Zwischen Stadt und Land (20)

Verwöhnte Stadtkatzen

04.11.2018, Marcel Gäding

Fotos: Marcel & Geraldine Gäding

Als wir noch in Berlin wohnten, zogen irgendwann vier Katzen zu uns. Sie kamen aus dem Tierheim Berlin, hatten als Kitten ein unschönes Leben auf den rauen Straßen der Hauptstadt hinter sich und fühlten sich in ihrem neuen Zuhause sofort wohl: Unser großer Balkon in Alt-Hohenschönhausen wurde zu einem Katzenparadies, auf dem sich die Stubentiger an sonnigen Tagen auf dem Rasenteppich suhlten und nur unter Protest abends wieder in die Wohnung kamen. Angelockt durch das Klappern der Futternäpfe ließen sie sich dann aber doch überreden. Nach dem Fressen ging es aufs Klo und von dort direkt auf die Couch. Während die vier Fellnasen in einen Tiefschlaf verfielen, säuberten wir ihre Toiletten und fegten mit dem Besen das geklumpte, hölzerne Katzenstreu zusammen, das drum herum lag.

Mit unserem Umzug aufs Land sollte alles anders werden: Freigang für alle auf dem großen Waldgrundstück. Auch an Nahrung würde es den Katzen nicht fehlen angesichts unzähliger Vögel und vieler Waldmäuse. Auf so einem großen Areal wäre außerdem genug Platz für das tägliche Katzengeschäft. Die sehen wir vermutlich nur zum Schlafen, war einer unserer ersten Gedanken. So viel dürfen wir aber vorweg schon sagen: Wir haben die Rechnung ohne den Wirt – pardon – ohne die Katzen gemacht.

Acht Waldmäuse und ein Vogel

Nur zwei der vier Samtpfoten wagten sich aufs Grundstück. Bei warmem Wetter streunten sie stundenlang durch die Büsche oder hielten an schattigen Plätzchen ein Nickerchen. Die anderen Beiden inspizierten lediglich die Terrasse, sonnten sich dort und kehrten schnell ins Haus zurück, wenn Nachbars Katze durch den Garten schlich. Als dann eine der abenteuerlustigen Katzen starb, zog nur noch eine ihre Runden und ging auf Jagd. Die Bilanz: Mindestens acht Waldmäuse und ein Vogel in diesem Jahr.

Nun ist es nicht so, dass die Beute mit Haut und Haar verzehrt wird. Katzen haben die Angewohnheit, den Fang stolz den Zweibeinern vor die Füße zu legen. An sich ist das eine wirklich freundliche Geste. In diesem Fall aber sind die Nager meist noch am Leben, wenn sie von der Katze ins Haus getragen werden. Weil jedes Geschenk vorab durch ein lautes Mauzen angekündigt wird, handeln wir schnell und begeben uns selbst auf Mäuse-Pirsch: Während also drei Katzen irritiert schauen, jagen wir den Nagern mit Plastikschüsseln hinterher. Ist das kleine Tier erst einmal gefasst, wird es umgehend dorthin gebracht, wo es herkommt: in den Wald.

Eine Maus im Haus ist zu viel

Seit einigen Wochen wissen wir aber, dass nicht jede Maus den Weg nach draußen gefunden hat. Eine von ihnen entwich uns, tauchte lange unter. Fast hatten wir das schon vergessen, als wir Mäusekot entdeckten und unsere Katzen dabei beobachteten, wie sie stundenlang starrend vor der Ritze saßen, die es zwischen den Scheuerleisten und unserem Fußboden gibt. Es wäre also nur noch eine Frage der Zeit, bis die Hausmaus einer der Hauskatzen ins Netz geht. Unsere Hoffnung aber wich schnell der Realität. Vom Beobachten müde, legten sich die Samtpfoten auf die Couch oder ins Körbchen, während ihre Beute seelenruhig Richtung Küche spazierte, um dort im Schutze der verwinkelten Schränke ein neues Quartier zu beziehen. Die Hinterlassenschaften des Nagers fanden sich sodann im Vorratsschrank. Fortan lebten Maus und Katzen friedlich nebeneinander. Von Beute konnte also keine Rede mehr sein.

Nun sind wir ausgewiesene Tierfreunde, aber ein weiteres Tier geht auf Dauer nicht. Also musste eine Lösung her. Im Baumarkt standen wir vor einem großen Regal des Schreckens: Mausefallen, Köder mit Giftstoffen und allerlei anderes Zeug, um das kurze Mäuseleben schlagartig zu beenden. Durch Zufall stießen wir dann auf eine tierfreundliche Methode: ein kleiner Metallkäfig, an dessen Ende ein Köder befestigt wird. Beißt die Maus zu, fällt die Klappe.

Zwei Tage prüften wir morgens und abends die Falle. Am dritten Tag schließlich saß eine der Katzen vor jenem Schrank, in dem wir das Konstrukt aufstellten, und blickte unentwegt auf die Holztür. Und tatsächlich, der Plan ging auf. Maus in Falle. Ohne lange zu zögern, setzten wir unseren Gast vor die Tür, warfen ihm noch ein paar Körner hin und verabschiedeten uns, bevor wir die Fressnäpfe unserer Katzen mit industriellem Nassfutter füllten.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Hin und wieder rettet er auch Tiere, nicht nur Mäuse.

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