Wohnen geht auch auf einer Grundfläche von sieben Quadratmetern

Tiny House Ville – klein aber oho!

25.04.2019, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Können Sie sich vorstellen, in einer Wohnung zu leben, die in der Grundfläche nur 2 mal 3,40 Meter misst? Der Architekt Van Bo Le-Mentzel hat diese Idee in Holz materialisiert. Der Geschäftsführer der Tiny Foundation entwarf und konstruierte ein Haus, das er selbst als die „100-Euro-Wohnung“ bezeichnet. Der Name soll den errechneten Mietzins verdeutlichen, den die wohl kleinste Wohnung Deutschlands auf dem Markt kosten würde. Sie soll die Grundbedürfnisse für eine Person abdecken. Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke) staunt nicht schlecht, als er am Dienstag, 23. April, die Miniwohnung auf dem Parkplatz vor dem IKEA-Markt an der Landsberger Allee betritt. Sie ist Bestandteil einer lohnenswerten, weil neue Perspektiven eröffnenden Ausstellung. Weitere, den Besucher überraschende Häuser gehören zur Tiny House Ville dazu.

Alles mini, aber alles drin

Die Deckenhöhe von 3,60 Metern bietet unglaublichen Platz für ein Wohnzimmer, die Küche, Schlafzimmer und Büro sowie eine Camping-Toilette und eine Dusche. Der Strom einer Power-Lithium-Batterie reicht für Licht, Radio und sogar um einen Kaffee zu kochen. „Ausdauernder ist dann aber schon eine Solaranlage auf dem Dach“, räumt Van Bo Le-Mentzel ein.

WBS 360

Mehrere Module können dank flexibler Wände auch kombiniert werden und bieten so Raum für mehrere Personen in größeren Wohnungen. Le-Mentzel nennt sie, in Anlehnung an die WBS 70 (Wohnungsbauserie) aus DDR-Zeiten, auch scherzhaft WBS 360, wegen der Deckenhöhe. „Wundersamer Berliner Setzbaukasten“, erklärt der Unternehmer mit einem Augenzwinkern. Doch im Ernst: Er kann sich in die Höhe gebaute Module bis zu vier Stockwerke nicht nur vorstellen. Er hat auch die Statik bereits berechnet, Treppenhäuser, den Brandschutz und Fluchtwege eingeplant.

Erst mal alles auf Rädern

Was sie neben der optimalen Raumausnutzung gemeinsam haben: Alle stehen auf Rädern und sind somit leicht umsetzbar. „Die Parkplatzfläche, auf der ein Tiny House steht, ist besser genutzt als für den ruhenden Verkehr“, findet der Architekt und Designer. In Deutschland und darüber hinaus wurde er auch bekannt durch die von ihm entworfenen „Hartz-IV-Möbel“ zum Selbstbau mit geringem Kostenaufwand. Der 42-Jährige hat eine bewegende Vita, die er in seinem 2016 im Ecowin Verlag bei Salzburg erschienenen Buch „Der Kleine Professor: 34 Dinge, die mich mein Sohn über das Leben, die Liebe und die Welt gelehrt hat“ anklingen lässt. Van Bo Le-Mentzel ist ein kreativer Querdenker, der nur so vor Ideen sprüht.

Das Recht auf angemessenen Wohnraum

Gemeinsam mit Michael Grunst und dem berlinbekannten, wohnungslosen Bildhauer Thomas Pollhammer weihte er ein neues Haus ein, das dem Brandenburger Tor nachempfunden ist. Auf acht Quadratmetern Grundfläche sind in dem sechs Meter hohen „Tiny Temple“ auf kleinstem Raum eine öffentliche Bücherei mit „99 Books“, ein Sozialkiosk, eine öffentliche Dusche sowie ein Kompostklo untergebracht. Thomas Pollhammer fertigte die hölzerne „Quadriga“ und schrieb mit weißer Farbe den ersten Satz des Artikel 28, Absatz 1 der Verfassung von Berlin darauf: „Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum.“ Der Absatz geht übrigens folgendermaßen weiter: „Das Land fördert die Schaffung und Erhaltung von angemessenem Wohnraum, insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen, sowie die Bildung von Wohnungseigentum.“

Von einfach bis anspruchsvoll-spektakulär

Für Thomas Pollhammer hat dieser Verfassungsauszug eine besondere Bedeutung. Denn der Künstler lebte viele Jahre im Plänterwald in einer selbst gebauten Hütte. Die gemeinnützige Tiny Foundation hat dem Künstler in einer beherzten Wochenendaktion das Haus auf einen fahrbaren Untersatz gesetzt und zeitweise in Tiny House Ville Lichtenberg untergebracht. Pollhammer will sich, mit fachlicher Unterstützung der Foundation selbst ein Minihaus bauen. „Ich bin schon fleißig am Material sammeln“, sagt er. Es muss eine Low-Budget-Variante werden, soviel steht fest. Denn auch, wenn die Tinys im Vergleich zu Massivhäusern im Bau preiswert sind, so müssen dafür – je nach Typ – doch zwischen 15 und 50 tausend Euro berappt werden. Es gibt nämlich auch anspruchsvollere Versionen, wie zum Beispiel die „Wohnmaschine“: Ein 15 Quadratmeter großes Tiny House, das zumindest äußerlich das Bauhaus Dessau im Maßstab 1:6 abbildet. Hinter der Plexiglas-Fassade verbirgt sich eine voll funktionstüchtige Zwei-Raumwohnung mit Bad und Küche. Auch diese Unterkunft könnte zum Segment sogar für ein spektakulär neunstöckiges Hochhaus mit einem Stahlskelett werden, versichert der Architekt.

Le-Mentzel: Viel hängt vom politischen Willen ab

„Für solche größeren Vorhaben müssen Sie Partner finden“, sagt Michael Grunst. Le-Mentzel zeigt Interesse, mit Lichtenberger Wohnungsunternehmen enger in Kontakt zu treten. „Für den Bau eines Studenten-Hauses im Studentendorf Schlachtensee in Steglitz-Zehlendorf haben wir bereits einen Partner gefunden“, sagt er. Ob für den Pionierbau die Genehmigung erteilt werde, hänge aber zu einem großen Teil vom politischen Willen ab. Natürlich kenne er die Gesetze in Deutschland. Sie schrieben vor, dass man nur in einer dafür vorgesehenen festen Behausung dauerhaft wohnen dürfe. Also weder in der Gartenlaube noch im Büro oder im Hotel. Und eben auch (noch) nicht in einem Tiny House.

Mögliche Hilfe für Wohnungslose

„Ich kann mir aber die Minihäuser als eine Alternative für wohnungslose Menschen vorstellen, damit sie nicht im Winter erfrieren“, regt der Bürgermeister an. „Ich will gerne helfen“, erwidert Van Bo Le-Mentzel prompt. „Die Häuser sind ja da. Vielleicht in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtmission.“

Das temporäre Dorf kann bis zum 12. Mai, mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr besichtigt werden. Es gibt Workshops, Führungen und Gespräche. Der Eintritt von 5 Euro pro Person (Kinder frei) deckt die Standgebühren und Betriebskosten.
Weitere Informationen können auch per E-Mail an:
lementzel@tinyfoundation.org erfragt werden.


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