Archäologen graben auf Baustellen

02.05.2016, Regina Friedrich

Fotos: Emmanuele Contini

Hohenschönhausen. In der Platte wird ja viel gebuddelt. Da wird nicht nicht nur Neues geschaffen, sondern auch Altes entdeckt, wie an der Ferdinand-Schulze-Straße, wo derzeit archäologische Ausgrabungen stattfinden. Schon um 1930 gab es dort Funde aus der Bronzezeit. Nun wurde wieder gegraben, mit erstaunlichen Ergebnissen.

„Hier ist ein großer Henkel aus der Jungbronzezeit, das hier ist ein Fuß von einem Kochtopf, den haben wir heute gefunden, und hier ist ein Randstück und noch eins…“. Grabungsmitarbeiter Markus Schwanitz holt aus dem schlammigen Geröll ein unscheinbares Stückchen nach dem anderen, wischt es kurz unter Wasser ab und schon wird daraus eine Keramikscherbe mit einem kaum erkennbaren Muster. Seit zwei Jahren wird das Grundstück, auf dem ein Wohnkomplex geplant ist, systematisch untersucht. „Ende 2014 und Mitte 2015 haben wir verschiedene Schnitte in den Boden gemacht, um zu sehen, wie die Substanz ist, ob es Keramiken gibt, Schichten oder andere Befunde“, erklärt er, „da trafen wir schon auf eine Kulturschicht mit verschiedenen Pfostenstellungen und Gruben mit Keramik. Daran konnten wir sehen, dass es sich um Zeugnisse aus der Bronzezeit handelt. Es gab aber auch Reste von Kugelamphoren mit den typischen Verzierungen aus der Jungsteinzeit und der römischen Kaiserzeit.“

Jeder Quaratmeter wird gesiebt
Danach begann der schwierige Teil. Zuerst wurde der neuzeitliche Oberboden abgetragen und schon nach wenigen Zentimetern ein Feuerstelle gefunden, mit handtellergroßer Keramik und verbrannten Steinen. Da war dann klar, die komplette Schicht musste abgesiebt werden, damit kein noch so kleiner Fund verloren geht. Der Investor für das Grundstück, die Belle Epoque Immobilien GmbH, ließ extra ein großes Sieb anfertigen. Durch das 1×1 Zentimeter kleine Siebraster konnten so größenteils alle Funde erfasst werden. Zuvor war die Fläche in Quadranten von 3×3 Meter eingeteilt worden, die der Minibagger Stück für Stück abtrug. Um nicht im Abraum zu ersticken, wurde das austretende Schichtenwasser zum Ausschlämmen der Erde genutzt. Das Sediment setzte sich ab und die ausgebuddelte Erde wurde wieder in die Grube befördert, so entstand ein interner Kreislauf. Übrig blieb ein ganz feinkörniger Sand, feiner als in Sanduhren. „Das ist aus den Flugsandschichten, die wir freigelegt haben“, sagt Markus Schwanitz und lässt ihn durch die Finger rieseln. „Im Labor wird der frisch abgetragene Sand mit Gammastrahlen behandelt und dann kann man feststellen, wann dort das letzte Mal ein Sonnenstrahl draufgetroffen ist, also aus welcher Epoche der Sand stammt.“

Über 3200 Keramikscherben gefunden
Das Gelände in Hohenschönhausen scheint schon vor Urzeiten ein beliebter Wohnplatz gewesen zu sein. „In dem Bereich konnten wir vier Kulturschichten nachweisen. Das heißt, nach dem Verlassen eines Siedlungsplatzes wurde er von Flugsand verweht. Dann erfolgte eine erneute Besiedlung, die wiederum verlassen und verweht wurde und so weiter. Auf der ersten Fläche, die wir untersuchten, haben wir auf 17×15 Meter rund 3.200 Keramikscherben und 500 Silex-Artefakte gefunden, darunter eine Pfeilspitze mit eingezogener Basis, datiert um 3100–2700 vor Christus.“ Silex, das ist Feuerstein, und davon gab es an der Stelle eine ganze Menge. Die Feuersteinknollen wurden über dem Feuer aufgebrochen und aus dem Kernstein dann Werkzeuge gefertigt wie Klingen oder Pfeilspitzen. Daraus kann man schließen, dass der Silex hier abgebaut wurde. Ein besonderes Highlight war aber der Fund eines Steinbeiles aus der Jungsteinzeit, ca. 3100-2700 v. Chr.

Irgendwann haben Menschen an dieser Stelle begonnen, Landwirtschaft zu betreiben. Das zeigen die zahlreichen Vorrats- und Speichergruben und die organischen Funde, winzig kleine Körner und Pollen, die erst unterm Mikroskop ihre Herkunft verraten. Was es genau ist, müssen die Untersuchungen aber erst noch zeigen.

An einer anderen Grabungsstelle, in den Gärten der Welt in Marzahn, haben Markus Schwanitz und seine Kollegen in einer Grube aus der Eisenzeit Linsen gefunden. Dieser und andere Funde sind Grundlage für den Archäologischen Garten auf dem künftigen IGA-Gelände. Er soll zeigen, wie ein Hausgarten in vorgeschichtlicher Zeit ausgesehen haben könnte.

 Berlins ältestes Haus entdeckt
Die Firma AAB – Archäologische Ausgrabungen + Bauprojekt Betreuung, für die Markus Schwanitz arbeitet, gräbt schon seit mehr als zwanzig Jahren den Boden in Berlin und anderen Landesteilen um. Sie haben in Biesdorf und Kaulsdorf urgeschichtliche und mittelalterliche Siedlungen untersucht, waren aber auch in Polen, Dänemark und Italien an Grabungen beteiligt. „Aber gerade in Berlin gab es in den vergangenen Jahren jede Menge zu entdecken“, begeistert sich Markus Schwanitz. „Zum Beispiel an der Baustelle zur A 100, wo wir auf eine Siedlung der 5.000 Jahre alten Britzer Kultur stießen. Da konnten wir belegen, dass der dort gefundene Feuerstein aus dem schlesischen Raum stammte. Oder als wir 2012 in der Klosterstraße das älteste Gebäude von Berlin aus dem Jahre 1174 nachweisen konnten.“

Wer mehr über Ausgrabungen in Berlin und Brandenburg erfahren möchte, dem sei das gerade erschienene Jahrbuch „Archäologie in Berlin und Brandenburg 2014“ empfohlen, zu dem auch Markus Schwanitz und sein Chef René Bräunig einige Beiträge lieferten. Beginnend mit der Steinzeit, über Bronze- und Eisenzeit und Römische Kaiserzeit werden archäologische Funde vom Mittelalter bis zur Neuzeit belegt. Indiana Jones hätte seine wahre Freude daran…

Lesetipp: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2014; In Kommission beim Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2016; ISBN 978-3-8062-3304-9; 26,50 Euro.

 

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