Bringen Leihfahrräder die Mobiltätswende am Stadtrand?

Skepsis ist angebracht

19.01.2020, Linna Schererz

Fotos: Birgitt Eltzel

Wie macht man Menschen am Stadtrand schmackhaft, (öfter mal) das Auto stehen zu lassen und stattdessen andere Möglichkeiten der Mobilität zu nutzen? Indem man diese auch dort schafft. Deshalb will, wie LiMa+ berichtete, der Senat auf Drängen der rot-rot-grünen Parlamentarier u.a. das System der Leihfahrräder auf die Gebiete außerhalb des S-Bahnrings ausweiten. Als richtig und wichtig bezeichnete das vor einigen Tagen der Chefreporter der Berliner Morgenpost, Joachim Fahrun. Das gesamte Velo-Leihsystem Berlins soll nun anders konzipiert und für den Zeitraum ab 2022 neu ausgeschrieben werden. Bis 2021 noch unterstützt der Senat den Anbieter Nextbike mit Millionenzuschuss beim Aufbau von Stationen in den Berliner Bezirken. Dieses System startete im Jahr 2016. Kurz danach kamen bekanntlich zahlreiche weitere private Anbieter dazu, bisher (außer in Teilen Lichtenbergs) allerdings nur in den City-Bereichen. Wo man inzwischen über die Flut der auf öffentlichem Straßenland abgestellten Räder stöhnt.

Viele von uns haben das Rad im Keller

Sind Leihfahrräder aber wirklich der richtige Schritt, um Menschen am Berliner Stadtrand den Pkw zu entwöhnen? Werden Leute aus Marzahn-Hellersdorf und den nicht citynahen Bereichen Lichtenbergs zugreifen? Als Stadtrandbewohnerin bin ich ziemlich skeptisch. Denn viele von uns haben ihr Rad ja im Keller, vornehmlich zur Freizeitnutzung. Sie bräuchten also keins zu leihen, um damit den Weg zwischen Wohnung und Haltestelle zurückzulegen. Wer den Bus verpasst hat, um zu U- oder S-Bahn zu kommen, wird wohl auch nicht unbedingt nach einem Leihfahrrad suchen, sondern eher laufen – oder warten. Schon aus Kostengründen. Denn auch eine kurze Ausleihzeit schlägt finanziell zu Buche. Nextbike beispielsweise verlangt für eine halbe Stunde einen Euro. Und so richtig bequem sind die Miet-Drahtesel auch nicht.

Gefährt für Touristen und Ausflügler

Ich vermute mal, auch in den Berliner Außenbezirken werden vor allem Ausflügler oder Touristen Leihräder nutzen. Was ja so schlecht nicht ist, können diese damit ja relativ komfortabel Gegenden erkunden, die ihnen bis dato ziemlich unbekannt waren. Ein Aufbau von Leihstationen dürfte also an ÖPNV-Knoten nahe von Sehenswürdigkeiten durchaus Sinn machen. Für eine Mobilitätswende bei den Einheimischen werden sie kaum sorgen.

Andere Dinge sind dringender

Denn die Stadtrandbewohner brauchen viel dringender andere Dinge: mehr und bessere Radwege, auch auf Nebenstraßen. Bessere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder an U- und S- Bahnhöfen, vielleicht auch Fahrradparkhäuser wie in der Stadt Bernau im nahen Bundesland Brandenburg. Mehr Linien und bessere Taktungen von Straßenbahnen und Bussen. Funktionierende Querverbindungen zwischen Ortsteilen, vielleicht mit sparsamen Klein- oder Elektrobussen. Und Car-Sharing-Stützpunkte, die nicht so rar sind, dass man sie mit der Lupe suchen kann.

ÖPNV-Preise 2020 gestiegen

Und was einen Umstieg in den ÖPNV so richtig schmackhaft machen könnte: geringere Ticketpreise. In der estnischen Hauptstadt Tallin fahren Öffi-Nutzer bereits seit 2013 umsonst, im nordrhein-westfälischen Monheim seit Anfang dieses Jahres und in Luxemburg ab 1. März. In Berlin sind seit dem 1. Januar 2020 etliche Fahrpreise gestiegen, wenn auch moderat, hier die Übersicht. Wie heißt die Abo-Karte noch mal, als die vor mehr als 20 Jahren eingeführt wurde? Ach ja: Umweltkarte. 1997 kostete diese im Tarifbereich AB als Jahreskarte (Einmalabbuchung) noch 890 D-Mark, siehe hier. Heute sind es bei jährlicher Abbuchung 728 Euro im selben Tarifbereich .

Weg, den Umstieg schmackhaft zu machen, noch nicht gefunden

Gerechterweise muss man sagen, dass die Koalition das kostenlose Schülerticket eingeführt hat. Eine gute Sache. Doch für die notwendige Mobilitätswende wohl weniger bedeutsam. Denn Schüler fahren üblicherweise kaum Autos, wenn sie jünger als 18 sind. Der Weg, den Älteren die öffentlichen Verkehrsmittel oder schadstofflose Fortbewegungsmittel wie Velos und meinetwegen auch E-Roller schmackhafter zu machen, ist gerade für den Stadtrand noch nicht gefunden. Daran wird auch ein neues Leihfahrradsystem dort nichts ändern.

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