Lücken in Lebensmittelregalen: Müssen Arme jetzt hungern?

Selbstgekochtes ist preiswert

20.03.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-2,6-7), Birgitt Eltzel (3-5)

Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf. In zahlreichen Facebook-Beiträgen aus Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf zur Corona-Krise werden immer wieder leere Regale in Supermärkten beklagt. Obwohl es häufig Nachschub gibt, fehlen nach wie vor oft Toilettenpapier und Küchentücher. Auch preiswerte Teigwaren, Konserven und Fertiggerichte können oftmals nicht schnell genug nachgefüllt werden, weil viele die Waren hamstern und somit unsolidarisch mit anderen Menschen sind. „Hauptsache ich!“, scheint bei viel zu vielen die Devise.

“Arche” liefert jetzt an bedürftige Familien

Schon gibt es Befürchtungen, dass Arme dadurch hungern müssen. Für teure Lebensmittel, die überall noch reichlich zu haben sind, fehlt ihnen das Geld. Auch Pastor Bernd Siggelkow, der Gründer des Evangelischen Kinder- und Jugendhilfswerk „Arche“, hat darauf aufmerksam gemacht. Denn nicht nur die Ausgabestellen der Berliner Tafel, wo sich Bedürftige Lebensmittel abholen konnten, wurden geschlossen. Auch alle 25 Arche-Standorte in der Bundesrepublik mussten dicht machen, darunter auch die allererste „Arche“ in Hellersdorf. Dort bekamen täglich rund 300 Kinder und Jugendliche kostenlos warmes Mittagessen. Die „Arche“ liefert deshalb jetzt selbst haltbare Lebensmittel, aber auch Obst und Gemüse an betroffene Familien aus.

Selbstversuch beim Discounter

Doch ist es wirklich so, dass wegen der Hamsterkäufe Menschen mit wenig Geld nichts mehr zu essen haben werden? Wir sagen ganz klar: Nein. Denn wir haben einen Selbstversuch gemacht. Dazu sind wir am Donnerstagvormittag, 19. März, in die Filiale des Discounters Aldi an der Gülzower Straße in Hellersdorf gegangen. Die Kunden dort kommen sowohl aus dem Plattenbau- als auch aus dem Kleinsiedlungsgebiet. Der Eindruck: In diesem Supermarkt ist es wie fast überall – Etliches, vor allem Preiswertes fehlt, doch die meisten Regale sind gut gefüllt. Insbesondere an Gemüse und Obst herrscht kein Mangel. Was also nehmen wir, um den Geldbeutel zu schonen und trotzdem schmackhaftes Selbstgekochtes zu essen?

12,12 Euro für drei Tage mit warmen und kalten Mahlzeiten

Wir kaufen 2 Kilogramm Möhren (1,29 Euro), 2,5 Kilogramm Kartoffeln (1,69 Euro), einmal Instant-Rinderbrühe (0,59 Euro), 10 Eier aus Freilandhaltung (1,69 Euro), zwei Ciabatta-Brote zu je 0,49 Cent, einmal mildes Roggenbrot (0,69 Euro) und 3 lose Rispentomaten (0,69 Euro). Weil es gerade kein Suppenfleisch gibt, nehmen wir noch 500 Gramm frischen Rindergulasch dazu. Der schlägt allerdings mit 4,49 Euro zu Buche. Für den Einkauf, von dem wir warme und kalte Mahlzeiten für eine vierköpfige Durchschnittsfamilie herstellen können, zahlen wir insgesamt 12,12 Euro.

Eintopf mit oder ohne Fleischeinlage

Was machen wir mit den Lebensmitteln? Zuerst einen Möhren-Kartoffel-Eintopf. Das geht ganz einfach. Um einen 5-Liter-Topf zu füllen, schnippeln wir etwa drei Viertel der gekauften Möhren nach dem Schälen klein, ebenso etwa die Hälfte der Kartoffeln. Die kommen in den Topf, Wasser dazu, bis sie bedeckt sind , etwa 2 Liter. Dann entsprechend Instant-Rinderbrühe (etwa zehn gehäufte Teelöffel). Weil diese schon gesalzen ist, kann auf eine Extrazugabe Salz verzichtet werden. Jetzt kommt die Entscheidung: Rein vegetarisch oder mit Fleischzugabe? Viele möchten ja auf Fleisch nicht verzichten. Weil wir kein Suppenfleisch bekommen haben, bereiten wir im Extratopf eben Gulasch zu. Rezepte gibt es jede Menge im Netz, so bei chefkoch.de. Zwiebeln und Ketchup haben wir nicht extra gekauft, die hatten wir schon. Ebenso die frische Petersilie, die den Eintopf etwas aufhübschen soll (kann aber auch weggelassen werden).

Arbeit macht das schon, aber nicht zu viel

Etwas Arbeit macht das Selberkochen schon, aber nicht zu viel. Rund 35 Minuten kann man für das Vorbereiten, Schnippeln und Anbraten rechnen – beim Radiohören vergeht die Zeit schnell. Dann köchelt es in den zwei Töpfen vor sich hin – der Gulasch ca. 1,5 Stunden, der Eintopf etwas weniger. Ist der Gulasch fertig, kann er entweder ganz in den Eintopf. Oder aber man behält die Hälfte für ein Mittagessen am nächsten Tag für eine Person (dann Kartoffeln dazu kochen). Übrigens: Auch ohne Fleisch schmeckt der Möhren-Kartoffel-Eintopf gut. Die Menge dürfte bei vier Personen für zwei Tage genügen.

Tipp: Ei-guckt-durchs-Loch

Am dritten Tag reichen die übriggebliebenen Kartoffeln noch für Bratkartoffeln. Aus den Eiern kann Rührei dafür bereitet werden. Abends machen wir noch „Ei guckt durchs Loch“: Die Mitte einer Roggenbrotscheibe mit einem Glas ausstechen, das Brot in einer Pfanne von beiden Seiten anbraten, Ei ins Loch und kurz weiterbraten. Schmeckt Kindern gut mit etwas Ketchup. Damit die Frische nicht zu kurz kommt, können wir auch Bruschetta herstellen: Ciabatta-Scheiben kurz in etwas Olivenöl in der Pfanne rösten. Dann gewürfelte Tomaten und Zwiebeln drauf. Man kann die Scheiben auch mit Knoblauch einreiben, wenn man sich nicht vor den später folgenden Ausdünstungen fürchtet. Und, so man hat, frische Kräuter – am besten Basilikum – zugeben. Aus den übriggebliebenen Möhren kann man lange, schmale Stifte schnitzen. Die knabbern sich beim Lesen oder Fernsehen nur so weg.

Statt leerer Fertiggericht-Regale Rezepte und Tipps posten

Für 12,12 Euro haben wir also warme Hauptmahlzeiten für vier Personen an drei Tagen gekocht (wenn man auf das Gulaschfleisch verzichtet, sind es sogar nur 7,63 Euro!). Dazu kam noch einiges fürs Abendbrot. Das ist nicht teurer als der Kauf von Billigdosen oder anderen Fertigwaren, eher noch günstiger. Gesünder und schmackhafter sowieso.

Das spricht für das Selberkochen! Wenn jetzt jemand keine Zeit dafür hat, weil er als Alleinerziehende/r in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeitet und todmüde nach Hause kommt – vielleicht könnten die Nachbarn in solchen Fällen ja mal aus Solidarität mitkochen? Und vielleicht sollten wir nun auch beginnen, auf Facebook Rezepte zu unseren günstigen und schmackhaften kulinarischen Kreationen zu posten und Tipps zur Zubereitung zu geben statt Fotos von leeren Fertiggericht-Regalen zu verbreiten.

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