Aus einem Hobby wurde ein Kiezprojekt

Stadtteil in Flaschen

17.10.2019, Steffi Bey

Fotos: Steffi Bey. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Karlshorst. Manchmal entwickeln sich Dinge, die eigentlich als Spaß gedacht waren, zu einem ernsthaften Projekt. In Karlshorst gibt es so ein Beispiel. Anstifter ist Robert Frischbier – ein 39-jähriger Familienvater, der mit seiner Frau und dem kleinen Sohn 2013 in ein Reihenhaus mitten in den Kiez zog. Weil ihn das kahle Treppengeländer im Eingangsbereich störte, kaufte er zwei Weinpflanzen. Nach zwei Jahren trugen die Reben zum ersten Mal. „Kleine, helle Trauben mit vielen Kernen aber süß im Geschmack“, erzählt Robert Frischbier. „Wir haben dann einfach ein paar Rosinen daraus gemacht.“

Mit der Ausrüstung des Vaters

Doch Robert Frischbier wollte mehr: In seinem Keller lagen schließlich noch die alten Weinherstellungs-Utensilien seines Vaters, der einst in Thüringen Wein anbaute. Er brachte die Ausrüstung mit nach Karlshorst und in der Küche fingen die beiden Männer an, die Früchte per Handpresse zu quetschen und ließen alles in einem Glasbottich reifen. Ein Jahr lang wurde er von den Frischbiers „gehegt und gepflegt“. „Wenn es unter der Treppe blubberte, wussten wir, dem Wein geht es gut“, erinnert sich der Hobby-Winzer. Dennoch war er – im Gegensatz zu seinem Vater – skeptisch, ob das Ergebnis überhaupt genießbar sei. Und dachte, wenn der Wein vielleicht nicht schmeckt, soll er wenigstens schön aussehen. Robert kaufte elegante Flaschen, gestaltete Etiketten und druckte „Dreckssommer“ auf das Papier, in Anlehnung an das wechselhafte Wetter.

Versteigerung zugunsten der Freiwilligen Feuerwehr

Aber die erste Kostprobe überraschte ihn, weil der Wein „erstaunlicherweise richtig gut mundete.“ 19 Flaschen wurden abgefüllt. Aus einem Glücksgefühl heraus wollte der Karlshorster den Erfolg mit anderen teilen und stellte ein Bild auf Facebook. Die Resonanz überwältige ihn: Hundertfach wurde das Flaschen-Foto weitergereicht und es gab sofort Nachfragen, wo es den Wein zu kaufen gibt. Auch Restaurants zeigten sich interessiert. „Aber das wollten wir überhaupt nicht, zumal es strenge Regeln beim Verkauf von Alkohol gibt“, betont Robert Frischbier. Letztendlich wurde eine Flasche des 2016ers für einen guten Zweck versteigert und ging als 200 Euro-Spende an die Freiwillige Feuerwehr Karlshorst.

Dann meldete sich ein Profi-Winzer

In dieser Zeit meldete sich der Potsdamer Profi-Winzer Romano Voß bei dem  Unternehmensentwickler. Gemeinsam zogen sie das Karlshorster Hobby größer auf. Robert „lernte unheimlich viel, beispielsweise über Pflanzen-Pflege“ und immer mehr Interessierte machten mit. 2017 ernteten die beiden jungen Männer dann mit etlichen Helfern rund 200 Kilogramm Trauben bei Nachbarn aus dem ganzen Kiez. „Hitzewelle“ nannten sie den insgesamt 130 Liter Rosé- und Weißwein. Eine Flasche wurde zur Qualitätsprüfung der Inhaltsstoffe an ein Labor nach Rheinhessen geschickt.

Trocken, leicht und aromatisch

Fest steht: Der Wein ist gut. Experten beschreiben das Getränk als trocken, mit einer kräftigen Säure, leicht und aromatisch. Robert Frischbier betont, das Projekt soll auf jeden Fall ein Hobby bleiben. „Aber wir werden es weiter qualifizieren.“ Auch weil ihn die diesjährige Resonanz der vielen Traubenanbieter aus Karlshorst und der Fleiß der freiwilligen Erntehelfer dazu animierte. In den nächsten Monaten wollen die Initiatoren „ein rechtliches Konstrukt dafür schaffen“. „Wir sitzen praktisch in den Startlöchern“, betont Robert Frischbier.

Kunterbunte Mischung mit viel Herzblut

Ideen gibt es bereits jede Menge: So ist beispielsweise die Gründung eines Vereins im Gespräch. Gesucht wird ein Pachtgrundstück in Berlin oder Brandenburg, auf dem eigener Wein angebaut werden kann. „Möglich wäre es außerdem, Interessierten unsere Ausrüstung zur Weinherstellung zur Verfügung zu stellen und sie bei Bedarf anzuleiten“, sagt der Hobby-Winzer. Denkbar sei zudem, künftig sortenreinen Wein herzustellen. Denn der Bisherige sei eine „kunterbunte Karlshorster Mischung“: Aber eine, in der viel Herzblut steckt. Weitere Infos auf der Facebook- Seite Stadtwinzer.


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