Lichtenberger Unternehmen punktet mit spezieller Baggertechnik

Riesensauger für die ganze Welt

13.05.2019, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Lichtenberg/Marzahn. Es ist erst wenige Wochen her, da verfolgte Stefan Mattes aufmerksam, was in Köpenick passierte: Ein Baggerfahrer beschädigte bei Aushubarbeiten eine Stromleitung. Und das hatte verheerende Folgen. Mehr als 30.000 Menschen waren 31 Stunden lang ohne Strom. Die Bilder, die Mattes im Fernsehen sah, machten ihn sprachlos. Denn seiner Ansicht nach wäre eine solche Havarie mit der richtigen Technik nicht passiert. Doch die bauausführende Firma wusste es offenbar besser…

Schlucken mit gigantischem Rüssel

Mattes ist Gründer und Chef der Berliner Saugbagger-Betriebe, kurz BSB. Sein Unternehmen hat sich unter anderem auf die Vermietung von sogenannten Saugbaggern spezialisiert. Das Prinzip bei diesen Maschinen ähnelt der Funktionsweise eines Staubsaugers – nur, dass die Rohre, mit denen Sand, Kiesel oder sogar Klinkersteine angesaugt werden, wesentlich größer sind. 25 Zentimeter misst der Durchmesser der gigantischen Rüssel, mit deren Hilfe das Erdreich abgetragen werden kann. Wie das funktioniert, zeigt Mattes stolz auf dem unternehmenseigenen Youtube-Kanal: In wenigen Sekunden schluckt die Maschine das Geröll, bis armdicke Stromleitungen zum Vorschein kommen und der Schlauch einfach weiter unten wieder für die Schachtarbeiten angesetzt wird. Nun ist Mattes zwar nicht der Erfinder dieser zukunftsweisenden Technik – wohl aber ein Pionier und Visionär, was deren weitere Entwicklung betrifft.

Vor 25 Jahren Firma gegründet

Vor 25 Jahren gründete Mattes sein Unternehmen. Nach dem Studium in Karlsruhe und ersten beruflichen Jahren in Köln hatte es ihm Berlin angetan, in der Annahme, dass die Stadt ausnahmslos auf märkischem Sand gebaut wurde. Dort müsste es für die Saugbaggertechnik ausreichend Aufträge geben, dachte er sich. Doch Mattes irrte. Um die zahlreichen Bauvorhaben war ein erbitterter Kampf ausgebrochen, die Baufirmen lieferten sich eine Preisschlacht. Hinzu kam, dass nur ein Teil des Berliner Erdreiches sandig ist. Als Mattes jedoch recherchierte und feststellen musste, dass der Untergrund der Hauptstadt aus einem Gemisch aus Ton, Schluff und Sand besteht, war es quasi zu spät: Er hatte einen Saugbagger gekauft und musste nun dringend Aufträge akquirieren, um nicht nur seinen Kredit zu bedienen, sondern auch sich und seine Angestellten zu bezahlen.

Partner BVG

Und dann kam die BVG: Die Berliner Verkehrsbetriebe wollten in den 1990er-Jahren ihre Tramstrecken modernisieren – und das in kurzer Zeit. Unter anderem mussten die Masten für die Oberleitungen neu gesetzt werden. Mit der Saugbaggertechnik wurden die Bauzeiten verkürzt. Außerdem kam Mattes auf die Idee, Zweiwegefahrzeuge einzusetzen: Das sind Saugbagger, die sowohl auf der Straße als auch auf der Schiene fahren können. Doch es sollte nicht nur beim Setzen der Masten bleiben: Schon bald buchte die BVG die Technik für die Reinigung der Straßenbahngleise. Mussten früher Müll oder die Blätter der Straßenbäume per Hand abgesammelt werden, erledigte dies nun die Maschine.

Zusammenarbeit auch mit der Bahn

Inzwischen wird die BSB auch von Verkehrsunternehmen in Chemnitz, Stuttgart, Köln, Nürnberg oder Leipzig beauftragt. Im Lauf der Jahre perfek­tionierten Mattes und seine Mitarbeiter die Technik – hinzu kamen beispielsweise Hebebühnen an den Fahrzeugen, mit denen man sogar auf den ICE-Strecken der Deutschen Bahn AG Wartungs- und Reparaturarbeiten erledigen kann. Die Mitarbeiter der Berliner Saugbagger-Betriebe sind hoch spezialisiert. Sie haben nicht nur einen Lkw-Führerschein, sondern auch die Befähigung, Triebfahrzeuge zu führen. Denn das ist Voraussetzung, um die Zweiwege-Technik bedienen zu dürfen. Es dauerte nicht lange, bis die BSB als Eisenbahnverkehrsunternehmen zugelassen wurde, ihre Mitarbeiter sogar selbst zu Lokführern ausbildet. „Dafür arbeiten wir mit der Eisenbahnfachschule zusammen“, sagt Mattes.

Eigene Konstruktion und Produktion

Inzwischen hat die BSB neben der Vermietung und dem Verkauf ihrer Geräte auch eine eigene Konstruktions- und Produktionsabteilung aufgebaut. Dort entsteht Technik wie die beiden Varianten des patentierten „tubecube“ – ein Sauger, der am Hydraulikausleger eines Zweiwegebaggers angebaut werden kann. Dieser nimmt beispielsweise Schotter aus Gleisbetten auf und reinigt diesen. Ebenfalls eine BSB-Erfindung ist die in-situ-Schottereinigung. „in-situ“ bedeutet „vor Ort“: Das aufgenommene Schottermaterial muss nicht erst zu einer Reinigungsanlage transportiert werden, sondern wird an Ort und Stelle von Fremdkörpern und Dreck befreit. Als zertifizierter Fachbetrieb kümmert sich die BSB zudem um die Entsorgung des Abfalls.

Umzug auf neues Gelände in Marzahn

Noch in diesem Jahr wird die BSB, die bislang auf dem Gelände des einstigen VEB Elektrokohle in Lichtenberg saß, nach Marzahn umziehen: Dort erwarb das Unternehmen 2014 ein 13.000 Quadratmeter großes Areal nahe der Alten Börse. Die Standortvoraussetzungen sind ideal. Dort existiert auch ein Bahnanschluss. Für 2,5 Millionen Euro baut zudem die REBU-Ingenieursgesellschaft eine Produktionshalle. Das Unternehmen ist schon lange für die BSB tätig. Weil der einstige Eigentümer keinen Nachfolger fand, kaufte die BSB die Gesellschaft. Damit sind künftig in Marzahn an die 60 Menschen in Lohn und Brot. In der neuen Halle finden nicht nur die Verwaltung und der Vertrieb neue Räume. Auch die Produktion und Konstruktion werden an einem Ort vereint, um Serien- und Sonderfahrzeuge zu produzieren. Und Mattes hat weitere Pläne. Ergänzt werden soll das Areal um ein Test- und Abnahmecenter für die Sonderfahrzeuge, die in alle Welt exportiert werden. Kunden gibt es unter anderem in Skandinavien oder Großbritannien, in Malaysia und Australien. „Wir wollen weiter wachsen“, sagt Mattes.

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