Café auf Rädern - Geburtstagstafel bald am U-Bahnhof Cottbusser Platz

Reden bei Kaffee und Kuchen

16.09.2015, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Hellersdorf. Kennen Sie Ihre Nachbarn? Oder die Leute aus dem Nebenhaus oder am Ende der Straße? Gerade in Großsiedlungen ist es schwierig, Kontakte zu seinen Mitmenschen zu knüpfen, es sind einfach zu viele. Aus einer Idee wurde vor einem Jahr ein Projekt LiMa+ berichtete, das die unterschiedlichsten Menschen zueinander bringen will – das Café auf Rädern.

Barbara Jungnickel ist bereit. Sie hat ihr kleines Wägelchen mit der leuchtend roten Plane gleich an der Treppe am Eingang des Regine-Hildebrandt-Parks postiert, vier Stühle und einen Tisch aufgebaut und eine Kanne Kaffee und Tassen darauf gestellt. Ach, die Keksdose fehlt noch. Fertig, jetzt können die Leute kommen.
Es ist vierzehn Uhr. Die Sonne scheint, ab und zu weht ein Lüftchen über den Park. Die markant gestaltete Treppe am Parkeingang wird oft von Bewohnern der angrenzenden Blocks als Abkürzung genutzt, wenn sie von der Straßenbahnhaltestelle oder der U-Bahn kommen. Einige schauen nur kurz hoch und hasten weiter, andere stutzen, gehen aber dann doch vorbei. Barbara Jungnickel kennt das, aber es stört sie nicht. Sie weiß, zuerst irritiert es die Menschen, wenn da jemand seelenruhig an einem Tisch sitzt, während sie es eilig haben. „Manche sprechen mich auch an und fragen, was soll das?“ Und etwas amüsiert fügt sie hinzu: „Dann sind sie erstaunt, wenn ich sage, ich sitze hier, ich will nichts verkaufen, sondern Sie zu einer Tasse Kaffee einladen.“ Sie sitzt auch schon mal eine Viertelstunde ganz allein da, keiner kommt heran, das muss man auch aushalten können, sagt sie. „Aber im Großen und Ganzen wird es gut angenommen“.

Menschen wissen wenig voneinander

Die Kinder sind unbefangener. Zwei Jungs kommen an den Tisch und fragen nach Keksen. Sie kennen den Wagen schon. Nachdem sie ihren Keks aufgeknabbert haben, bedanken sie sich und gehen weiter.
Zwanzig Minuten sind vergangen. Eine Frau kommt heran und fragt, ob es auch Kaffee zum Mitnehmen gibt. „Nein“, sagt Barbara Jungnickel, „nur Tassen, setzten Sie sich doch.“ – „Ich wollte eigentlich weiter… sitzen Sie immer hier?“ – „Nein, nur wenn ich kann und es hängt auch vom Wetter ab.“ – „Das ist ja eine neckische Idee“, meint die Frau lächelnd und geht weiter.
Die „neckische“ Idee entstand vor zwei Jahren. Das Flüchtlingsheim in der Carola-Neher-Straße war gerade eröffnet worden, es gab eine Menge Probleme, viele Hellersdorfer fühlten sich allein gelassen und vernachlässigt. „Wir in der evangelischen Kirchengemeinde Hellersdorf haben festgestellt, wie wenig die Menschen voneinander wissen, auch von den Vereinen und Institutionen vor Ort, die sich um die Flüchtlinge kümmerten“, erinnert sich Barbara Jungnickel. „Sie hatten einfach Angst vor dem Fremden, das sie nicht kennen. Das wollten wir ändern, sie einladen zum Kennenlernen, Berührungsängste abbauen.“ Die Gemeinde nahm Kontakt auf zu Initiativen im Bezirk. Es sollte ein niedrigschwelliges Angebot sein, um Nachbarn miteinander ins Gespräch zu bringen.

Ein bis zweimal in der Woche an verschiedenen Plätzen
Im September vergangenen Jahres dann entstand das rollende Café. Das war zuerst ein Bollerwagen mit einem roten Stoffverdeck. Etwas unpraktisch, es passten gerade mal zwei Stühle drauf. Deshalb beantragte die Gemeinde Fördermittel aus dem lokalen Aktionsplan des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Damit konnten sie sich eine Grundausstattung anschaffen wie Geschirr und auch einen neuen Wagen. „Selbst entworfen und gebaut“, betont Barbara Jungnickel stolz. Viel Engagement kommt aus der Gemeinde, es gab inzwischen auch eine zweite Förderung, diesmal vom Programm „Partnerschaften für Demokratie“. Vom Frühjahr bis zum Herbst sitzt sie ein bis zweimal in der Woche an verschiedenen Plätzen, mal am U-Bahnhof Cottbusser Platz, mal hier am Regine-Hildebrandt-Park. Sie hat keinen festen Tourenplan. Es hängt davon ab, ob sie Zeit hat und natürlich vom Wetter. „Ich probiere aus, wo es gut ist, gehe aber auch oft an Stellen, wo ich weiß, da ist Laufkundschaft.“ Sie teilt sich die Aufgabe mit einer älteren Dame aus der Gemeinde, manchmal kommt auch ein junger Mann hinzu, aber da er arbeiten muss, geht das nicht allzu oft.

So kommt man ins Gespräch
Es ist inzwischen halb drei. Eine Frau tritt an den Tisch und Barbara Jungnickel spricht sie an. Möchten Sie einen Kaffee? Bitte setzen Sie sich. Mit Milch? Die Dame rückt den Stuhl heran, setzt sich und nimmt einen Schluck. „Oh, heiß, lecker!“ –  „Einen Keks?“ – „Ja, danke.“ Ein Mann mit einem Hund kommt heran, greift in die Keksdose und setzt sich. „Ich warte auf meinen Kumpel, wir waren hier verabredet.“ Barbara Jungnickel gießt den Kaffee ein. „Zucker oder Sahne?“ – „Beides, bitte.“
Die Dame nimmt noch einen Schluck und kramt dann nach ihrem Portemonnaie. „Was, das ist umsonst? Ich wohne hier und habe Sie schon oft gesehen. Ich dachte immer, Sie verkaufen den Kaffee, jetzt wollte ich es mal probieren.“
Der Mann schaut jetzt interessiert zu der Frau und fragt: „Wo kommen Sie her? Aus Thailand?“ – „Nein, aus Vietnam, aus der Nähe von Hue. Ich bin seit zwei Jahren hier.“ Der Mann wendet sich Barbara Jungnickel zu und beginnt einen Monolog. Über die Bürokratie und die Arroganz der Beamten, den Stress mit Behörden. Er scheint nicht das erste Mal an dem Kaffeetisch zu sitzen, Barbara Jungnickel hört geduldig zu, nickt, lächelt still. Sie kennt das schon. Mal ist es einfach nur Smalltalk, manchmal reden sich die Leute aber auch ihre Alltagssorgen von der Seele, offensichtlich, weil es ihnen an Zuhörern mangelt. Die Tischgespräche sind vielfältig: über Balkonpflanzen, die Wohnungssituation, die Kinder, die Familie, die Arbeit. In letzter Zeit sind auch oft Flüchtlinge das Thema. Barbara Jungnickel hört die Ängste heraus und die Vorurteile. „Das kann ich aber ausräumen, wenn ich mit den Menschen spreche, argumentiere und erkläre. Da kommt dann manchmal ein Aha-Effekt.“

Möchten Sie auch einen Kaffee?

Inzwischen hat sich der Freund des Mannes mit dem Hund eingefunden und eine Frau mitgebracht. Auch ihnen bietet Barbara Jungnickel einen Kaffee an. Ein paar Minuten später gesellt sich noch eine Frau hinzu. „Möchten Sie einen Kaffee? Ich habe leider keinen Stuhl mehr für Sie.“ –  „Das macht nichts, ich habe gerade sechs Stunden gesessen.“ – „Was machen Sie?“ – „Ich sitze den ganzen Tag in einer Maßnahme und schreibe Bewerbungen.“
Die Freunde des Hundebesitzers haben sich verabschiedet, der Mann hat seinen Monolog wieder aufgenommen. Die Frau schaut auf den Hund und fragt dann: „Ich habe gehört, dass es hier irgendwo eine ‚Hundetafel’ gibt?“ Der Mann unterbricht seinen Redeschwall. „Ja, in Baumschulenweg“, sagt er. „Wenn Du den Hund vor dem Hartz-IV-Antrag hattest, kannst du da hingehen…“

Große Kaffeetafel zum Geburtstag

An diesem Tag hat Barbara Jungnickel noch vier Gäste an ihrem Kaffeetisch, einen älteren Herrn, eine junge Frau und zwei Marokkanerinnen, die in Marzahn-Hellersdorf leben. Eine Woche später wird sie ihre Kaffeetafel schon nach einer knappen halben Stunde wieder einräumen, wegen aufziehender Regenwolken. Am 17. September will sie aber ab 14 Uhr wieder am U-Bahnhof Cottbusser Platz stehen. Da wird es dann eine richtig große Tafel geben mit Kaffee und Kuchen für bis zu 15 Personen. Dann feiert das Café auf Rädern nämlich sein einjähriges Jubiläum. Barbara Jungnickel hofft auf viele Besucher, angeregte Gespräche und vielleicht den einen oder anderen, der sie bei dem Projekt unterstützen möchte.

 

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Leserkommentare

  1. Gute Idee
  2. Wovon Finanziert Frau Barbara Jungnickel das?

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