Spiegelnde Fassaden als Vogelkiller

31.08.2019, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Sie sitzen in einem Raum hinter einer großen Glasscheibe und plötzlich, bumst etwas dagegen und stürzt anschließend in die Tiefe. Alles ging so schnell, dass Sie kaum erkennen konnten, was es war. Haben Sie das auch schon erlebt?

Kleine, manchmal auch größere Vögel können die Scheiben nicht erkennen, weil sich zum Beispiel darin Bäume und Sträucher spiegeln. Durch die Zusammenstöße tragen die Gefiederten oft schwere Verletzungen davon. Nicht selten sind sie für die Tiere tödlich. Hinzu kommt, dass dann der Nachwuchs im Nest verhungert. Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung sind jährlich bis zu 100 Millionen Vögel diverser Singvogelarten in Deutschland vom sogenannten Vogelschlag betroffen.

Fassade der Matibi-Grundschule und der Fritz-Reuter-Oberschule

„Auch in Berlin sterben auf diese Art und Weise jährlich tausende Vögel“, sagt Beate Kitzmann, Leiterin vom Naturschutz Berlin-Malchow. „In der City fegt die Berliner Stadtreinigung frühmorgens täglich. Dadurch sind die Opfer für „Normalaufsteher“ so gut wie unsichtbar.“

Betroffen seien aber auch die Bezirke, die wie Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf weiter draußen liegen. Viele Zugvögel fliegen vorzugsweise nachts und werden durch die künstlichen Lichtreflexionen in die Irre geleitet.

Die großen Glasfenster am Hauptgebäude der Matibi-Grundschule und der Fritz-Reuter-Oberschule an der Prendener Straße in Neu-Hohenschönhausen stellen beispielsweise eine Gefahr für die Vögel dar. Sich im Glas wiederspiegelnde Bäume und Häuser von gegenüber gaukeln den gefiederten Fliegern eine falsche Realität vor. In der Natur kommen solche Reflexionen nicht vor. In den Städten sind sie häufig.

Reflexionen in Fassaden sind Vogelkiller

Die Schutzwand am Bärenschaufenster an der Treskowallee können Vögel ebenfalls nicht erkennen, auch, wenn die Pfeiler zur Aufhängung lichtundurchlässig sind. „Trügerisch für Vögel sind aber auch die Reflexionen in spiegelnden Häuserfassaden“, erklärt Beate Kitzmann. „Wir wollen, dass Architekten bei der Planung von Gebäuden von vornherein an den Vogelschutz denken.“

Mit einfachen Vorkehrungen Unfälle verhindern

Es gibt relativ einfache Lösungen, um die Vögel vor diesen Zusammenstößen zu schützen. „Schwarze Aufkleber mit Silhouetten von Vögeln reichen jedoch nicht“, sagt Doreen Hantuschke, Leiterin des Umweltbüros Lichtenberg. „Man kann zum Beispiel bestimmte Strukturen aufbringen, die von den Vögeln als Hindernis wahrgenommen werden.“ Linsenmuster mit bestimmten Punktabständen sind möglich, besser aber noch sind vertikale Streifen im Abstand von 5 bis 10 Zentimetern. „Die Steifendicke kann ruhig unregelmäßig sein“, sagt Doreen Hantuschke. An den Fenstern des Umweltbüros in der Passower Straße in Hohenschönhausen sind mittlerweile auch entsprechende Streifenaufkleber aufgebracht. Denn selbst gegen diese relativ kleinen Fenster donnerten regelmäßig die kleinen Piepmätze aus den benachbarten Büschen. „Seit der Maßnahme kein einziger mehr“, versichert die Leiterin.

Die gläserne, haushohe Lärmschutzwand neben der Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen in der Konrad-Wolf-Straße, die vor den Geräuschen der angrenzenden Sportanlage des Sportforums Berlin schützt, war auch betroffen. Die Verantwortlichen brachten die Längsstreifen auf. Seitdem ist das Problem gelöst.

Lücke im Baurecht

„Das Berliner Baurecht enthält leider keine Regelungen und Vorschriften, die Bauherren verpflichten würden, vogelschutzgerecht zu bauen“, sagt Wilfried Nünthel (CDU), Bezirksstadtrat für Schule, Sport, Öffentliche Ordnung, Umwelt und Verkehr. So liegt es in Verantwortung der Bauherren, Architekten und Planer selbst, entsprechend vorzusorgen. „Bei den Schulen in der Prendener Straße denken wir schon über geeignete Vorkehrungen nach und stimmen sie dann mit den Lehrern, Schülern und Eltern ab“, erklärt der Stadtrat. „Es könnten auch Kinderzeichnungen von innen an den Fenstern angebracht werden“, regt Beate Kitzmann an. „Das ist einfach und würde schon helfen.“

 

Weitere Beispiele von Vogelfallen:
Allseitig verglaste Wartehäuschen; Eckfenster; beidseitig verglaste Gänge; Windschutzverglasung; Wind- und Lärmschutz zwischen Gebäuden; verglaste Fußgängerbrücken; Balkonverglasung; Vorbau an Hallen, Treppenhäusern, Unterständen und Verbindungsgängen

Maßnahmen zum Schutz der Vögel:

1. Keine Spiegelfassaden in Nachbarschaft zu Bäumen oder in Landschaften, die für Vögel attraktiv sind.

2. Durchsichten reduzieren, zum Beispiel mit halbtransparentem Material abkleben, klar abgegrenzte, stark kontrastierende Linien; besser sind vertikal angeordnete Streifen von 5 mm und Deckungsgrad von 15%), am besten auf Außenseiten angebracht; Horizontale Linien: mind. 3mm breit bei 3 cm Abstand, mind. 5 mm bei 5 cm Abstand, max. Abstand bei 10 cm; Punktrastern: Deckungsgrad mind. 25% bei kleinen Punkten, 15% bei großen Punkten ab einen Durchmesser von 30 mm. Auch Jalousien, Kunstwerke oder Werbegrafiken, Insektenschutzgitter, Folien und Vorhänge helfen.

3. Fenster seltener reinigen (Fenster von Bürogebäuden sollten nicht öfters als einmal in zwei Jahren und möglichst früh im Jahr, im Februar oder März, geputzt werden.)

4. In die Bauplanung sollten Vogelschutzmaßnahmen einbezogen werden z. B. Glasbeschichtungen. Greifvogelsilhouetten oder schwarze Silhouetten wirken nicht.

Weitere Informationen: www.vogelglas.info


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