Als die U-Bahnlinie E noch vom Berliner Stadtzentrum ins Dorf fuhr

Wie ein Sechser im Lotto

18.07.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Hönow/Hellersdorf. Vor 30 Jahren ging der damals vorerst letzte Abschnitt der U-Bahnlinie E, heute U5 vom Elsterwerdaer Platz nach Hönow in Betrieb. Bis 1990 war der kleine Ort vor den Toren Berlins das einzige deutsche Dorf mit U-Bahnanschluss.

Dieser Bahnhof hat Seltenheitswert. Wer mit der U-Bahnlinie 5 vom Alexanderplatz nach Hönow fährt, ist nach seiner Ankunft innerhalb weniger Sekunden in Brandenburg. Nur wenige Meter vom Bahnhofseingang befindet sich die Landesgrenze, die vor Jahren mal auf dem Bürgersteig farbig markiert wurde. Die Gegend ist typisch für einen Vorort im Speckgürtel der Stadt: kleine Einfamilienhäuser, Ausflugslokale, Supermärkte. Der nächste See ist gut zu Fuß erreichbar, gleich nebenan befindet sich ein Naturschutzgebiet. 34 Minuten dauert die Fahrt von der City Ost an den östlichen Berliner Stadtrand. Keine 34 Sekunden benötigt man, um mal eben das Bundesland zu wechseln.

Früher U-Bahnlinie E – heute U5

Als vor 30 Jahren erstmals die U-Bahnzüge vom Alexanderplatz nach Hönow durchfuhren, war das für den kleinen Ort eine Sensation: Nebenan, in Hellersdorf, entstanden im Vergleich zu heutigen Bauvorhaben in Rekordzeit neue Wohnhäuser. Innerhalb weniger Jahre zogen Zehntausende in die begehrten Neubauwohnungen. Wohnraum wurde dringend gebraucht, weshalb sich die Verantwortlichen für den Wohnungsbau dazu entschieden, einstige Äcker und Wiesen zu bebauen. Dabei sollte es nicht bleiben. Parallel entstanden Schulen, Kitas, Kaufhallen, Straßenbahntrassen – und die neue U-Bahnlinie E.

8,2 Kilometer, neun Stationen

Gerd Hämmerling erinnert sich noch gut daran, wie man ihm als frisch gewählten Bürgermeister von Hönow, Kreis Strausberg, Bezirk Frankfurt (Oder), die Pläne für die Verlängerung der U-Bahn vom Tierpark Berlin bis in seine Gemeinde präsentierte. Das war Mitte der 1980er-Jahre. Keine vier Jahre sollten vergehen, um das Vorhaben umzusetzen. 8,2 Kilometer lang, neun neue Stationen sowie ein Stellwerk mit 29 Abstellgleisen. Am 1. Juli 1989 schließlich ging um 4.38 Uhr der erste planmäßige Zug auf seine Fahrt. „Im Grunde waren das ja zwei Züge, die sich auf den beiden Gleisen jeweils in Richtung Hönow bewegten“, sagt Hämmerling. Holger Ruppert vom Arbeitskreis Hönower Ortsgeschichte hat von diesem Tag noch die Kopie eines Zeitungsausschnittes. Prominente Ost-Politiker sind zu sehen. Nur Gerd Hämmerling nicht. Er mischte sich lieber unters „normale“ Volk.

U-Bahnhof Karlshorst war geplant

„Dieser U-Bahnanschluss war wie ein Sechser im Lotto“, sagt der einstige Bürgermeister. Denn mit ihm wuchs Hönow rasant. Eine Entwicklung, die bis in die Gegenwart anhält. Lebten vor der Wende rund 2.800 Menschen in Hönow, liegt ihre Zahl jetzt bei fast 10.000. Damals gehörte der U-Bahnhof, wie auch die heutige Station „Louis-Lewin-Straße“ noch zur Gemeinde Hönow. Mit der Wiedervereinigung aber musste sie die Flächen an Berlin abtreten. „Mittlerweile ist die Verbindung nicht mehr wegzudenken“, sagt Petra Bartsch. Jeden Tag nutzen 170.000 Menschen die U5.

Dabei war Hönow in den ursprünglichen Plänen gar nicht als Bahnhof vorgesehen, wie BVG-Sprecher Markus Falkner sagt. „Die ursprüngliche Planung der 1930 errichteten Linie sah vor, diese später Richtung Karlshorst zu verlängern.“ Die Bautätigkeit in Marzahn und Hellersdorf führte in den 1980er-Jahren jedoch zu einer Planungsänderung und die Linie wurde nun zur Erschließung der Neubaugebiete nach Hönow geführt. „Von der geplanten Linienführung nach Karlshorst ist hinter dem Bahnhof Tierpark noch ein kleiner Tunnelstutzen verblieben, der heute zum Abstellen von Zügen genutzt wird.“

H-Milch, Bananen und Apfelsinen für die Bauarbeiter

Dass die Verlängerung der U-Bahn nach Hönow so schnell umgesetzt wurde, ist auch der Hönowerin Petra Bartsch zu verdanken. Sie war damals von 1988 bis 1989 als Disponentin beim Volkseigenen Betrieb VEB Bau Eilenburg beschäftigt – und besorgte das notwendige Material für den Bau des Stellwerkes. „Ich war die einzige Frau auf der Baustelle“, berichtet sie. Mehrmals in der Woche fuhr sie mit den Bestelllisten zur Baustoffversorgung nach Friedrichshain. Oft brachte sie dann auch gleich für die Kollegen aus Sachsen, die eigens zum Bau der U-Bahnstrecke nach Hönow delegiert wurden, H-Milch, Bananen und Apfelsinen mit. Die gab es in Ost-Berlin im Gegensatz zu Eilenburg reichlich.

Infoschilder aus DDR-Zeiten

Das alte Stellwerk ist inzwischen verweist, auf den meisten Abstellgleisen wachsen heute Sträucher oder Gras. Trostlos wirkt das einstige DDR-Vorzeige-Ensemble aus Bahnhof und Gleisanlagen. Zwar wurden nach der Wende der Eingangsbereich gemalert, moderne digitale Anzeigen und Infosäulen installiert. Sonst aber hat sich nicht viel getan. Hier und da hängen noch Infoschilder aus DDR-Zeiten.

„Dieser Bahnhof ist heute kein Aushängeschild mehr“, kritisiert Gerd Hämmerling. Und Holger Ruppert vom Arbeitskreis Hönower Ortsgeschichte pflichtet ihm bei. Es fehlt an touristischen Wegweisern oder Infostelen, an denen sich Radfahrer oder Wanderer orientieren können. Die lange geforderte Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes lässt bis heute auf sich warten. Parkplätze für Pendler sind Mangelware. Und so nutzen die drei Hönower das Jubiläumsjahr, um auf diese Missstände hinzuweisen. „Vermutlich aber scheitert das, wie heute so oft, am Geld“, sagt Petra Bartsch.

Einziger Trost: Ende 2020 wird die Lücke, die es derzeit noch zwischen dem Bahnhof Reichstag (U55) und dem Alexanderplatz gibt, geschlossen. Dann können die Hönower (und auch die Lichtenberger und Friedrichshainer) ohne umzusteigen direkt ins Regierungsviertel fahren.

Sonderfahrten zum Jubiläum

Am Sonntag, 21. Juli, finden anlässlich des Jubiläums Sonderfahrten mit Zügen der Baureihe E III statt.

Der erste Zug startet um 10.30 Uhr am Bahnhof Hönow und endet am Bahnhof Biesdorf Süd. Weitere Abfahrten: 11.10 Uhr, 11.50 Uhr, 13.12 Uhr, 13.52 Uhr, 14.42 Uhr. Vom Bahnhof Biesdorf Süd geht es im Sonderzug um 10.50 Uhr nach Hönow. Weitere Abfahrten: 11.30 Uhr, 12.10 Uhr, 13.32 Uhr, 14.12 Uhr und 15.02 Uhr.

Am Bahnhof Alexanderplatz ist auf dem Bahnsteig der U5 eine kleine Ausstellung zur Baugeschichte und zum Lückenschluss zu sehen.


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