die Geschichte der Sportvereine auf der Tagesordnung. Getagt wurde im Sportmuseum an der Eisenacher Straße, einer in den Berliner Bezirken einzigartigen Einrichtung. Die Moderation der Veranstaltung hatte der Architekt Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut übernommen, der für zahlreiche Gebäude im Bezirk, darunter das Freizeitforum Marzahn, mit seinem Kollektiv vom damaligen Ingenieurhochbau Berlin (IHB) die Pläne entwickelte.

Nur noch wenige Dokumente vorhanden
Mehr als fünf Stunden lang berichteten Mitglieder des Heimatvereins über ihre Forschungsarbeiten zur Geschichte von Sportvereinen im heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf.  Der Mahlsdorfer Ortschronist Harald Kintscher referierte über die Anfänge der Sportbewegung in den Dörfern östlich von Berlin, die erst 1920 mit der Gründung von Groß-Berlin zum Bezirk Lichtenberg kamen. Die Geschichte des Sports im Bezirk „ist eher unterbelichtet“, klagte der Historiker. „Es wird immer schwieriger, Dokumente aus den Anfängen zu finden.“ Selbst in Archiven und Bibliotheken sei kaum zuverlässiges Material vorhanden. Nur in den kleinen Lokalzeitungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Dörfern herausgegeben wurden, gebe es verlässliche Berichte. Doch diese Zeitungen sind nirgends vollständig erhalten geblieben. Kintscher verwies auf den Verein „Eintracht Mahlsdorf“, der im Jahre 1997 sein 100-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Allein die Gründung des Vereins wird von mehreren Quellen unterschiedlich datiert. Kintscher beklagte, dass in den Sportvereinen wohl früher niemand daran gedacht hatte, Chroniken oder Tagebücher zu führen. So sei vieles für immer verschwunden. Er appellierte deshalb an die heutigen Vereine, alles Material über ihr Wirken zu sammeln, um es der künftigen Geschichtsschreibung leichter zu machen.

Von der Polizei bespitzelt
Rainer Rau beleuchtete das finstere Kapitel „Vereine in der NS-Zeit“. Er verwies darauf, dass man heute in den Polizeiakten aus den 1920er-Jahren mehr Material über die Vereine findet als im Berliner Vereinsregister. Schon Ende der 1920er-Jahre seien die Sportvereine im Bezirk Lichtenberg von der Polizei bespitzelt worden. In den Archiven befinden sich Dokumente mit der Aufstellung der Sportler und ihrer politischen Aktivitäten. Besonders beobachtete die Polizei Mitglieder der KPD und der SPD, außerdem wurden Aktivitäten im Rahmen der „Roten Hilfe“ argwöhnisch betrachtet. So stand der Arbeitersportverein Fichte ständig unter Beobachtung der Polizei. Nach 1933 wurden jüdische Sportvereine verboten, jüdische Sportler wurden aus den Vereinen ausgeschlossen. Die Jugendgruppen in den Sportvereinen wurden von der Hitlerjugend übernommen. Der Sport sollte nur noch dazu dienen, „einen soldatischen Geist auszuprägen“.

Erste Sporthallen entstanden mit den Schulen
Der erste Sportbezirksstadtrat von Marzahn, Joachim Kuss, berichtete vom Aufbau der Sportstrukturen im vor 35 Jahren gegründeten Neubaubezirk. Die ersten Sporthallen wurden  zunächst zusammen mit den Schulen gebaut. Der DTSB, die Sportorganisation der DDR,  hatte schon im Gründungsjahr 1979 mehr als 1.000 Mitglieder in Marzahn. Allerdings trainierten die Sportler anfangs doch meistens in ihren Vereinen am ehemaligen Wohnort oder in den Sportgemeinschaften ihrer  Betriebe. Kuss wies darauf hin, dass zwar die Sporthallen an den Marzahner Schulen realisiert wurden, aber nicht die geplanten Freizeithallen für den neuen Bezirk. So seien mehr als 20 Freizeitanlagen, zwei Freibäder und zwei Schwimmhallen, die für Marzahn vorgesehen waren, dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Sponsor lockte mit Geld, das er bald nicht mehr hatte
Der Geschäftsführer des SC Eintracht Berlin, Gerd Stein, sprach über die wechselvolle Geschichte seines Vereins. Dieser hatte bereits 1919 eine Kinder- und Frauen-Sportabteilung, was damals nicht sehr verbreitet gewesen sei. Seit 1921 gibt es den eigenen Platz am Rosenhag in Mahlsdorf-Nord. Der Verein, der in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 nicht aktiv war, wechselte mehrfach seinen Namen. 1955 wurde aus Eintracht die BSG Medizin Lichtenberg, 1980 mit der Gründung des Bezirks Marzahn dann Medizin Marzahn genannt. 1991 bekam er den den alten Namen Eintracht Mahlsdorf wieder – bis ein großer Sponsor kam. Es erfolgte die Umbenennung in Eintracht INNOVA, was 1999 viele kritische Stimmen hervorbrachte und dazu führte, dass sich die Fußballer vom Verein trennten und heute noch den alt-ehrwürdigen Namen Eintracht Mahlsdorf hochhalten. 2003 erfolgte nämlich eine neuerliche Umbenennung in Eintracht Berlin, nachdem dem Sponsor das Geld ausgegangen war.

Viele Zeitdokumente im Sportmuseum
Mit Leidenschaft warb Wolfgang Turowski zum Abschluss des Tages für das Sportmuseum, das er aufgebaut hat und von Anfang an leitet. Er sprach über die Entwicklung des Sportes nach 1990 und verwies vor allem auf viele Zeitdokumente, die im Museum ausgestellt sind. Dazu gehört auch eine Urkunde für das „Abturnen im Jahr 1932“.Turowski forderte neue Ideen von den Sportvereinen, um mehr Mitglieder zu gewinnen. Denn sie sind nicht mehr die einzigen Anbieter sportlicher Aktivitäten. Nach der Wende habe sich gezeigt, dass es neben den kommerziellen Studios auch viele Angebote vor allem für Kinder und Jugendliche in anderen Vereinen gibt.

Alle Vorträge des Tages der Regionalgeschichte werden in einer Broschüre zusammengefasst, die 2015 veröffentlicht wird.

 

 

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