Einer der dienstältesten Stadträte Berlins geht in Rente

Mehr Zeit für den eigenen Wald

28.01.2020, LiMa+ Team

Fotos: Birgitt Eltzel (1-4, 7-11), Volkmar Eltzel (12,13), Bezirksamt Lichtenberg (5,6), Klaus Tessmann (14)

Er ist einer der dienstältesten Bezirksstadträte in Berlin und genießt hohes Ansehen über Partei- und Bezirksgrenzen hinweg. Anfang dieses Jahres wurde er 65 Jahre alt. Nun verlässt er das Bezirksamt Lichtenberg: Wilfried Nünthel, Bezirksstadtrat für Schule, Sport, Öffentliche Ordnung, Umwelt und Verkehr (CDU), geht in den wohlverdienten Ruhestand. Am heutigen Dienstag, 28. Januar, hat die CDU Lichtenberg zu seiner feierlichen Verabschiedung in den Ratssaal an der Möllendorfstraße 6 eingeladen.

Statt Landwirtschaft Philosophie studiert

Zurückblicken kann der gebürtige Thüringer aus Gera auf ein langes und abwechslungsreiches Berufs- und Politikerleben: Nach Abitur („nicht so gut, mit einer Fünf in Russisch“) und Arbeit beim Meliorationsbau „als Teerkocher, Schubkarren-, Walzen- und schließlich Baggerfahrer“ studiert er Philosophie im Fernstudium in Leipzig – an Stelle der eigentlich gewünschten Landwirtschaft. 1977 wird er „Kreisbeschleuniger“, wie Nünthel seine anschließende Tätigkeit bei der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) im Kreis Pößneck humorvoll bezeichnet. Später wird er Mitarbeiter im Bezirksvorstand Gera seiner Partei und nach einigen Jahren Referent im DBD-Parteivorstand in Berlin.

Seit 1993 Stadtrat – mit einer Unterbrechung

Nach der Wende folgen Arbeitslosigkeit, Umschulung und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Da ist er bereits kommunalpolitisch für die Bauernpartei, die später in die CDU aufgeht, aktiv geworden. Er arbeitet für die Berliner Mietergemeinschaft als Mieterberater. Im Bezirk Marzahn wird er 1993 Stadtrat für die CDU und bleibt es – mit verschiedenen Aufgaben – bis 2000. Im selben Jahr folgt dann der Wechsel nach Lichtenberg, wo der verheiratete Biesdorfer und Vater eines Sohnes bis 2006 und wieder ab November 2011 als Stadtrat tätig ist. Dazwischen liegt ein „Ausflug“ als Geschäftsführer ins JobCenter Treptow-Köpenick und als Amtsleiter ins Sozialamt Marzahn-Hellersdorf – also „eine durchaus abwechslungsreiche Karriere“, wie Wilfried Nünthel seinen beruflichen Werdegang bewertet.

Über Bezirksgrenzen hinweg geschätzt

Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) schätzt, „dass er sich 100 Prozent ‚fürs Dorf‘ (gemeint ist Lichtenberg) einsetzt. Und dabei auch parteipolitische rote Linien immer wieder ignoriert hat.“ Grunst denkt auch mit etwas Wehmut in der Stimme an „die legendäre Thüringer Blut- und Leberwurst (Wilfried Nünthel: ‚frisch und regional aus Hermsdorf am gleichnamigen Autobahnkreuz!‘), mit der er uns im Bezirksamt immer zu seinem Geburtstag im Januar bewirtet hat.“

Positive Bewertungen finden sich auch über Bezirksgrenzen hinweg: Gordon Lemm etwa, SPD-Schulstadtrat von Marzahn-Hellersdorf, findet: „Wilfried Nünthel hat sich den Ruhestand wirklich verdient“ – mit einer starken Betonung auf „wirklich“.

Lob für umgänglichen Stil auch bei Auseinandersetzungen

Aus der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ist gleichfalls viel Gutes über den scheidenden Bezirkspolitiker zu hören. So lobt Michael Niedworok, schulpolitischer Sprecher der Lichtenberger Linksfraktion, die gute und kollegiale Zusammenarbeit und hebt hervor: „Positiv zu erwähnen ist insbesondere, dass Bezirksstadtrat Nünthel den Schulentwicklungsplan auf eine vernünftige Datengrundlage gestellt hat, die es ermöglicht … Probleme früher und eindeutig zu erkennen. Das war eine sicher auch für die anderen Berliner Bezirke vorbildliche Neuerung.“ Niedworok vermisst allerdings eine vergleichbare Umsetzung beim Ferienschwimmen. „Insgesamt bin ich mir sicher, dass die Lichtenberger BVV Wilfried Nünthels umgänglichen Stil bei allem Pro und Contra in einzelnen Maßnahmen und Streitpunkten vermissen wird.“

Ebenfalls positiv äußert sich der Vorsitzende der SPD-Fraktion Kevin Hönicke: „Wir von unserer Fraktion haben ihn als erfahrenen Stadtrat sehr geschätzt. Die Zusammenarbeit mit ihm hat trotz aller parteipolitischen Unterschiede immer Spaß gemacht.“ Hönicke kann sich aber auch gut vorstellen, dass er „jetzt gerne in Pension geht.“

Der Familie viel abverlangt

Und auch Gregor Hoffmann, Fraktionsvorsitzender der Lichtenberger CDU, attestiert dem scheidenden Stadtrat eine stets gute Zusammenarbeit mit seiner eigenen Fraktion. Die Parteifreunde kennen sich gut seit rund 20 Jahren. „Er hat in dieser Zeit viele Dinge ganz im Sinne der Menschen angepackt und auch schwierige Sachverhalte verständlich erklärt,“ hebt er hervor.

Also nur Positives? – „Ich habe meiner Familie viel abverlangt,“ gesteht Wilfried Nünthel. Geschadet hat aber selbst das nicht. So hat er seine Ehefrau Christine zu vielen Veranstaltungen mitgenommen. Und hat ihr dabei gleich ganz nebenbei die Kommunalpolitik schmackhaft gemacht – heute ist sie stellvertretende Berliner Landesvorsitzende und Lichtenberger Vorsitzende der Frauen Union (CDU). Der inzwischen erwachsene Sohn hat als IT-Spezialist selbst Karriere gemacht und lebt inzwischen in Ostwestfalen.

Lange Liste von geplanten Aktivitäten

Nun der Ruhestand: Allerdings wäre Wilfried Nünthel nicht Wilfried Nünthel, hätte er nicht schon längst eine Liste von Aktivitäten „in der Tasche“ für die Zeit nach der Pensionierung. „Ich will mich jetzt endlich ein bisschen mehr um ein kleines Stückchen Wald kümmern, das ich in Thüringen besitze.“ Über Nünthels Liebe zu Umwelt und Natur und seinen eigenen Wald berichtete LiMa+. Berlin allerdings wird deshalb nicht auf ihn verzichten müssen: Dem in der sozialen Stadtteilarbeit tätigen Marzahner  Verein „Kiek in“ will der heutige Vorsitzende auch weiterhin seine ganze Kraft zur Verfügung stellen. Hinzu wird noch das eine oder andere Ehrenamt kommen, etwa im Sport.

Wenn Nünthel jetzt also aus seinem Amt scheidet, tut er das durchaus mit gemischten Gefühlen: „Ich kann mich dann doch mehr um meine Familie kümmern, die zum Großteil in Thüringen wohnt. Außerdem freue ich mich darauf, etwas von dem Stress loszuwerden, den die vielen Aufgabenfelder meiner jetzigen Arbeit im Bezirksamt mit sich bringen.“

Humor bleibt ein Markenzeichen

Froh ist er hingegen, das gewachsene Maß an Aggressivität gegenüber dem Bezirksamt und seinen Beschäftigten nicht mehr selbst miterleben zu müssen. So etwas kann ihn durchaus in Rage bringen. Doch solche Emotionen zeigt er nie, er reagiert stets sachlich und höflich. Niemand zu Munde reden und ehrlich bleiben, ist seine Devise. Dass er bei vielen Auseinandersetzungen oft auch Humor beweist, wird nicht nur von Kommunalpolitikern sondern auch von vielen Bürgern geschätzt. Denn das ist schließlich etwas ziemlich Seltenes in der Politik.
(Text Uwe Lemm, mit einigen Ergänzungen von Birgitt Eltzel)

Von der BVV verabschiedet

Von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Lichtenberg war Wilfried Nünthel bereits am Donnerstag, 23. Januar, herzlich verabschiedet worden. Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst bedankte sich dabei im Namen des gesamten Bezirksamts für die „stets angenehme, konstruktive und kompetente Arbeit“. „Wilfried Nünthel war ein Bezirksstadtrat, der eigentlich jedes Amt kann. Zudem ist er ein sehr feiner Mensch, den ich hoch schätze. Ich habe viel von ihm gelernt.“

BVV-Vorsteher Rainer Bosse (Linke) BVV, sagte, das Gremium verliere mit dem Ausscheiden von Wilfried Nünthel „einen tollen Stadtrat“. Als er 2000 von Marzahn nach Lichtenberg wechselte, sei er teils argwöhnisch beäugt worden. Doch das habe sich schnell gegeben. Bosse erinnerte an einen Satz, den man des Öfteren von Wilfried Nünthel gehört hat und der sich immer wieder bewahrheitet: „Nichts bleibt so wie es ist.“

Umwelt und Naturschutz bleibt Herzensangelegenheit

Nünthel selbst bekannte, es falle ihm durchaus schwer, zu gehen. Es gebe Dinge, die er vermissen werde und andere, die ihm nicht fehlen würden. „Umwelt- und Naturschutz ist mir stets eine Herzensangelegenheit und wird auch weiterhin in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen“, betonte er. Es sei sehr schön gewesen, dass er viele Jahre im Bezirk Verantwortung bekommen habe, mithelfen und mitgestalten konnte. „Es bleibt in so langer Zeit nicht aus, dass mir bestimmte Entscheidungen auch persönlich Freude bereiteten, es gab aber auch bei mir Betroffenheit und Kummer“, sagte er. Er mahnte an, sich bei allen Meinungsverschiedenheiten immer mit Respekt zu begegnen. Er habe das so gehalten und sei gut damit gefahren. Nicht akzeptabel fände er eine bei einigen Bürgern verbreitete Haltung: „Ja, aber nicht bei uns und nicht vor unserem Haus“ – was auf manchen Widerstand gegen wichtige Bauprojekte, auch dringend erforderliche Schulneubauten, gemünzt war.

Nachfolger tritt am 1. Februar sein Amt an

Selbst stellte er sich die Frage: „Was hat das Amt mit mir gemacht?“ Die Antwort: „Ich habe gelernt, auch Fehler einzugestehen und Niederlagen zu ertragen. Ich habe gelernt, wie man zu Mehrheiten kommt, auch wenn es zuvor nicht danach aussah. Wie man Lösungen findet, auch wenn sie nicht allen gerecht werden können.“ Außerdem sei die Erkenntnis gereift: „Es bekommen nicht immer diejenigen Recht, die am lautesten rufen.“ Der Stadtrat bedauerte, dass er „nicht alle Angelegenheiten, die noch auf seinem Schreibtisch liegen, zu Ende bringen konnte“ und bat dafür um Entschuldigung. Dem wird sich jetzt sein Nachfolger Martin Schaefer widmen, der das Amt am 1. Februar antritt.

Rat: Mehr Kommunikation mit Nachbarbezirken und -gemeinden

Eine weitere Sache bewegt Wilfried Nünthel noch: „Dass es mit den Nachbarbezirken Lichtenbergs und den Nachbargemeinden (zum Beispiel Barnimer Feldmark) so wenig Kommunikation gibt. Diese Kontakte sind aber wichtig und müssen gepflegt werden“, gab er dem Bezirksamtskollegium und der BVV mit auf den weiteren Weg.

Und was wird ihm nicht fehlen? „Späte Feierabende und arbeitsreiche Wochenenden“, schmunzelte er. In den BVV sei er immer „Sieger bei den meinen Bereichen zugeordneten Drucksachen“ gewesen, „so auch heute“ – und er hob einen dicken Packen Papiere hoch. „Das werde ich auch nicht vermissen.“

Er verabschiedete sich von den Mitgliedern der Fraktionen und seinen Bezirksamtskollegen mit den Worten: „Vielen Dank und alles Gute! Halten Sie Ihren Verstand beisammen!”
(Text Volkmar Eltzel)


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