Der Verein „weltgewandt“ stellt seine Projekte für 2020 vor

Anstiftung zum Selbstdenken

10.02.2020, Regina Friedrich

Fotos: Rolf Götte (1), Regina Friedrich (2), Sophia Bickhardt (3). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Marzahn. Seit drei Jahren gibt es den Verein „weltgewandt. Institut für interkulturelle politische Bildung“ e.V. mit Sitz im Havemann-Center in der Flämingstraße. Er bietet ein breites Spektrum von Bildungsangeboten in den Bereichen Wirtschaft, Soziales, Digitalisierung, Integration, Geschichte.

Weltoffenheit braucht Weltverstehen

Der Verein will „Bildung Mit_Wirkung“ vermitteln. Die Doppeldeutigkeit ist Programm. Bildung soll verstanden werden als Anstiftung zum Selbstdenken, unterstützt durch kreative Methoden. Viele davon lernen die „Weltgewandten“ im Austausch mit den europäischen Nachbarn. Das ist eines der Ziele dieser Kooperationen. Dabei wird großen Wert gelegt auf Perspektivenvielfalt, auf eine vorurteilslose  Debattenkultur und vor allem auf Begegnungen zwischen Menschen. Projektleiterin Sophia Bickhardt betont: „Für Weltoffenheit muss man die Welt verstehen. Die Begegnung und der Austausch von Menschen verschiedener Nationen ist das beste Mittel gegen Nationalismus.“ Immer wieder bestätige sich das bei internationalen Projekten. Im vergangenen Jahr haben sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Europa unter dem Motto „Connecting Memories“ zu verschiedenen Themenbereichen ausgetauscht. Die Gruppe von „weltgewandt“ hat beispielsweise unterschiedliche Aspekte des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses beleuchtet, sich aber auch mit Propaganda und Manipulation im „Dritten Reich“ auseinandergesetzt. Beides stieß auf großes Interesse, gerade letzteres, weil es Erfahrungen mit Nationalsozialismus auch in anderen Ländern gab und gibt.

Internationale Lernplattform – ein Vorhaben in diesem Jahr

2020 wird das Projekt „Frischer Wind für die Ökonomie“ weitergeführt, das im November 2019 im Rahmen von Erasmus+ gestartet war. Erasmus+ ist das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport mit bisher rund zehn Millionen Teilnehmern. Mit sechs Partnervereinen aus Polen, Estland, Österreich, Tschechien, Spanien und Irland entsteht eine Lernplattform mit Informationen für die Erwachsenenbildung, aber auch für andere Interessierte, denn das Material ist für alle zugänglich. Dort werden Themen behandelt wie Geld, Globalisierung, das Verhältnis von Markt und Staat sowie Steuergerechtigkeit. Sophia Bickhardt ist überzeugt: Man kann Ökonomie verstehen. Die Lernplattform wird im Oktober 2021 fertig sein. Im Rahmen des Projektes “Digitale Mündigkeit“ wird gerade an einem Wiki (Website, deren Inhalte von den Besuchern direkt im Webbrowser bearbeitet und geändert werden können) unter anderem zur Geschichte der Digitalisierung, zu Big Data, der EU-Datenschutzverordnung, zu Künstlicher Intelligenz, Cybermobbing und Arbeit 4.0 gearbeitet. Ein anderes Projekt ist „Wandel des Klimawandels“, das vom Verein mit Partnern aus der Erwachsenenbildung in Bulgarien, Griechenland und Italien koordiniert wird.

Besuch aus Rom

Besonders freut sich Sophia Bickhardt auf den Mai. Dann kommt Besuch nach Marzahn aus dem Municipio Roma XI, einem Verwaltungsbezirk von Rom. Dort leben rund 8.000 Menschen im Wohnkomplex Corviale. Einige Marzahner kennen ihn von einer Fotoausstellung von Pasquale Liguori oder waren im vergangenen Jahr selbst dort (LiMa+ berichtete). Die italienischen Gäste werden eine Kiezrallye durch Marzahn mitmachen, den Bundestag besuchen und mit der stellvertretenden Bundestagspräsidentin Petra Pau diskutieren. Natürlich sind auch Begegnungen mit Marzahnern geplant.

Der Austausch auf europäischer Ebene und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Initiativen sind für Sophia Bickhardt heute wichtiger denn je. Als Jugendliche engagierte sie sich in der Aktion Sühnezeichen und fuhr per Anhalter quer durch Europa. Schon damals stellte sie fest, dass die Menschen in den einzelnen Ländern viel zu wenig voneinander wussten. Das musste geändert werden. Im Erasmus+ Programm fand Bickhardt dafür ein geeignetes Instrument. 2019 wurde sie in dessen Nutzerbeirat gewählt. Er ist das Bindeglied zwischen der Nationalen Agentur Bildung für Europa, die die EU-Projekte auf bundesdeutscher Ebene betreut, und den rund 300 weiteren Projektträgern.

Spielend sprechen

Entstanden aus dem Theater-Café, das bereits 2019 sehr erfolgreich war, gibt es in Kooperation mit dem „Marie“ e.V. immer am letzten Montag im Monat ein “Spielend sprechen: Gesprächscafé”. Die Termine sind: 24. Februar, 30. März, 24. April, 25. Mai, 29. Juni, 27. Juli, 24. August, 28. September, 26. Oktober und 23. November, jeweils  von 17.30 Uhr bis 19.30 Uhr, bei  „Marie“ e.V. in der Flämingstraße 122.

Erwerbslose für Projektmanagement-Kurs gesucht

Demnächst startet das Projekt „Abenteuer Erfolg – Einführung in Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit“, wofür noch erwerbslose Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht werden. Der Kurs, der mit einem Zertifikat abgeschlossen wird, vermittelt Kenntnisse und Methoden, um Veranstaltungen zu organisieren, gibt eine Einführung in Pressearbeit und fördert interkulturelle Kompetenzen. Am 26. Februar wird das Projekt ab 18 Uhr im Kiez-Treff West, Ahrensfelder Chaussee 148, vorgestellt. Es ist offen für alle, die Interesse haben. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weite Informationen gibt es auf der Webseite von „weltgewandt“.

Politische Bildung soll unabhängig sein

Sophia Bickhardt ist Sozialwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten politische Ökonomie und Philosophie. Von 2008 bis 2016 setzte sie europäische Bildungsprojekte für die Berliner Landeszentrale für politische Bildung um und konzipierte dazu Veranstaltungen in mehreren Einrichtungen.

Humanistisches Bildungsideal

„Irgendwann wollte ich dann einen Verein gründen, um meine Vorstellungen von politischer Bildung umzusetzen”, sagt sie. Politische Bildung – da würden viele zurückschrecken. “Und es assoziiert auch immer einen staatlichen Eingriff oder eine Partei im Hintergrund. Das wollen wir aber nicht“, betont Sophia Bickhardt. Sie arbeitet im Verein auch als Koordinatorin und Trainerin von lokalen und europäischen Projekten. „Wir orientieren uns am humanistischen Bildungsideal und konzentrieren uns auf Inhalte. Zudem behandeln wir manchmal auch sensible Themen. Das geht nur, wenn wir Vertrauen aufbauen können.“ Der Verein finanziert sich aus nationalen und europäischen Fördertöpfen. Aktuell werden acht Projekte betreut, darunter sechs transnationale.

Am Donnerstag, 6. Februar, hatte der weltgewandt e.V. zum Neujahrsempfang ins Tschechow-Theater eingeladen, um 2019 noch einmal Revue passieren zu lassen und auf die Aufgaben für 2020 zu blicken. Sandra Brumm, Europabeauftragte des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf, erinnerte an die Anfänge von „weltgewandt“ und hob die Projekte hervor, die seitdem für die Menschen im Bezirk realisiert wurden. Insbesondere wies sie auf die Patenschaften mit geflüchteten Menschen in den Jahren 2016 und 2017 hin, die mit Mitteln des Lokalen Sozialen Kapitals gefördert worden waren.


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