Kritik: Keine neuen Schulen und Kitas, kaum Stellflächen

Verdichtung ohne neue Infrastruktur?

10.08.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Biesdorf-Nord. Gleich zwei Bürgerinitiativen aus dem Cecilienviertel in Biesdorf-Nord waren dabei, als am Mittwoch, 8. August, der CDU-Abgeordnete Christian Gräff zum Rundgang durch das Quartier zwischen Garzauer Straße und Buckower Ring eingeladen hatte. Wie der CDU-Politiker bemängeln die Anwohner die Art und Weise der geplanten Verdichtungen im Gebiet. Rund 500 Neubauwohnungen entstehen im Umkreis – aber keinerlei zusätzliche Kita- und Grundschulplätze. Zudem sind kaum neue Stellflächen für Pkw vorgesehen. Im Gegenteil: Mit der geplanten Bebauung eines Parkplatzes an der Cecilienstraße fallen künftig sogar noch Pkw-Parkplätze weg. Das Viertel, die gegenüberliegende Ringelnatzsiedlung und ein Eigenheimgebiet sind lediglich mit den Buslinien 191 und 291 an den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angebunden. Viele Bewohner sind deshalb auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen, um schnell von A nach B zu kommen.

500 neue Wohnungen bis 2020

Beim Weiterbau der Joachim-Ringelnatz-Siedlung (Süd) durch die Degewo entstehen 299 Wohnungen. Sie sollen Ende 2018 fertiggestellt sein. Bei einem Wohnungsbau-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsbaugenossenschaft an der Cecilienstraße (heutiges Parkplatzgelände) sollen ab nächstem Jahr 71 Wohnungen errichtet werden. An der Wuhlestraße 2-8 ist auf einem Areal, wo im Jahr 2007 im sogenannten Stadtumbau Ost ein Elfgeschosser abgerissen wurde, ein neues Wohngebäude der Degewo mit 142 Wohnungen vorgesehen. Fertiggestellt sein könnte der Achtgeschosser 2020.

Anwohner kritisieren mangelnde Kommunikation

An diesem Projekt stoßen sich Anwohner. Dagmar Lenz von der BI Cecilienviertel, die seit vier Jahren im Quartier wohnt, kritisiert wie ihre Mitstreiter vor allem die Form und Höhe des geplanten Neubaus an der Wuhlestraße. Dieser soll sich U-förmig auf der bisherigen Grünfläche erstrecken, der abgerissene Plattenbau war ein einfacher Riegel zur Straße hin: „Etwa ein Drittel der Grünfläche geht verloren, unsere Wohnungen werden verschattet.“ Und noch etwas stört sie gewaltig: die mangelnde Kommunikation. Denn von dem Vorhaben erfuhren die Anwohner nur durch Zufall, bis dato gab es keine offizielle Informationsveranstaltung dazu. Ähnlich sprachlos seien die Behörden beim Ansinnen der zweiten Bürgerinitiative im Viertel geblieben, die sich auf einem früheren Gelände einer ebenfalls während des Stadtumbaus abgerissenen Kindertagesstätte eine Waldkita wünscht. Sogar einen interessierten Träger können sie vorweisen: „Doch der Bezirk hört uns nicht“, beklagt Edelgard Schaup, die seit 1984 im Quartier wohnt. Auch an Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) habe die BI geschrieben. Es sei keine Antwort gekommen.

Kein einziger neuer Schul- und Kitaplatz

Christian Gräff, der bis Herbst 2016 Stadtrat für Wirtschaft und Stadtentwicklung in Marzahn-Hellersdorf war, bemängelt, dass bei den Wohnungsbauvorhaben am Stadtrand die erforderliche Infrastruktur nicht gleich mitgeplant werde. „Es entsteht nicht ein einziger neuer Schul- oder Kitaplatz im Bereich, obwohl 500 neue Wohnungen gebaut werden“, kritisiert er. Zähle man die weiteren in Bau befindlichen Wohnungsbauten im Ortsteil (Grüne Aue, das historische Gut Biesdorf und die Biesdorfer Stadtgärten) dazu, sind es sogar fast 1.500 neue Wohnungen in Biesdorf bis zum Jahr 2020.

Reserveflächen sind vorhanden

Im Cecilienviertel gibt es sogar geeignete landeseigene Flächen. Die Abrissgrundstücke zweier ehemaliger Schulen und der Kindertagesstätte, wo sich die Anwohner eine Waldkita wünschen, sind als Vorhaltefläche Kita und Schule gesichert worden. Noch im April hatte Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke), zuständig auch für Stadtentwicklung, jedoch betont, die Infrastruktur im Cecilienviertel reiche völlig aus, wir berichteten. Dabei ist die Johann-Strauss-Grundschule, die einzige Grundschule im Gebiet, bereits jetzt voll.

Stadtrat: Nicht nur einzelne Viertel betrachten

Schul- und Jugendstadtrat Gordon Lemm (SPD) sagt auf Nachfrage von LiMa+, dass man immer die Planungsräume, nicht nur einzelne Viertel betrachten müsse: In der Region Biesdorf entstünden bis 2020/21 mehr als 220 neue Kitaplätze, darunter am Blumberger Damm und in der Kohlweißlingstraße. „Bis 2020/21 wurde der Bedarf an neuen Kitaplätzen in Marzahn-Hellersdorf mit 1.300 errechnet, wir planen derzeit mehr als 2.000, damit die Eltern eine Auswahl haben.“ Das Thema Waldkita bezeichnete er als „charmante Idee“, die sich aber nicht an diesem Standort realisieren lasse. Dort sei eine Einrichtung für Eltern und Kinder vorgesehen, die Verhandlungen mit einem Träger liefen bereits. Das Grundstück sollen in Erbbaupacht vergeben werden. „Wir brauchen dringend solche Einrichtungen zur Stärkung von Familien“, sagt Lemm, „weil die Hilfen zur Erziehung (HZE) stark angestiegen sind.“ Ab nächstem Jahr soll die Einrichtung am Buckower Ring 54 realisiert werden. „Wir haben der Initiative für die Waldkita gesagt, dass wir sie gern bei der Suche nach einem anderen Standort im Bezirk unterstützen.“

Langfristige Planung

Er stimme mit Christian Gräff überein, dass Grundschulplätze derzeit ein Problem sind, sagt der Stadtrat. „Diese fehlen wie an anderen Orten im Bezirk auch in Biesdorf.“ Deshalb seien die Zuschnitte von Einschulungsbezirken verändert worden, Kinder aus Biesdorf-Nord könnten außer der Johann-Strauss-Grundschule nun auch die Grundschule An der Wuhle in Kaulsdorf-Nord besuchen. Diese hatte im vergangenen Schuljahr einen Mobilen Erweiterungsbau bekommen (MEB). Auch die jetzt fertiggestellte Grundschule Am Habichtshorst, die inzwischen schon wieder zu klein ist, soll Schulcontainer bekommen. „Das wären 150 Plätze zusätzlich.“ Ein beantragter MEB für diesen Standort sei leider vom Senat abgelehnt worden. Sowohl für MEBs als auch für Schulneubauten müsse gegenüber dem Senat der Nachweis erbracht werden, dass sie auch langfristig in der Region gebraucht werden, so Lemm. Das Beispiel der 2000er-Jahre, wo im Rahmen des Stadtumbau Ost allein in Marzahn-Hellersdorf 142 Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, darunter etwa 80 Schulen und Kitas abgerissen wurden, wirkt nach.

Container in die Garzauer Straße?

Vielleicht werde es aber trotzdem noch etwas mit einer Schule im Cecilienviertel, sagt Bjoern Tielebein, der Vorsitzende der Linksfraktion in der BVV. Denn mit der Investitionsplanung 2018-22 habe der Bezirk beim Senat die Aufstellung von fünf Containerschulen beantragt, die als Ausweichstandorte für Sanierungsmaßnahmen während der Schulbauoffensive genutzt werden sollen. Unter den Vorschlägen ist auch die Garzauer Straße 30, wo sich einst die Grundschule am Wuhletal befand. Eine Entscheidung soll im Herbst fallen.

 

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