1989: Alles strebt nach Westen, einer geht in den Osten

Ronald M. Schernikau in Hellersdorf

05.09.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Der Sechsgeschosser hat rote und grüne Balkone, Blumen und Gemüsepflanzen wachsen darauf. Mit Sicherheit wirkte das Haus vor 25 Jahren, im damals üblichen Plattenbau-Grau weniger einladend. Und dennoch fand dort der letzte Westdeutsche, der DDR-Bürger wurde, eine Heimstatt: Der Dichter Ronald M. Schernikau (1960–1991) siedelte am 1. September 1989, zu einer Zeit, wo viele DDR-Bürger gen Westen strömten, nach Ostdeutschland über. Mit einer Informationstafel, die am Freitag, 5. September, an seinem letzten Wohnort Cecilienstraße 241 (seinerzeit Albert-Norden-Straße) enthüllt wird, wird an den Dichter erinnert, der schon früh zu literarischen Ruhm gelangte.

Aufsehen erregender Coming-Out-Roman
Geboren in Magdeburg, übersiedelt er als Sechsjähriger mit seiner Mutter nach Lehrte bei Hannover. Mit 16 Jahren wird Schernikau Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), seinen Überzeugungen bleibt er bis zu seinem Tod treu. Noch vor dem Abitur veröffentlicht er 1980 die „Kleinstadtnovelle“, ein Buch über schwules Coming Out – eines der ersten Bücher in Deutschland überhaupt zu diesem Thema. Es wird ein durchschlagender Erfolg. Im selben Jahr verlässt Schernikau Niedersachsen und zieht nach West-Berlin. Er wird Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) und studiert zunächst an der Freien Universität (FU) Germanistik, Philosophie und Psychologie. Von 1986–1989 besucht er als West-Berliner das Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig. Aus dieser Zeit stammt der Großessay „Die Tage in L.“ (1988). Nach nur kurzer Zeit seines Lebens als DDR-Bürger bricht der Staat zusammen. Schernikau arbeitet als Hörspieldramaturg des Henschel-Verlags und vollendet seinen Berlin-Roman „Legende“, nur wenige Tage vor seinem Tod. Am 20. Oktober 1991 stirbt er an den Folgen der Immunschwächekrankheit Aids. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Georgen-Parochial II in Friedrichshain. Unter dem Titel „Der letzte Kommunist“ (Aufbau Verlag) veröffentlicht Matthias Frings 2009 eine vielbeachtete Biografie von Ronald M. Schernikau.

Unterstützung von der Stadt und Land
Marzahn-Hellersdorfs Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke) sagt: „Es ist ein gutes Signal, wenn wir jetzt mit einer Informationstafel an den Menschen, Künstler und selbstbewussten Homosexuellen erinnern.“ Die Informationstafel wurde vom Amt für Weiterbildung und Kultur und der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land mit Unterstützung von Thomas Keck, Nachlassverwalter des Dichters, der auch einen Schernikau-Blog führt, gestaltet.

Weitere Informationen: www.schernikau.net

 

 

 

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