Drinnen + draußen

Abgehängt am Stadtrand

24.11.2019, Linna Schererz

Foto: Linna Schererz

Am Mittwochabend stand ich als Berichterstatterin unter ca. 400 erbosten Demonstranten , die für 15 Minuten eine vielbefahrene Kreuzung stoppten und den raschen Baubeginn einer seit Jahren versprochenen Schnellstraße forderten. Diese Tangentiale Ost (TVO), genauer der Lückenschluss zwischen Wuhlheide und der Märkischen Allee, soll Gebiete im Berliner Nordosten besser mit den Quartieren im Südwesten der Stadt verbinden. Denn verkehrstechnisch läuft es von Stadtrand zu Stadtrand derzeit obermies. So gelangt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwar beispielsweise vom U-Bahnhof Kaulsdorf in nur 25 Minuten bequem ohne Umsteigen zum Alexanderplatz, ins Rathaus Köpenick dauert es bei ähnlich weiter Strecke jedoch häufig fast doppelt so lang. Denn dafür muss man in den Bus umsteigen, der zu den Hauptverkehrszeiten ebenso im Stau steht wie zahllose Pkw-Fahrer, die in die Wissenschaftsstadt Adlershof wollen, zum Flughafen Schönefeld (und irgendwann einmal vielleicht auch zum BER) oder von dort zurückkommen.

Dreht sich alles nur um die City?

Logisch, dass man am Stadtrand langsam die Nase voll hat und sich stiefmütterlich behandelt fühlt. Denn während dort schon zu DDR-Zeiten geplante Verkehrsprojekte auch 30 Jahre nach der Wende noch nicht einmal begonnen wurden, scheint sich in der politischen Diskussion der Hauptstadt fast alles nur um die City-Bereiche zu drehen: Radwege, geschützte Radwege, Radschnellwege. Elektroscooter und Lastenräder. Alles sinnvolle Dinge (die elektrischen Roller mal ausgenommen, die fast nur von jungen, oft betrunkenen Touristen genutzt werden). Denn der Umstieg aufs Rad kann helfen, den CO2-Ausstoß zu mindern und ist somit ein Beitrag zum Klimaschutz. Allerdings: Wir Stadtrandbewohner haben meist weitere Wege zurückzulegen als die Innenstädter – zur Arbeit, zu Ärzten, zu Freizeiteinrichtungen. Nicht jeder kann, nicht jeder will da radeln. Deshalb sind akzeptable verkehrliche Alternativen nötig. Für viele in den Außengebieten sind das angesichts des mageren Angebots der Öffis immer noch die eigenen Pkw.

Unnötiger CO2-Ausstoß durch Dauerstau

Und dafür braucht es leistungsfähige Straßen. Nun hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schon im Spätsommer den Gedanken ins Spiel gebracht, keine neuen Straßenbauprojekte in Berlin aus Klimaschutzgründen zu beginnen. Auch nicht die TVO. Denn wenn es in 20 Jahren nur noch wenige Autos in Berlin gebe, wäre der Bau einer solchen Schnellstraße wirtschaftlich sinnlos, so die Argumentation. Zu Ende gedacht ist das allerdings nicht: Was passiert in der Zeit bis dahin, wenn es wirklich so kommen sollte? Hat jemand schon mal errechnet, wie viel unnötiger CO2-Ausstoß zum Beispiel allein durch den täglichen Dauerstau auf der Köpenicker Straße/Rudolf-Rühl-Allee verursacht wird?

Schon für Unsinnigeres Geld verprasst

Selbst wenn die TVO, die übrigens einen begleitenden Radschnellweg erhalten soll, im Jahr 2040 nur noch wenig privaten Pkw- und Lkw-Verkehr aufnehmen müsste, weil es bessere und klimafreundlichere öffentliche Verkehrsbindungen beispielsweise auf der Schiene gibt, hätte sie bis dahin jedenfalls ihr Ziel erreicht: für einen besseren Verkehrsfluss und die Entlastung der Wohngebiete von Lärm und Abgasen gesorgt. Es wurden schließlich schon für viel sinnlosere Dinge wie die Pkw-Maut von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sehr viel höhere Millionenbeträge ausgegeben. Und nicht mehr benötigte Straßen könnte man irgendwann zurückbauen – vielleicht zu Freizeitparcours oder Spazierstrecken wie die einstige Hochbahntrasse High Line in New York.

Mehr als eine halbe Million Menschen am östlichen Stadtrand

Übrigens: Stadtrand hört sich immer so beschaulich an. Ein wenig nach Kleinkleckersdorf, j.w.d. (janz weit draußen), in der Pampa, kurz vor Sibirien. Allein an der nordöstlichen und südöstlichen Peripherie lebt jedoch mehr als eine halbe Million Menschen, zählt man die Einwohner von Marzahn-Hellersdorf, den nördlichen Teil Lichtenbergs und Treptow-Köpenick zusammen. Wenn die gemeinsam einmal ihren Unmut über das Abhängen dieser Gebiete bei der Berliner Verkehrsplanung deutlich machen würden, würde wahrscheinlich mehr passieren als nur ein kleines Verkehrschaos durch die minutenlange Besetzung einer Kreuzung.

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Leserkommentare

  1. Kann ich 100%-ig unterstützen.
    Dr. Uwe Wollmerstädt

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