Wie bedeutsam sind bei Gender Mainstreaming die Worte?

Binnen-I, Sternchen, Pause

26.01.2020, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Kürzlich fiel mir beim Aufräumen eine Ausgabe der „Berliner Zeitung“ zu „15 Jahre Mauerfall“ in die Hand. Gemeinsam mit 19 anderen aus Ostdeutschland stammenden Redakteurinnen und Redakteuren hatte ich dort einen sehr persönlichen Beitrag verfasst. Mein Thema war „Emanzipation“ und beschäftigte sich mit meinen Erfahrungen als Frau in der DDR und im vereinigten Deutschland. Kurz nach der Aufräumaktion las ich im Internet einen aktuellen Beitrag über die Uni Wien, wo sogenannte Gendersternchen wie beispielsweise in der Formulierung „Benutzer*in“ nun nicht mehr nur in der Schriftform sondern auch im gesprochenen Wort deutlich gemacht werden sollen – als kurze Pause. Was auch schon bei anderen Worten praktiziert wird. So spricht man beinhalten schließlich nicht als bein-halten, sondern als be-inhalten. Am vergangenen Dienstag, 21. Januar, wurde in der „Berliner Zeitung“ über die Oxfam-Studie 2020 zur Ungleichheit unter dem Titel „Frauen in der Armutsfalle“ informiert.

Es geht um Geschlechtergerechtigkeit

Was haben alle drei Beiträge miteinander zu tun? Sie beschäftigen sich, in der einen oder anderen Form, mit dem Thema Gender Mainstreaming. Das wird durch Populisten wie AfD  und Co. immer mal wieder als „Gender-Wahnsinn“ verunglimpft, obwohl es eine sehr ernste Sache ist. Schließlich meint es eine umfassende Strategie zur Bekämpfung von Ungleichheit – eine Verpflichtung, bei allen Entscheidungen die unterschiedlichen Auswirkungen auf Männer und Frauen (und Diverse) in den Blick zu nehmen und damit Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen, siehe hier…

Studenten sind nicht immer Studierende

Gender Mainstreaming wird allerdings leider oft belächelt oder kritisiert. Vor allem wohl, weil sich viele Aktivisten erst einmal die (leichtere) Veränderung der Sprache statt die Änderung der nach wie vor unvollkommenen Realität vorgenommen haben. Binnen-I, Sternchen oder politisch korrekt erscheinende Substantivierungen lassen grüßen. Dabei weiß eigentlich jeder, dass beispielsweise Studierende keine Studenten/Studentinnen sein müssen und Studenten/Studentinnen nicht unbedingt immer Studierende. Denn auch Studenten/Studentinnen studieren nicht pausenlos, sondern besuchen zum Beispiel des Öfteren Kneipen. Dann sind sie, im Wortsinn eher Trinkende oder Essende. Es sei denn, zu ihrem Studium gehört die Kneipenkultur, siehe auch hier… Dasselbe gilt übrigens auch für Radfahrende oder Arbeitende. Sprache wird durch solche gewollten und nicht gekonnten Veränderungen verhunzt – und das Thema Gender Mainstreaming gleichzeitig lächerlich gemacht.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Denn wird sich mit Hilfe solcher, durch bestimmte politische und akademische Milieus gewissermaßen von oben, verordneter Sprachkultur etwas an der Realität ändern? Ich glaube nicht daran. Für mich gilt nach wie vor die Marxsche These vom Sein, welches das Bewusstsein bestimmt. Und wenn man in der oben angeführten Studie zur Ungleichheit in Deutschland erfährt, dass die Bruttostundenlöhne von Frauen um 21 Prozent unter denen der Männer liegen, das Einkommen von Frauen durchschnittlich 49 Prozent niedriger ist, die Rente sogar zu 53 Prozent, während 52 Prozent mehr Fürsorgearbeit vom weiblichen Geschlecht geleistet wird, weiß man, wo der Hase wirklich im Pfeffer liegt.

Wunsch nach mehr Realitätssinn

Ich wünschte mir, dass man viel mehr Gewicht auch in der öffentlichen und akademischen Diskussion darauf legt, statt sich an Binnen-I, Gender-Sternchen, Unterstrichen und Pausen abzuarbeiten. Dann nämlich würde das Thema auch bei denen ankommen, die sich der oft widrigen Realität stellen müssen. Die oft weiblichen Pflege- und Teilzeitkräfte, Beschäftigte in der Reinigungsbranche oder in den Kitas dürfte nämlich weit weniger interessieren, wie man sie bezeichnet oder schreibt, sondern ob man sie wertschätzt – auch durch eine entsprechende Bezahlung der von ihnen geleisteten Arbeit.

Emanzipiert für Schutz der Sprache

Was habe ich sinngemäß vor mehr als 15 Jahren zum Thema Emanzipation und Gleichberechtigung zu Papier gebracht: Die wahren Probleme des Lebens heißen Kitaplätze, Lehrstellen, ordentlich bezahlte Arbeit. Und sie gelten (neben vielen weiteren) für Mann und Frau gleichermaßen. Das ist bis heute aktuell. Obgleich ich Gender Mainstreaming für wichtig erachte, werde ich, ganz emanzipiert, weiterhin weder Binnen-I, noch Sternchen oder Unterstrich und auch keine sinnlosen Substantivierungen beim Schreiben verwenden. Zum Schutz der Sprache. Bei mir bleiben Studentinnen und Studenten das, was sie schon immer waren. Es sei denn, sie sitzen im Hörsaal oder Seminarraum und widmen sich emsig ihrem Studium. Dann wäre es natürlich sogar sinnvoll, von Studierenden zu schreiben…

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Leserkommentare

  1. Binnen-I, Sternchen, Pause
  2. Sehe ich genauso, stimmt auf den Punkt genau.
    Schön, wenn das mit der Freundin/ Freunschaft so toll klappt.

    Dazu als Beispiel die durchgedrückte “Frauensporthalle” im FFM. Warum Männer grundsätzlich raus? Als arbeitende Frau sowie alle Menschen brauche ich die Möglichkeit um die Ecke und nicht zeitaufwändige Wege.

    Miteinander und nicht Gegeneinander, kein Teile und Herrsche.

  3. Vielen Dank! Das mit der Frauensporthalle habe ich erst als gar nicht so unvernünftig gesehen. Inzwischen habe ich mich aber korrigiert. Eine Halle für alle wäre besser gewesen. Herzliche Grüße, Birgitt Eltzel.

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