Tierhof Oschatzer Ring wird im Hellersdorfer Kiez geschätzt

Ställe und Weiden vor Plattenbauten

21.01.2017, Oscar Jacobs & Birgitt Eltzel

Fotos: Oscar Jacob (1-11), Birgitt Eltzel (12-14)

Hellersdorf. Eber Rudi legt Wert auf Hygiene. Das stattliche Tier mit mehr als 200 Kilogramm Lebendgewicht erledigt seine dringenden Bedürfnisse nur im Freien. Sein Stall soll sauber bleiben. Deshalb ist er auch bei frostiger Witterung immer mal wieder im Freigehege am Oschatzer Ring 1, scharrt in Schneeresten oder knabbert an ausgedienten Weihnachtsbäumen.

Vom Aussterben bedrohte Nutztierarten

Rudi ist gut geschützt durch sein dichtes rotes Wollkleid. Der vierjährige Eber ist ein Rotes Mangalitza Wollschwein und gehört wie die Thüringer Waldziegen und die Braunen Bergschafe zu seltenen Nutztierrassen, die auf der Roten Liste stehen, also vom Aussterben bedroht sind. Das Projekt „Mensch – Natur“ der Beschäftigungsagentur Berlin-Brandenburg e.V. (BABB), das dem Naturschutz und der Berufsorientierung dient, will dem begegnen. Seit 2013 züchtet es auf dem Gelände der abgerissenen Phönix-Grundschule am Oschatzer Ring erfolgreich diese drei Rassen. 18 Beschäftigte – vor allem junge Leute im Bundesfreiwilligendienst und Ehrenamtliche – kümmern sich um die artgerechte Haltung der Tiere. Die haben, anders als  in der Massentierhaltung, beste Bedingungen auf dem Hof. Ställe wurden in der alten Schulturnhalle, die als Stützpunkt dient, eingebaut, andere in nicht mehr gebrauchten Containern, die die Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) zur Verfügung stellte. Die Freigehege, auf denen die Tiere den Tag verbringen, bieten genügend Raum für Bewegung.

Wollschweine, Waldziegen und Bergschafe

„Wir haben aktuell 15 Mangalitza Schweine, 16 Thüringer Waldziegen und 26 Braune Bergschafe auf dem Hof“, sagt BABB-Geschäftsführer Reiner Waldukat. Zuchteber Rudi hat bereits für 30 Nachkommen gesorgt, mehr als die Hälfte wurden an ähnliche Projekte und Vereine weitergegeben. So sei auch ein Mangalitza in einen Zoo nahe Neuruppin gelangt, für das dann die aus Marzahn-Hellersdorf stammende Linken-Bundestagsabgeordnete Petra Paudie Patenschaft übernommen hatte, erzählt Waldukat. Stammvater Rudi ist übrigens ein West-Import. Er kommt von dem berlinweit bekannten Bauer Mette aus Buckow (Bezirk Neukölln). Mit Mette, einem der wenigen noch aktiven Landwirte der Hauptstadt, kooperiert der Verein ebenso wie mit anderen Landwirten und Institutionen.

Jedes Tier trägt einen Namen

Alle Tiere auf dem Hof am Oschatzer Ring haben Namen. Die denken sich meist Tierhof-Chefin Stephanie Philipp und Schichtleiterin Marion Gentz aus. Rambo, der imposante Schafbock beispielsweise, heißt nicht umsonst nach dem gleichnamigen Ballerhelden der bekannten US-Filme mit Sylvester Stallone. Er ist ziemlich wehrhaft. Deshalb sollte man Vorsicht walten lassen, wenn man an sein Gehege tritt, rät Reiner Waldukat. „Er kann aber auch ganz sanft sein“, erzählt er. Einmal seien kleine Zicklein aus dem Nachbargehege zu ihm gelassen worden. „Da hat er sich dann hingelegt und die Kleinen durften auf ihm rumturnen.“

Anwohner kommen zum Schauen und Füttern

Der Tierhof steht den Anwohnern zur Besichtigung offen. Insbesondere Familien mit Kindern kommen häufig, um nach den Schweinen, Schafen und Ziegen zu sehen – und diese auch mal zu füttern. „Wir sind eine feste Größe im Kiez geworden“, sagt Waldukat, der wie Tierhof-Leiterin Philipp selbst dort wohnt. Klagen aus den nahen Plattenbauten über eventuelle Geruchsbelästigung oder tierischen Lärm habe es noch nie gegeben. Mit einer kleinen Ausstellung über Zecken trägt der Verein auch zur weiteren Umweltbildung teil. Daraus ist beispielsweise zu erfahren, dass Wiederkäuer wie Kühe, Ziegen und Schafe die Gefahr, von Zecken mit Borrelien infiziert zu werden, um mehr als das Fünfzigfache senken. „Die Beweidung ist also auch eine Möglichkeit, der sich immer mehr ausbreitenden Krankheit Borreliose zu begegnen“, sagt Waldukat.

Große Solidarität nach Brand der Heuvorräte

Wie gut das Projekt im Quartier verankert ist, zeigte auch ein tragisches Ereignis vor einigen Tagen. Ein Container mit den Heuvorräten, die bis zum Frühjahr reichen sollten, war in Brand gesetzt worden. Der Verein vermutet Brandstiftung. Die Feuerwehr kam zwar rasch, das Heu aber war, auch durch den Löschschaum, verdorben. Schnell verbreitete sich die Nachricht im Viertel und über die sozialen Netzwerke. „Schon wenige Stunden später gab es die ersten Spenden. Leute brachten Heu und Äpfel, andere Geld. Das war sehr bewegend“, sagt Stephanie Philipp. Geschäftsführer Waldukat erzählt, dass der Abgeordnete Kristian Ronneburg (Linke) und mehrere Verordnete der Linken-Fraktion im Bezirksparlament gleich am nächsten Tag mit einem Transporter gekommen seien, voller Weihnachtsbäume und anderer Futtermittel. Auch der Verein „Helle Hunde“, der seit August 2016 gegenüber seinen Platz ausbaut und mit dem Tierhof kooperiert, hat unverzüglich Geld und andere Spenden gesammelt. „Wir sind sehr gerührt darüber, wie die Leute uns unterstützen“, sagt Schichtleiterin Gentz. Auch LiMa+ überbrachte eine Geldspende.

Wer noch helfen will, kann Spenden vorbeibringen (für Geld gibt es eine Spendenbox) oder auf das folgendes Konto einzahlen:
Bank für Sozialwirtschaft, IBAN:  DE51 1002 0500 0003 2403 00, BIC:  BFSWDE33BER, Kontoinhaber: BABB e.V., Zweck: Tierhof Oschatzer Ring

Achtung: Nur abgeschmückte Weihnachtsbäume dürfen verfüttert werden, keine Zitrusfrüchte oder Avocados. Auch Brot wird derzeit nicht gebraucht.

 

 

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