Zwischen Stadt und Land (21):

Tal der Ahnungslosen

03.02.2019, Marcel Gäding

Der Jahresbeginn ist eine gute Zeit, einen Blick auf die Statistik zu werfen. Gerade wurden Zahlen bekannt, wonach im Jahr 2017 mehr als 30.000 Berliner aufs Land nach Brandenburg zogen. Wir können das gut verstehen. Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum, die Stadt wird immer lauter und irgendwie immer stressiger. Und so ergriffen auch wir 2015 die Flucht, weil wir uns nach Ruhe, Idylle und ein bisschen Provinz sehnten. Unser Glück fanden wir in einem beschaulichen Dorf bei Storkow, umgeben von nicht enden wollenden Kiefernwäldern, kleinen und großen Seen und Feldern, so weit das Auge reicht. Dass wir von nun an jeden Tag mehr als eine Stunde mit dem Auto nach Berlin fahren, war uns bewusst. Was wir nicht auf dem Schirm hatten: Wir zogen ins Tal der Ahnungslosen. Mit ungeahnten Folgen.

Natürlich will so ein Umzug von Alt-Hohenschönhausen nach Brandenburg gut vorbereitet sein. Noch bevor wir Kontakt zu den verkaufsbereiten Eigentümern unseres jetzigen Hauses aufnahmen, checkten wir, ob Internet am Haus liegt und auch Handys funktionieren. Nun haben wir nicht die schnellste Verbindung ins weltweite Netz, was okay ist. Und auch die Tatsache, dass nur einer der drei großen Mobilfunkanbieter einen Sendemast in der Nähe betreibt, hielt uns von unserem Umzug nicht ab. Der Wechsel von der Großstadt aufs Land ist nun mal mit Kompromissen verbunden. Solange wir auf unseren Smartphones erreichbar sind und per SMS unsere TAN-Nummern fürs Onlinebanking empfangen können, kann man mit den Umständen leben. Ohne mobiles Internet geht es auch. Wir haben ja in unseren eigenen vier Wänden WLAN, was unsere kommunikationshungrigen Freunde bei ihren Besuchen sehr zu schätzen wissen.

Abhängigkeit mit weitreichenden Folgen

Die Abhängigkeit von einem Anbieter hat aber weitreichende Folgen für das mobile Landleben: Kurz nach unserem Umzug sorgte ein technischer Defekt dafür, dass unsere Handys (und die aller Dorfbewohner) kein Signal mehr empfingen. Monatelang bemühten wir uns beim Mobilfunkanbieter darum, den Sendemast wieder in Gang zu setzen. Als ein Vierteljahr ohne Besserung verstrich, wandten wir uns in unserer Not an die BILD-Zeitung. Als die darüber berichtete, dass ein ganzes Dorf handytechnisch von der Außenwelt abgeschnitten ist, gaben sich die Radio- und Fernsehteams die Klinke in die Hand. Am Ende wurde sogar RTL auf uns aufmerksam – und damit die ganze Bundesrepublik. Und siehe da: Der Aufwand wurde belohnt. Schon bald sollten wir wieder telefonieren können. Kein Jahr später aber wiederholten sich die Probleme. Und so haben wir uns fast schon daran gewöhnt, dass wir unsere mobilen Endgeräte an manchen Tagen ausschalten können und fürs Onlinebanking in unsere kleine Stadt Storkow fahren, um dort die Buchungen per Smart-TAN zu aktivieren. Nennen wir es ruhig Resignation. So in etwa müssen sich Menschen gefühlt haben, die einst im Tal der Ahnungslosen wohnten – die aus DDR-Zeiten stammende Umschreibung für jene Orte im Osten, in denen man kein Westfernsehen empfangen konnte.

Immerhin sorgen die technischen Umstände für mancherlei Gesprächsstoff. Vor einer ganzen Weile sprach uns eine Joggerin an, die sich verirrt hatte. Vor ihrer Tour durch Wald und Flur steckte sie ihr Handy ein, damit sie im Notfall einen Blick auf eine digitale Karte werfen kann. Schon hilfreich, so ein Gadget. Wenn aber a) das Handy nur noch wenig Stromleistung anzeigt und b) kein mobiles Internet verfügbar ist, kann das zu einer kleinen Katastrophe führen. Jener Dame gewährten wir a) ein erfrischendes Glas Wasser, b) ein Ladegerät fürs Handy und c) ein Festnetztelefon, um sich bei ihrem Mann zu melden, der bereits in Sorge war.

Im Nachbardorf erzählt man sich, dass dort demnächst ein weiterer Sendemast aufgestellt werden soll. So wie es aussieht, sind wir dann auch komplett mobil versorgt. Unsere Anekdoten sind dann ein Fall für die Ortschronik. Den Ausschnitt aus der BILD-Zeitung haben wir uns jedenfalls aufgehoben.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Dort hat er ausgesprochen guten Handy-Empfang.

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