Erinnerung an die Märzkämpfe von 1919

„Schießbefehl für Lichtenberg“

02.03.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1), Birgitt Eltzel (2-4)

Lichtenberg. Im März 1919 wird Lichtenberg zum Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen aufständischen und Regierungstruppen sowie regierungstreuen Freikorps – das Ende der Novemberrevolution von 1918, in deren Folge die Monarchie beendet und das Kaiserreich Deutschland zur Republik wurde. In den Monaten zwischen November 1918 und April 1919 keimten in ganz Deutschland Hoffnungen und Utopien auf, um die zäh und teilweise unerbittlich gerungen wurde. Das schreibt Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst im Vorwort der Begleitbroschüre „Schießbefehl für Lichtenberg“ zur gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 5. Mai  im Museum Lichtenberg im Stadthaus an der Türrschmidtstraße 24 zu sehen ist. Die inzwischen gängigen Erzählungen, so heißt es in der Broschüre, verschweigen diese Vielfalt oder diskreditieren sie häufig bis heute. „Tatsächlich gab es in diesen Monaten Auseinandersetzungen um verschiedene, bislang unerprobte politische Instrumente. Neben der parlamentarischen Demokratie stand die Räterepublik bzw. eine Mischform zwischen beiden auf der Agenda. Oder sollte die Dikatur des Proletariats das Ziel sein? Die Auseinandersetzungen wurden zäh und mit zunehmender, unerbittlicher Härte ausgetragen. Unerwähnt und im Überlieferten weitgehend vergessen bleiben dabei bis heute die Ereignisse in der damaligen selbstständigen Stadtgemeinde Lichtenberg“, so der Bezirksbürgermeister.

Wichtiges Stück Bezirksgeschichte

Das Museum Lichtenberg hat mit der Ausstellung und der dazugehörenden Publikation ein wichtiges Stück Bezirksgeschichte wieder in das kollektive Gedächtnis geholt. Denn die nach einem abgebrochenen Generalstreik aufflammenden Auseinandersetzungen im Osten Berlins wurden durch massive militärische Gewalt erstickt. Mit Feldgeschützen, Mörsern oder Flugzeugen wurde gegen die Bevölkerung vorgegangen, Standgerichten fielen auch unbeteiligte Zivilisten und Minderjährige zum Opfer. Nach einer aus Lichtenberg lancierten Falschmeldung über die angebliche Ermordung von 60 Polizisten durch Spartakisten beendete der Schießbefehl des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske und der Geheimverordnung des Generalstabsoffiziers Waldemar Pabst die revolutionären Ereignisse von Berlin in Lichtenberg.

Lichtenberg Zentrum der Auseinandersetzungen

Die militärischen Auseinandersetzungen in der deutschen Hauptstadt hatten im März 1919 ihren Höhepunkt erreicht. Vom 3. bis zum 16. März starben dabei insgesamt 1.200 Menschen. Lichtenberg, dessen westliche Grenze damals in der Nähe der Warschauer Straße verlief,  war in diesen Tagen Rückzugsgebiet für bewaffnete Arbeiter und Matrosen geworden – und damit Zentrum der Auseinandersetzungen. Der Schießbefehl Noskes führte zu einer Reihe von Hinrichtungen nachdem die Kämpfe bereits beendet waren. Eines dieser Standgerichte hatte sich im Gasthof „Schwarzer Adler“ an der Frankfurter Allee Ecke Gürtelstraße einquartiert. An der dem Lokal gegenüberliegenden Mauer des Gemeindefriedhofs wurden am 12. und 13. März zwölf Menschen ermordet. Die „Blutmauer“ ist heute eine Gedenkstätte im Rathauspark an der Möllendorffstraße.

Reihe von Veranstaltungen

Begleitend zur Ausstellung und zur Broschüre gibt es im Rahmen des Themenwinters „100 Jahre Revolution Berlin 1918/19“ eine Reihe von Veranstaltungen durch das Museum Lichtenberg und seine Partner. So wird von Sonntag, 3. März, bis zum Sonntag, 31. März, auf dem Stefan-Heym-Platz, Möllendorffstraße Ecke Frankfurter Allee eine Open-Air-Ausstellung gezeigt, die mit Auszügen aus historischen Zeitungen und Fotos die Märzkämpfe dokumentiert. An den Sonntagen 3. und 10. März gibt es zudem kostenlose Führungen zu den historischen Orten der Märzkämpfe in Lichtenberg und Friedrichshain, Start ist jeweils um 14 Uhr am U-Bahnhof Weberwiese.

Internationale Konferenz im Rathaus

Am Sonnabend, 9. März, findet von 10 bis 17.30 Uhr im Rathaus an der Möllendorffstraße 6 eine internationale Konferenz „Die zweite Revolution? Das Frühjahr 1919 in Deutschland und Europa“ statt, eine Kooperation des Bezirksamtes und des Vereins „Helle Panke“. Wissenschaftler aus vier Ländern werden erwartet: aus Großbritannien Mark Jones und Simon Webb, Bela Bodó aus Ungarn, aus Italien Pietro Di Paola. Aus Deutschland kommen Sebastian Zehetmair (Geschehen in Bayern), Klaus Wisotzky (Geschehen im Ruhrgebiet), Mario Hesselbart (in Mitteldeutschland). Weitere Vorträge halten Mirjam Sachse und Gisela Notz (zu den Frauen und ihrem Anteil an der Vorgängen Anfang 1919) sowie Marcel Bois, Stefan Bollinger, Klaus Gietinger und Axel Weipert. Interessenten können sich per Mail info@helle-panke oder telefonisch unter 030-47538724 anmelden. Die Teilnahme (inkl. Imbiss) kostet 10 Euro, ermäßigt 6 Euro.

Gedenken an der Blutmauer

Am Mittwoch, 13. März, gedenken das Bezirksamt und die Vereinigung der Opfer des Nationalsozialismus – Bund der Antifaschisten um 15 Uhr an der Lichtenberger Blutmauer der dort von Freikorpssoldaten Erschossenen. Laut Bürgermeister Grunst soll die Gedenkstätte in Kürze saniert werden. Dafür stehen 100.000 Euro zur Verfügung.

Die Ausstellung „Schießbefehl für Lichtenberg“ im Bezirksmuseum, Türrschmidtstraße 24, ist noch bis zum 5. Mai zu sehen. Eintritt frei. Öffnungszeiten: Di bis Fr 11–18 Uhr, So 11–18 Uhr. Am Weltfrauentag, 8. März, bleibt das Museum geschlossen.

Im Rahmen der “Marzahn-Hellersdorfer Gespräche zur Geschichte” geht es am Mittwoch, 13. März, ab 18 Uhr im Bezirksmuseum Haus 1, Alt-Marzahn 51, ebenfalls um die Märzkämpfe. Der Biesdorfer Ortschronist Karl-Heinz Gärtner beleuchtet in einem Lichtbildervortrag anhand von vor kurzem aufgefundener Bilder und Zeitdokumente, wie sich die Märzkämpfe auch in den Dörfern auswirkten. Eintritt frei.

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