Der Bums aus Dingsda oder Marx-Engels-Platz aussteigen

Äh, wie heißt der noch mal?

09.02.2020, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Vor ein paar Tagen wollte mir partout der Begriff Cranberries nicht einfallen. Ich hatte gerade auf einem Markt einem Freund mein Lieblingsrezept für die Füllung der Weihnachtsgans beschrieben. Und plötzlich war eine ganz wichtige Zutat aus dem Gehirn verschwunden. Nicht so richtig zwar, ich sah die Beeren ja quasi vor meinem inneren Auge und meinte sie fast zu schmecken. Doch ihr Name? Ein schwarzes Loch tat sich auf und ließ sich nicht wieder füllen. Pfff… „Ich ruf Dich an, wenn‘s mir wieder einfällt.“ Derselbe Freund kam auf dem Rückweg nicht auf den Namen einer Krankheit, an der eine Bekannte zu leiden hat. „Kennst Du, ist eine typische Frauensache. Ich komm jetzt bloß nicht drauf.“ Mein Rateerfolg war gleich Null: Periodenschmerz und Migräne wurden abgelehnt. Wieder zu Hause ertönte ein kleines Pling vom Mobiltelefon. Der Freund hatte eine SMS geschickt: „War doch Migräne!“ Ich revanchierte mich mit der korrekten Bezeichnung der kleinen roten Beeren für die Gans. Deren Name war mir gerade wieder eingefallen.

Schulze, Meier oder…

Kürzlich gingen eine Nachbarin und ich am frühen Morgen mit unseren Hunden spazieren. Auf der Straße sahen wir einen Menschen, der sich in unserer Wohnanlage beruflich ums Grün kümmert. „Das ist doch Herr Schulze“, sagte die Nachbarin. „Oder Herr Meier?“ Sie schaute mich hilfesuchend an. Aber auch ich wusste nur: Weder, noch. „Der heißt anders. Aber wie doch noch mal?“ Der Bums aus Dingsda… Beim Frühstück kam ich endlich drauf: Es war Herr Lehmann.

Seit fast 30 Jahren Hackescher Markt

Wenn man älter wird, passieren einem solche Sachen häufiger. Und sie irritieren. Schließlich möchte man ja niemand sein, der von Demenz oder gar Alzheimer betroffen wird. Jede kleine Gedächtnislücke wird deshalb peinlich hinterfragt. Jeder Aussetzer kommt unter besondere Beobachtung. Wie jener Rat an eine Freundin, sie solle doch am S-Bahnhof Marx-Engels-Platz aussteigen. Wo? Der Bahnhof heißt seit 30 Jahren nicht mehr so, sondern Hackescher Markt. Wieso haben sich jetzt die Vordenker des Kommunismus wieder in meinem Kopf breit gemacht? Damit ging es mir aber noch besser als vor Jahren der Mutter einer Kollegin, die aus München kam und einige Tage in Berlin verbrachte. Diese sagte gar nicht leise zu ihrer Tochter im vollen U-Bahn-Waggon: „Wann kommt denn nun endlich der Horst-Wessel-Platz?“ In ihrer Jugend im Dritten Reich, wo sie in Berlin lebte, hieß der Rosa-Luxemburg-Platz so. Und das wurde urplötzlich wieder hochgespült. Die Kollegin erzählte, sie hätte vor Scham in den Boden versinken wollen. Zumal die Mutter die Frage noch einmal wiederholte, viel lauter als beim ersten Mal.

Altersbedingte Vergesslichkeit oder mehr?

Ist das nun nur altersbedingte Vergesslichkeit oder schon der Weg zur Demenz? Doktor Google tippt aufs Erstere. Weil das nämlich schon ab den 50ern nicht gar so selten ist. Sorgen müsse man sich allerdings machen, wenn normale Handlungen plötzlich als ungewohnt erscheinen und man den Alltag nicht mehr meistert. Wenn der Autoschlüssel plötzlich im Kühlschrank liegt oder man die eigenen Verwandten nicht mehr erkennt. Es gibt übrigens einen Demenztest im Web  den man machen kann – auch zur eigenen Beruhigung. Und man sollte natürlich das Gehirn trainieren. Ich habe mal ein Interview mit einem Forscher dazu gelesen. Der riet, nicht nur Sudoku zu machen, sondern etwas Neues zu lernen. Etwas, was einem nicht leichtfällt. Ich pauke übrigens seit einiger Zeit Französisch auf der Volkshochschule, vorher hatte ich Italienisch gelernt. In unserer Gruppe ist die Jüngste 50, die meisten anderen sind schon im Rentenalter. Die Englisch-Gruppe, die sich vor Beginn unseres Kurses trifft, ist noch älter. Das gemeinsame Lernen hält den Geist fit, so die Hoffnung. Und das Schlechteste ist es ja auch nicht, auf Reisen ein wenig sprachkundig zu sein.

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