Drinnen + draußen

Wenn der Postmann nicht klingelt…

23.12.2018, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Eigentlich gehört die Überschrift des Artikels in die Rubrik fake news. Denn wo gibt es noch einen Postmann oder eine Postfrau, die uns durch Klingeln über ihr Kommen benachrichtigen? Vielleicht im ländlichen Raum, in kleinen Dörfern oder Weilern. Das sehen wir in Filmen. In der Großstadt ist man heutzutage ja schon froh, wenn man seinen Postzusteller/-zustellerin überhaupt von Angesicht kennt. Und dass diese bei einem klingeln, dürfte ein Ausnahmetatbestand sein. Denn schon längst stecken sie nur noch Briefe und Reklamesendungen in die Kästen. Größeres wird von Postboten nicht mehr gebracht. Wobei letzteres, die Älteren erinnern sich, auch in Vorzeiten kaum üblich war. Höchstens Päckchen wurden dem Adressaten direkt geliefert, für Pakete erhielt man normalerweise einen Abholschein und durfte sich dann im Postamt in die Schlange stellen. Und das meist schwere Paket (wir bekamen jedes Weihnachten vier Dreipfünder-Stollen aus dem Erzgebirge) schnaufend nach Hause schleppen.

Direkt zur Wohnungstür

Heutzutage gibt es dafür Lieferdienste aller Art, die uns an die Wohnungstür bringen, was unser Herz zuvor im Internet begehrte. Allein bei der Posttochter DHL sollen in diesem Jahr in der Vorweihnachtszeit rund elf Millionen Pakete und Päckchen pro Tag (!) in den Versand gehen, 2017 waren es nach Angaben des Unternehmens noch eine Million Sendungen weniger. Denn zunehmend sparen sich viele den aufreibenden Einkauf in der analogen Welt. Warum sich im Kaufhaus, in Boutiquen oder Buchläden mit vielen anderen drängen, wenn man virtuell bequem vom Sofa aus wählen kann?

Haltung und Handlung

Und falls man sich bei der Auswahl vertan hat: Die Retour ist schließlich kostenlos. Wir kennen einen Mann, bei dem fast täglich Pakete vor allem mit Bekleidung landen. Er probiert, wägt ab, wählt aus – und schickt das meiste zurück. Kostet ihn ja nichts. Dass ein solches Kaufverhalten die Umwelt schädigt und das Geschäftesterben in den Innenstädten beschleunigt, ficht ihn nicht an. Er beteiligt sich schließlich an Demos für lebenswerte Städte, beklagt lautstark die mageren Ergebnisse von Klimagipfeln – und zeigt so Haltung. Selbst wenn sein eigenes Handeln dieser eigentlich entgegen wirkt. Aber das führt ein wenig weg vom Thema.

Beliebte Klagen in sozialen Netzwerken

In der Weihnachtszeit klingeln die Paketboten der verschiedenen Lieferdienste jedenfalls bei den meisten Deutschen. Manchmal tun sie das aber auch nicht – und die Kunden müssen sich zum nächstgelegenen Servicestützpunkt oder zur Packstation begeben. Das wird dann in sozialen Netzwerken gern beklagt. Beliebte Fragen in vielen Facebook-Gruppen, die dort fast täglich auftauchen, sind deshalb: „Hat jemand den …-Boten gesehen? Steckt der Euch auch immer nur Zettel in den Briefkasten? Muss er nicht eigentlich zur Wohnungstür kommen, selbst wenn wir im fünften Stock ohne Fahrstuhl wohnen?“ Uff.

Gemeinsame Zeit als Geschenk

Wer bis heute nichts gekauft oder bestellt hat, der könnte am 24. Dezember in Geschenke-Notstand geraten. Denn die Chancen auf eine rechtzeitige Festtagslieferung dürften damit ziemlich mies stehen, trotz möglicher teurer Turbo- und Turbo-Turbo-Lieferungen bei einigen Internet-Versandunternehmen. Vielleicht machen es Betroffene dann wie wir: Wir schenken uns dieses Jahr zu Weihnachten gar nichts – außer gemeinsamer Zeit mit gutem Essen, Glühwein, Gesprächen und Spielen. Und wenn das nicht reicht: Ein selbstgebastelter Gutschein für ein Nach-Festtags-Geschenk geht auch.

In diesem Sinne: Allen ein frohes Fest!
Und den Paketboten und –botinnen ein Dankeschön für ihre stressige Arbeit im Advent und zu allen anderen Zeiten des Jahres!

 

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