ID-Studios öffnen zur 12. Langen Nacht der Bilder ihre Türen

Vom Sperrgebiet zum hippen Kunstort

23.08.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Alt-Hohenschönhausen. Gute 30 Zentimeter stark dürfte jene Tür sein, hinter der sich ein besonderer Ort befindet. Die Wände und Decken sind mit Platten aus einer Metalllegierung bespannt, die kupferfarben schimmert. In einer Ecke stehen alte Polstermöbel, in der anderen hat ein Künstler große Bilder abgestellt. Der Fußboden ist schallgedämmt. Wozu genau dieser fast 2.000 Quadratmeter große Raum einmal diente, weiß niemand. In jedem Fall aber diente er als Produktionsstätte von Bespitzelungstechnik. Heute ist er Teil von einem besonderen Kunstort.

„Kupfersaal“ und Abhöranlagen

Jener Raum wird von den Eigentümern des Hauses „Kupfersaal“ genannt. Er ist heute Veranstaltungsfläche und Ausstellungsort in einem Gebäudekomplex, der bis 1990 zum Sperrgebiet des Ministeriums für Staatssicherheit gehörte und Teil des Operativ-Technischen Sektors gewesen sein soll. Gut 1.000 hauptamtliche Mitarbeiter entwickelten dort geheime Abhöranlagen, Tarn- und Beobachtungsvorrichtungen oder Geräte, mit denen jeden Tag bis zu 90.000 Briefe geöffnet wurden, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Die beiden Hauptgebäude waren so etwas wie die Kreativfabrik des DDR-Geheimdienstes – gleich gegenüber der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit. Noch heute sind viele Spuren zu entdecken, wenn auch nicht öffentlich zugänglich: Die original erhaltenen Leitungsbüros gehören dazu, ebenso die interne Telefonabhöranlage oder die Pförtnerei. In den Häusern mischen sich die Gerüche von frischer Farbe mit denen von altem DDR-Linoleum.

ID: „Intelligence Department“

Kreativ sind auch die Nutzerinnen und Nutzer, die heute in der Genslerstraße arbeiten. 2010 kaufte der Immobilienentwickler Immonen den Komplex, der aus Haus 22 mit vier Etagen und 16.000 Quadratmetern Nutzfläche sowie Haus 20 mit sieben Stockwerken und 8.000 Quadratmetern Nutzfläche besteht. Seither werden die 270 Büros und Lagerflächen als Ateliers unter der Marke Intelligence Department Studios vermietet, kurz ID-Studios. Übersetzt heißt „Intelligence Department“ nichts anderes als Nachrichtendienst. Aus aller Welt kämen die Künstler, die sich hier eingemietet haben, berichtet Immonen-Vertreter Eitan Levin. Und das mache den Ort so spannend. Derzeit sind alle Flächen vermietet. Einerseits liegt das an der guten Lage (nur 15 Minuten zum Alex), andererseits an den moderaten Mieten, die sich zwischen 5,35 und 6,35 Euro pro Quadratmeter bewegen.

Erinnerungen an die Haftzeit

Es gibt aber auch Künstler wie den in der Nähe von Heidelberg geborenen Maler Gino Kuhn, der eine ganz besondere Verbindung zu dem Ort hat. Der heute 63-Jährige flog Ende der 1970er-Jahre als Fluchthelfer auf und verbüßte vier Monate seiner zweieinhalb Jahre Haft in der MfS-Untersuchungshaftanstalt gleich gegenüber. Bis heute schlägt sich die Auseinandersetzung mit dieser Zeit in seinen Werken nieder. Mal bringt er Landschaften auf die Leinwand, mal seine Erinnerungen an die Haftzeit. In seinem 20 Quadratmeter großen Atelier stehen viele seiner Bilder, daneben Staffelei, Pinsel und Farben – eben das, was ein Maler benötigt. Gerade hat er das Thema „fridays for future“ in einem seiner Bilder verarbeitet, auf dem unter anderem auch Gebäude rund um den Alexanderplatz zu sehen sind. „Ich finde es gut, dass die Jugendlichen wach werden und auf die Straße gehen“, sagt Kuhn. Weil er sich zudem in der gegenüberliegenden Gedenkstätte engagiert und dort unter anderem Workshops für junge Menschen organisiert, passt das mit dem Atelier in den ID-Studios wunderbar. „Außerdem findet man hier noch einen Parkplatz und genießt eine ruhige Lage.“

Lange Nacht der Bilder startet in Genslerstraße

Die ID-Studios bilden einen wichtigen Ankerpunkt in der Kulturlandschaft des Bezirks. Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ist froh darüber, dass dort quasi ohne das Zutun der öffentlichen Hand ein Atelierort entstanden ist, der Künstlern eine Heimat gibt, die woanders in der wachsenden Stadt kaum noch Chancen haben.

Bewusst habe man sich dafür entschieden, in der Genslerstraße die 12. Lange Nacht der Bilder zu eröffnen. Grunst, der das Kulturressort im Bezirk verantwortet, hofft auf möglichst viele Besucher aus allen sozialen Schichten und Bevölkerungsgruppen, auf einen Austausch zwischen Otto-Normal-Verbrauchern und Kulturschaffenden. Die Lange Nacht der Bilder sei eine Präsentschau – und nicht zuletzt auch imagefördernd. Längst hat sich Lichtenberg als Region einen Namen gemacht, in der sich Künstlerinnen und Künstler entfalten können. Mit der Langen Nacht der Bilder zieht man zudem von Jahr zu Jahr mehr Besucher an. 2018 sollen rund 10.000 Menschen einen Blick hinter die Kulissen der Kunst- und Kulturszene geworfen haben.

Raum für Kunst

Insofern sind die ID-Studios ein gutes Vorbild dafür, wie private Unternehmer Raum für Kunst schaffen. Von der Immonen-Gruppe heißt es, dass die beiden Häuser als Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft fungieren. Die Freude auf die Lange Nacht der Bilder sei groß, heißt es. So können die Künstler den Besuchern ihr Schaffen vorstellen und die Veranstaltung rege dazu an, sich untereinander auszutauschen.

12. Lange Nacht der Bilder

Eröffnet wird die Lange Nacht der Bilder am 6. September um 16 Uhr in den ID-Studios, Genslerstraße 33 (Eingang Freienwalderstraße 14a), 13055 Berlin. Nach der Begrüßung durch Bezirksbürgermeister Michael Grunst gibt es im Anschluss ein Gespräch zwischen den Künstlern und Dr. Catrin Gocksch, Fachbereichsleiterin Kunst und Kultur von Lichtenberg. Für Musik sorgen Malonda (Gesang), Elektrik-Diva und Dora Pan (DJane). Zwischen 16 und 18 Uhr sind alkoholfreie Getränke und Gegrilltes kostenfrei.


Das Bezirks-Journal und die Onlinezeitung LichtenbergMarzahnPlus.de sind erneut Medienpartner der Veranstaltung. Konzeption und Organisation der Langen Nacht der Bilder: Fachbereich Kunst und Kultur des Bezirksamtes Lichtenberg in Zusammenarbeit mit dem Kulturring in Berlin e.V. Ab 18.30 Uhr starten zu den 40 Veranstaltungsorten Busse zu drei Touren. Darüber hinaus werden drei Radtouren angeboten. Dieses Jahr können sich Interessierte zudem zu zwei Spaziergängen anmelden.


Alle Details sowie Möglichkeiten zur Anmeldung finden sich im Internet unter www.langenachtderbilder.de Das komplette Programmheft gibt es gedruckt an vielen Orten im Bezirk, darunter in den Bibliotheken, Bürgerämtern und im Rathaus.


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