Fotoprojekt zur Urbanisierung in Rom und Berlin-Marzahn

Stadtrand am Scheideweg

16.01.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Worin gleichen sich Berlin und Rom, die Hauptstädte Deutschlands und Italiens? Auf den ersten Blick sind sich die Metropolen so gut wie gar nicht ähnlich, sieht man einmal davon ab, dass beide in Europa liegen und gefragte Touristenziele sind – die eine vor allem wegen ihrer jahrtausendealten Geschichte und fast ständig schönem Wetter, die andere wegen ihrer Lässigkeit, die manchmal an Ruppigkeit grenzt, und trotz oft schlechtem Wetter. Gemeinsamkeiten weisen sie vor allem an ihrer Peripherie auf, mit Siedlungen des sozialen und Massenwohnungsbaus.

Ausstellung ab 1. September

Der 1966 in Neapel geborene und in Rom lebende Fotograf Pasquale Liguori hat sich jetzt aufgemacht, diese Gemeinsamkeiten zu hinterfragen. Sein Feld sind der Distrikt von Rom-Corviale, ein Gebiet des sozialen Wohnungsbaus der 1970er-/1980er-Jahre und der etwa zur gleichen Zeit entstandene Komplex von Marzahn NordWest. Dort ist er mit der Kamera unterwegs, lichtet Gebäude, Menschen und Landschaften ab. Ab dem 1. September sollen seine Fotos für einen Monat im Foyer des alten Rathauses Marzahn zu sehen sein, ab Dezember/Januar in einem repräsentativen Gebäude in Rom.

Eine Sackgasse?

„Impasse“ hat Liguori sein Projekt genannt. Das französische Wort steht für „Sackgasse“ und kann als Fragezeichen verstanden werden. Denn beide Gebiete sind mit einem ähnlichem Anspruch gestartet – viele Menschen günstig mit relativ komfortablen Wohnraum zu versorgen. Später begannen die Probleme mit der Integration der Vorstädte. Viele Menschen fühlen sich abgehängt vom pulsierenden Leben der Metropolen, soziale Problemlagen ballen sich, bei Wahlen gewinnen dort Populisten mehr Stimmen als anderswo. Im Corviale, dem  zehn Geschosse hohen und mit fast einem Kilometer Länge größten zeitgenössischen Bauwerk Italiens, das 1975 bis 1982 nach Plänen des Architekten Mario Fiorentino errichtet wurde, leben rund 8.000 Menschen. In seinem gesamten Umkreis sind es 40.000 Menschen, darunter etwa 7.000 Studenten. Die Einwohnerzahl in Marzahn-NordWest ist ähnlich hoch. Er gilt als sozial schwächster Stadtteil in Marzahn-Hellersdorf und ist bereits seit vielen Jahren Quartiersmanagement-Gebiet. Beide Viertel verbindet auch das: Gleich dort beginnt ein großer, grüner Freiraum.

Anstoß für Diskussion

Am Scheideweg sieht Liguori beide Stadtteile. Gelingt es, dort eine Urbanisierung in Gang zu bringen, die die Bewohner einbezieht? Mit seinen Fotos und der geplanten Ausstellung will der Fotograf nicht nur Stadtansichten zeigen, sondern eine breite Diskussion über soziale Stadtentwicklung anstoßen. Unterstützung für dieses Anliegen findet er nicht nur bei Wissenschaftlern und Stadtplanern aus Deutschland und Italien, sondern auch bei Politikern.

Wo sind wir, wo soll es hingehen?

Dr. Manuela Schmidt (Linke), Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, und Iris Spranger (SPD), Chefin des Arbeitskreises Stadtentwicklung im Parlament, sind beide langjährige Abgeordnete aus Marzahn-Hellersdorf und finden das Projekt spannend. Bei der Vorstellung in der Umweltstation Alpha II der Spielplatzinitiative Marzahn am Freitag, 12. Januar, sagte Schmidt, es biete einen Spiegel: Wo sind wir und wo soll es hingehen? „Im Moment gibt es mit der wachsenden Stadt Berlin und dem wachsenden Bezirk Marzahn-Hellersdorf gute Chancen, die Entwicklung zu gestalten.“ Iris Spranger betonte: „Urbanisierung heißt nicht nur der Bau von Wohnungen, Kitas und Schulen, sondern auch die Gestaltung des gesamten Umfeldes. Und das muss so sein, dass es für alle Schichten und Altersgruppen lebenswert ist.“

Hilfe von Aktiven aus dem Marzahner Norden

Das Projekt „Impasse“ wird bisher von Liguori allein finanziert, Schmidt und Spranger wollen jedoch sehen, ob eine Unterstützung möglich ist. Hilfe bekommt der Fotograf, der auch studierte Pharmakologe ist und einen Masterabschluss Business-Administration hat, ebenfalls von Aktiven aus dem Marzahner Norden. Als ersten Menschen in Marzahn überhaupt hat er Marina Bikadi kennengelernt, die Leiterin des Kulturhochhauses an der Wittenberger Straße. In dem Elfgeschosser hat er eine Zeit lang gewohnt, „um ein Gefühl für Marzahn zu bekommen“. Auch Matthias Bielor, der Chef der Spielplatzinitiative, hilft mit seinen Kontakten. Pasquale Liguori würde gern noch mehr Bewohner des Stadtteils kennenlernen, um seinen Blick für Marzahn-NordWest zu schärfen. Wer mit ihm in Kontakt treten will, kann das über die Spielplatzinitiative tun.

Mehr über den Fotografen hier…

 

 

 

 

 

 

 

 

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