Zwischen Stadt und Land (22)

Vom Missbrauch der Sprache

16.02.2020, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Unsere Uroma war eine echte Berliner Göre. Daraus machte sie auch keinen Hehl, als sie in den 1950er-Jahren Berlin Richtung Westen verließ und mit einem Großteil ihrer Kinder ein neues Leben in einem kleinen Städtchen bei Dortmund begann. Während der Nachwuchs sich schnell den klaren westfälischen Dialekt aneignete, berlinerte Martha, was das Zeug hielt. Und sie hatte eine Marotte: Gern verwechselte sie „mir“ und „mich“. Das führte zu unvergessenen Sätzen wie „Das interessiert mir nicht“ oder „Wenn ihr wieder zu Hause seid, ruft ihr mir mal an“. Martha war eine bodenständige Frau, einfach gestrickt, aber mit einem großen Herzen. Nie hätten wir uns erlaubt, sie darauf hinzuweisen, dass sie gerade etwas gesagt hat, dass in dieser Form nicht nur merkwürdig klingt, sondern schlichtweg grammatikalisch falsch ist.

Gewöhnungsbedürftig ist auch die Sprache, die bei uns auf dem Dorf gesprochen wird. Nennen wir es die märkische Abwandlung des Berliner Dialekts, gespickt mit allerlei Eigentümlichkeiten. Denn hier wird jeden Tag die deutsche Sprache missbraucht, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Weit verbreitet ist es, die Adverben „vielleicht“ und „manchmal“ zu verwechseln. Da kommen dann solche Sätze wie „Kann es sein, dass Du manchmal sauer auf mich bist?“ oder „Weißt Du manchmal, wie lange am Sonnabend die Post geöffnet hat?“. Ähnlich verhält es sich mit „wenn“ und „wann“: „Wenn ist denn die Einschulung?“ Und dann wäre noch die Sache mit „damit“ und „dass“, was auch irrwitzig komisch klingt, aber auch schnell zum Fremdschämen animiert. Auf einem Zettel in unserem Supermarkt entdeckten wir vor einiger Zeit Werbung eines Gastronomen, der gleichzeitig an einer Kommaschwäche leidet. „Es sprach sich rum in der Stadt damit der Seegarten in Storkow… Wiedereröffnung hat.” Auf die Zunge beißen wir uns auch regelmäßig, wenn wir hören, wer sich alles in der Feuerwehr „arrangiert“. Im Fachjargon heißt das Malapropismus.

Als wäre es nicht schon genug, sich über das gesprochene Wort zu ärgern, treiben uns so manche Nachrichten in WhatsApp-Gruppen in den Wahnsinn. „Wann ist den das nächste Treffen?“ oder „Wie lange seit ihr heute im Biergarten?“ ist da zu lesen.

Wir wissen nicht, was uns daran hindert, die Leute auf ihre falsche Grammatik anzusprechen. Vermutlich, weil wir bei einigen wissen, was dann kommt: „Keiner mag Klugscheißer“, hören wir da schon – vor allem von jenen, die auch sonst sehr genervt reagieren, wenn man sie auf Fehler hinweist und denen es vor anderen peinlich ist, auf diese Schwäche angesprochen zu werden. Andere wiederum sind uns so sympathisch, dass wir uns dann doch ganz bewusst auf die Zunge beißen. So wie einst bei Uroma Martha.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Freude kommt bei ihm auf, wenn richtig und korrekt berlinert wird. Das können aber nur noch wenige wie Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher oder Kurt Krömer.


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