Im Januar wird die suk am Auerbacher Ring geschlossen

Die Kulturstation zieht weiter

12.12.2018, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich (1, 3-4,6-7), Wolfgang Strack (2), Birgitt Eltzel(5)

Hellersdorf. Wer sich noch die Ausstellung „Am falschen Ort“ mit Arbeiten von Katharina Sieverding ansehen möchte, kann das bis Mitte Januar tun. Bis dahin sind in der station urbaner kulturen (suk) großformatige Fotos zu sehen. Diese werden im Rahmen der Reihe „60 Jahre Kunst im Untergrund – Plakat politisch machen 3“  am Auerbacher Ring 41 und auf dem Bahnsteig der U5 am Alexanderplatz gezeigt. „Katharina Sieverding fand es hier ganz spannend und würde gerne noch mehr fotografieren”, sagt Adam Page von der station. Doch Ende Januar ist Schluss. Die Miete für den Monat kann noch gezahlt werden. Aber der Mietvertrag läuft bis September 2019. Dafür ist kein Geld mehr da, deshalb wird jetzt ein Untermieter gesucht.

Freiräume entdecken und gestalten

Die station urbaner kulturen entstand als eine Art künstlerische Zentrale für den Wettbewerb „Was ist draußen?“, den die nGbK, die neue Gesellschaft für bildende Kunst, im Rahmen von „Kunst im Untergrund“ für 2014/15 auslobte. Eine Arbeitsgruppe der ngbk in Kreuzberg hatte das Konzept dazu entwickelt. Adam Page gehörte mit zu den Initiatoren und den Betreibern der station. „Uns interessierte Hellersdorf als jüngste Großsiedlung Deutschlands, die durch die U5 mit der Innenstadt verbunden ist“, erklärt er. „Für Künstler sind die Freiräume wichtig und die verschwinden zunehmend. Da war die Großsiedlung wie eine Entdeckung, eine Gartenstadt mit viel Luft und viel Grün. Aber es gab auch viele Brachflächen, wo Häuser abgerissen wurden. Da wollten wir Freiräume gestalten.“

Marx und Engels als City-Skins

Anfangs befand sich die station am Cecilienplatz in der Nähe der U-Bahn-Station Kaulsdorf-Nord. Kunstschaffende waren aufgerufen, sich in ihren Arbeiten mit sozialer Stadtentwicklung und anderen urbanen Themen zu beschäftigen, die dann auf Bahnhöfen der U5 zwischen Kaulsdorf-Nord und Hellersdorf vorgestellt wurden. 2016/17 war „Mitte in der Pampa“ das Thema und der Fokus des Wettbewerbs verlagerte sich hin zur U-Bahn-Station Cottbusser Platz, gleich an der „Pampa“. Gemeint ist die Brachfläche zwischen Bahnhof und Maxie-Wander-Straße. Dort, wo sich einst das mittelalterliche Hellwichstorf befand und jetzt Trampelpfade durch das Grün führen, wurde ein hölzerner Sockel errichtet. Er war Mittelpunkt zahlreicher Kunst-Aktionen und des „Place Internationale“, der dort ausgerufen wurde. Spektakulär war jedes Mal das Aufrichten und der Sturz einer „Siegessäule“, die als Projekt mit Schülern entstand. Auf dem Bahnsteig thematisierte eine Kunstinstallation das Thema Migration. Im Sommer 2017 verwandelte sich der alte Dorfkern in den „Hellersdorfer Tanzplatz“. Mit der farbenfrohen Installation „City Skins – Marx und Engels“ wurde die bekannte Skulpturengruppe von der Berliner Mitte als Pappmaché-Kunstwerk an den Stadtrand geholt. Im Februar 2017 zog die station an den Boulevard Kastanienallee. Die erste Ausstellung dort zeigte Arbeiten, die zusammen mit der Alice-Salomon-Hochschule entwickelt wurden. Eine weitere Kooperation gab es mit dem Hellersdorfer Gutsgarten.

Syrischer Künstler porträtierte Menschen aus dem Kiez

Leider wurde der Sockel abgefackelt, Aktionen fanden aber trotzdem weiter statt. Auf dem Rasen vor der Gemeinschaftsunterkunft Carola-Neher-Straße gibt es nun eine mobile Kricketanlage, gebaut mit Geflüchteten. Ein Projekt, das Adam Page auch sehr wichtig war. Ebenso wie gemeinsame Aktionen mit dem „LaLoka“, dem Ladenlokal für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung, das demnächst auch schließen muss.

In der station gab es Ausstellungen und Gespräche mit Künstlern, aber auch den Dialog mit der Nachbarschaft bei Diskussionsrunden zu städtebaulichen oder sozialen Themen und Buchlesungen. Die IGA war ebenso ein Thema wie das Zusammenleben im Kiez. Der syrische Künstler Jihad Issa, der in der station in einem kleinen Atelier arbeitet, porträtierte Menschen aus dem Kiez.

Es habe eine Weile gedauert, bis sie das Gefühl hatten, etwas bewegt zu haben, sagt Adam Page. „Wir wollten kein Projekt sein, das verwaltet wird und dann ausläuft und dem dann das nächste folgt“, sagt er. „Wir möchten den Stadtteil mitgestalten, mit Künstlern, die wir einladen, und mit den Menschen, die hier wohnen. Wir haben eine kleine Community aufgebaut, einige kommen öfter hierher. Heute waren in knapp einer Stunde vier, fünf Leute da, das wärmt mein Herz. Es freut mich, dass wir wahrgenommen werden.“ Nicht nur deshalb bedauert er die Schließung. „Es ist wirklich ein spannender Standort, mit den Einrichtungen hier, dem Flüchtlingsheim, dem Quartiersmanagement, der Hochschule, der neuen Baustelle am ehemaligen Supermarkt. Der Boulevard Kastanienallee hat so viel Potenzial, das aber gar nicht ausgeschöpft wird.“

Künstler verabschieden sich nicht ganz

Das ist auch ein Grund, warum sich die Akteure der ngbK nicht ganz aus dem Stadtteil verabschieden. Sie haben die „initiative urbane kulturen“ gegründet, die bereits in diesem Jahr die zwei Ausstellungen „Kreise ziehen. Großsiedlungen und die Produktion von Bildern ihrer selbst“ zur Auseinandersetzung zwischen Kunst und Kultur von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren kuratiert hat. Die Gruppe, bestehend aus Feben Amara, Jochen Becker, Christian Hanussek, Eva Hertzsch und Adam Page, hat schon eine neue Idee, die sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Großsiedlung Hellersdorf beschäftigen soll. Dafür suchen sie gerade Partner. „Es ist hier für uns noch nicht zu Ende“, betont Adam Page. „So ein Stadtviertel hat einen Anspruch auf einen Ort, in dem künstlerische Visionen in die Praxis umgesetzt werden können. Wir hoffen, diesen Ort zu finden, der auch nahe genug an den Menschen ist.“

Der nächste Wettbewerb „Kunst im Untergrund“ mit neuem Konzept und neuen Leuten werde auf jeden Fall wieder etwas mit einer U-Bahn-Linie zu tun haben, so Page. Nur eben nicht mehr mit der U5.

Update, 13.12.2018: Auf der Sitzung der BVV Marzahn-Hellersdorf am 13. Dezember wurde von einer Vertreterin der nGbK verkündet, dass die station nun doch mindestens bis Ende 2019 am Boulevard bleiben kann. Denn die Senatskulturverwaltung bewilligte kurzfristig Fördermittel für die Einrichtung.

 

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