Zufahrtsstraßen zum Wohnviertel in der Gensinger Straße beschrankt

Von der Außenwelt abgehängt

14.12.2018, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Friedrichsfelde-Ost. Von ihrem Fenster aus hat Marianne Ludwig einen guten Blick auf die Straße vor ihrer Tür. Und das, was sich dort manchmal abspielt, könnte auch aus einem schlechten Film stammen. Kürzlich fiel ihr ein Streifenwagen der Polizei auf, der mit Blaulicht vorfuhr und dessen Besatzung fast an einer Schranke scheiterte. Die versperrt seit einigen Wochen den Weg in Teile des Gensinger Viertels – wer keinen Schlüssel besitzt, muss draußen bleiben. Und das galt in diesem Fall auch für jene Beamte, die nach Darstellung von Marianne Ludwig an die elf Minuten an dem neuerlichen Bauwerk rüttelten, das sich jedoch nicht öffnen ließ. In der Not hob einer der Beamten die Schranke an, um für freie Fahrt zu sorgen.

Auch Rettungskräfte kommen nicht durch

Jene Schranke sorgt seit Wochen für Ärger. Nur wer einen der seit kurzem kostenpflichtigen Parkplätze gemietet hat, bekommt einen Schlüssel für den Schlagbaum – Mitarbeiter von Pflegediensten, Paketlieferanten, Taxifahrer oder Bewohner ohne gemieteten Parkplatz hingegen kommen nicht durch. Und auch Rettungskräfte scheitern den Schilderungen zahlreicher Mieter zufolge oft an der Zufahrt, weil ein eigens für sie installiertes Zugangssystem nicht so richtig funktioniert.

Wer keinen Parkplatz bezahlt, hat es schwer

Die beiden Elfgeschosser wurden 1979 errichtet. Viele Mieter sind seit der ersten Stunde Bewohner. Wie andernorts im Osten der Stadt auch legte man vor den Häusern großzügige Parkplätze und Zufahrtsstraßen an. Nun ist es nichts Neues, dass Hauseigentümer auch bei den Stellflächen für Autos eine Einnahmequelle sehen und diese gegen Entgelt an Hausbewohner vermieten. Dass aber nicht nur die Parkplätze, sondern gleich eine ganze Wohngebietsstraße dafür gesperrt werden, ist doch relativ neu.

„Im Frühjahr erhielten wir vom Vermieter die Information, dass wir nunmehr Parkplätze für 35 Euro im Monat anmieten können“, berichtet Mieterin Renate Kunze. In einem Schreiben, das LichtenbergMarzahnPlus.de und dem Bezirks-Journal vorliegt, ist in keiner Silbe die Rede davon, dass parallel dazu auch die Straße ins Wohngebiet mittels einer Schranke gesperrt wird. „Es gab jedoch Gerüchte in der Nachbarschaft“, sagt die Rentnerin. Sie konfrontierte daraufhin ihren Vermieter per E-Mail. Nach ihrem Urlaub fand Renate Kunze eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter. Sie müsse sich keine Sorgen machen, soll man ihr dort gesagt haben. Als dann aber Handwerker damit begannen, sowohl am Anfang der Wohngebietsstraße als auch am Ende die Schranken zu installieren, war klar: das Gerücht bewahrheitet sich.

Taxi muss an der Hauptstraße warten

Viele der vor allem älteren Mieter fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes eingeschränkt und ein Stück weit auch von der Außenwelt abgehängt. Sie bekommen die Auswirkungen der modernen Schlagbäume täglich zu spüren. Bei einem Vor-Ort-Termin berichtet Mieterin Christel Ullrich aufgeregt, dass sie in der Nacht zuvor so starke Ohrenschmerzen hatte, dass sie sich ein Taxi ins Unfallkrankenhaus bestellte. Der Dame am Telefon versuchte sie verständlich zu machen, dass der Wagen aber nicht vor die Haustür fahren könne, weil es diese Schranke gibt. Stattdessen solle das Taxi vorn an der Kreuzung zur öffentlichen Straße warten. Darauf wollte sich die Mitarbeiterin vom Taxifunk nicht einlassen. „Also fuhr ich am Morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Klinik.“ Eine Nachbarin von ihr ist auf den Fahrdienst angewiesen, der sie mehrmals die Woche zum Arzt bringen soll. Weil die Zufahrt zum Wohnhaus versperrt ist, muss sie vorn an der Hauptstraße auf das Fahrzeug warten. „Der Fahrer ruft meist zehn Minuten, bevor er da ist, an“, sagt sie. Und Anwohner Eberhard Herden beobachtet regelmäßig, wie Paketfahrer ihr Auto vor dem Wohngebiet parken, um dann mit Sackkarren die Bestellungen auszuliefern.

„Deutsche Wohnen“ formal im Recht?

„Das mit der Schranke ist wirklich frech“, sagt die Abgeordnete Hendrikje Klein. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und so etwas wie die letzte Rettung für die betroffenen Mieter. Umgehend wandte sich Klein zunächst an das Bezirksamt, das sich aber nicht im Stande sieht, zu helfen. Die für Baufragen zuständige Bezirksstadträtin Birgit Monteiro (SPD) teilte ihr auf Anfrage mit, dass es sich um eine Erschließungsstraße für den Parkplatz handelt. Eigentümer ist die GSW Immobilien AG, ein Unternehmen des privaten Wohnungskonzerns „Deutsche Wohnen“. „Ein Grundstückseigentümer muss nur sicherstellen, dass das Grundstück als solches – also die Grundstücksgrenze – vom öffentlichen Straßenland aus erreichbar ist“, erklärt die Bezirksstadträtin. „Das ist hier weiterhin gegeben.“ Monteiro empfiehlt, diesen Vorgang privatrechtlich untersuchen zu lassen, denn „grundsätzlich scheint sich mir hier eine Verschlechterung der Mietsache zu ergeben, da sich die Erreichbarkeit der Mietsache während der Mietdauer verschlechtert hat“. Auch rät sie, mit dem Mieterverein oder der bezirklichen Mieterberatung Kontakt aufzunehmen.

Schlüssel beim Hausmeister

Die Deutsche Wohnen teilt auf Nachfrage mit, dass jene Schranke errichtet wurde, „weil die dahinter liegenden Parkplätze unseren Mietern vorbehalten sein sollen und da die üblichen Parkplatzbügel nach unserer Erfahrung keine Option sind“. Diese würden häufig einfach umgefahren, sagt Referentin Mira Schnittger. Die Parkplätze seien auf Mieterwunsch errichtet worden, da vor allem für Berufstätige aufgrund eines neuen Wohngebietes gegenüber und einer angrenzenden Schule abends nur schwer Parkplätze zu finden wären. Zudem hätten neben Parkplatzmietern auch Dienstleister der Deutsche Wohnen sowie Pflegedienste einen Schlüssel. „Sollte etwa ein Mieter Zugang benötigen – da ihm z.B. Möbel geliefert werden – kann er den Schlüssel nach vorheriger Absprache vom zuständigen Hausmeister ausleihen“, erklärt Schnittger.

Die Abgeordnete Hendrikje Klein wird nun zunächst Hilfe beim Mieterverein suchen. Zudem überlegt sie, den Fall mit Rechtsanwälten zu besprechen.

 

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