Zwischen Ruhestätten, Kriegsgräbern und Denkmalen

Rundgang über den Parkfriedhof

16.05.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-11, 13-14), Birgitt Eltzel (12) Zum Vergrößern bitte auf das Startbild klicken!

Marzahn. Der Anfang des 20. Jahrhunderts angelegte Parkfriedhof Marzahn ist einer der interessantesten Friedhöfe Berlins, jedoch selbst in Marzahn-Hellersdorf nicht allen Bürgern bekannt. Auf dem etwa 22 Hektar großen Gelände am Wiesenburger Weg, das einst als Armenfriedhof diente, finden sich nicht nur viele Grabstätten von Marzahnern und Hellersdorfern, sondern auch etliche Denkmale, Gedenkstätten und Gedenksteine. Das Museum Marzahn-Hellersdorf und der Heimatverein bieten jetzt einen virtuellen Rundgang an.

Angelegt als Armenfriedhof

Die Anlage wurde 1909 eröffnet. Zunächst wurden dort mittellose Verstorbene beerdigt, für deren letzte Ruhe die öffentliche Wohlfahrt die Kosten übernahm. Später wurden dort im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten bestattet. Nach 1945 erhielten zahlreiche Opfer des Nazi-Regimes und des Zweiten Weltkriegs ihre Ruhestätten. Ab den 1950er-Jahren wurden für einzelne Opfergruppen verschiedene Gedenksteine aufgestellt. Darunter sind die Schwurhand des Bildhauers Erwin Kobbert als Mahnung an 3.300 Berliner Bombenopfer, außerdem der Gedenkstein für 46 in Plötzensee als politische Häftlinge ermordete Opfer des Faschismus (OdF-Stein). Ein Stein erinnert an die auf dem „Zigeunerrastplatz Marzahn“ umgekommenen Sinti und Roma. Diesen hatten die Nationalsozialisten im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 auf einem ehemaligen Rieselfeld nördlich des Friedhofs eingerichtet. Seit 2011 gibt es dazu eine Open-Air-Ausstellung am Otto-Rosenberg-Platz nahe dem S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße.

Grabstätten von mehr als 1.400 Zwangsarbeitern

Den Opfer der Zwangsarbeit 1933-1945 ist eine Stelenskulptur des Bildhauers Michael Klein gewidmet. Diese wurde auf Initiative des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf und des Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreises (MHWK) im Jahr 2004 aufgestellt. Auf einer Wiese vor der Skulptur sind in Einzel- und Massengräbern rund 1.400 Frauen, Männer und Jugendliche bestattet, die zur Zwangsarbeit in deutschen Betrieben gepresst wurden. Allein in Marzahn befanden sich 27 Lager mit Zwangsarbeitern aus der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei. Dazu kamen Zwangsarbeiter aus Italien, Belgien, den Niederlanden und anderen Ländern Europas. Für 20 bei einem Luftangriff der Alliierten im Jahr 1943 ums Leben gekommene junge polnische Zwangsarbeiterinnen gibt es ebenfalls einen Gedenkstein, gestiftet von ehemaligen Kollegen aus Lodz. An italienische Soldaten, die an der Seite der Alliierten im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, erinnert ein Gedenkstein nahe dem Stein für zwei Rote Matrosen. Die Brüder Fritz und Albert Gast waren 1919 vom Freikorps Lützow ermordet worden.

Gedenken an Sowjetsoldaten und Opfer des Stalinismus

Die größte Gedenkstätte ist der Sowjetische Ehrenhain am nordwestlichen Ende des Friedhofs, ebenfalls vom Bildhauer Erwin Kobbert gestaltet. 1958 wurde die Anlage mit einem zehn Meter hohen Obelisken in der Mitte eröffnet. In einem pergolaähnlichen Rondell steht eine symbolische Urne mit Muschelkalk, die die Asche von 125 beim Kampf um Berlin gefallenen sowjetischen Soldaten enthält. 2002 eingeweiht wurde der Erinnerungsstein für die Opfer des Stalinismus im Gedenken an die unter Stalin vertriebenen Russlanddeutschen aus ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten.

Jetzt virtuelle Führung, im September dann die reale

Eine Führung durch diesen Friedhof und zu seinen interessanten Denkmälern sollte es am 6. Mai mit dem Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf und dem Heimatverein geben. Diese musste im Zuge der coronabedingten Kontaktbeschränkungen ausfallen. Sie soll nun voraussichtlich im September nachgeholt werden, wie das Museum mitteilte. Museumsleiterin Dorothee Ifland hat gemeinsam mit dem Heimatvereins-Vorsitzenden Wolfgang Brauer einen kleinen Videofilm produziert, zu finden auf der Homepage des Museums – eine virtuelle Führung als Vorgeschmack auf die reale im Herbst.

Individuelle Spaziergänge – mit Beobachtung von Eichhörnchen

Vielleicht macht der Film ja auch Lust, ganz individuell einen Spaziergang auf dem Parkfriedhof zu unternehmen. Das viele Grün, die hohen Bäume, die Sträucher und Hecken vermitteln viel Ruhe. Es gibt nicht nur Grabstätten, sondern auch einen Folienteich – ein Feuchtbiotop für Frösche, Ringelnattern und Libellen. An der Ostseite sind naturbelassene Flächen dem Arten- und Biotopschutz vorbehalten, Greifvögel und Feldhasen sind dort heimisch geworden. Übrigens: Es leben auch zahlreiche Eichhörnchen auf dem Gelände am Wiesenburger Weg, die kaum Scheu vor den Besuchern zeigen und ganz nahe herankommen.

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