Ehemalige Häftlinge regen „Außenstelle“ der Stiftung Gedenkstätte HSH am Alex an

Polizeigefängnis soll Lernort werden

29.07.2014, Andrea Scheuring

Fotos: Andrea Scheuring (1-2), sunnykat (3-10)

Hohenschönhausen. „In dem Polizeiuntersuchungsgefängnis in der Keibelstraße saß ich 1967 als 18jähriger. Und 1971 bin ich dort von der Abt. IX der Staatssicherheit verhört worden bis in die Puppen. (…) Dort saßen zu 70 Prozent politische Untersuchungshäftlinge. Das Zusammenspiel zwischen Polizei und Staatssicherheit klappte hervorragend“, erinnert sich Rainer Dellmuth auf seiner Facebook-Seite. Der damalige „Lehrling“ des Buchdrucks – unter diesem Decknamen führte das Ministerium für Staatssicherheit ab 1967 einen Operativen Vorgang zu Dellmuth – war wegen „staatsgefährdender Hetze“ und wiederholter „versuchter Republikflucht“ ins Visier des Überwachungs- und Repressionsapparates der SED geraten, später aus der DDR ausgebürgert und in die Bundesrepublik ausgewiesen worden. Seit 1997 engagiert sich Rainer Dellmuth als Besucherreferent in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem früheren Stasi-Gefängnis an der Genslerstraße. Nun will der 66jährige gemeinsam mit anderen Häftlingen der Untersuchungshaftanstalt II im Ostberliner Volkspolizeipräsidium auch an das andere Haus des Schreckens – eben jenes berüchtigte Polizeigefängnis am Alexanderplatz – erinnern und es zu einem Lernort umwidmen. „Der siebengeschossige Zellenbau eignet sich in besonderer Weise, um an einem authentischen Ort zur Auseinandersetzung mit den Formen politischer Verfolgung, der Entrechtung der Bürger und des staatlichen Machtmissbrauchs in der DDR anzuregen“, heißt es in der Gründungserklärung der „Initiativgemeinschaft Ehemaliges Polizeigefängnis Keibelstraße“, die sich am 22. Juli 2014 konstituiert hat.

Zellentrakt ist zeithistorisches Baudenkmal
Das alte Polizeigefängnis, das man beim Blick in den Innenhof des einstigen Präsidiums nur erahnen kann, liegt hinter dicken Mauern unter einer inzwischen sanierten Fassade. Seit 1996 steht der weitgehend erhalten gebliebene Zellentrakt zwischen Bernhard-Weiß- und Keibelstraße leer. In den angrenzenden Häusern sitzen heute Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft; die Polizeidirektion 3 (Abschnitt 32) sowie die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die das landeseigene, denkmalgeschützte Gebäude auch verwaltet. Selten – etwa am Tag des Offenen Denkmals – erhalten Besucher in dem geschichtsträchtigen Haus Zutritt. 1930/31 als Lager- und Verwaltungsgebäude des Karstadt-Unternehmens erbaut, wurde das Haus ab 1945 Sitz des Berliner Polizeipräsidenten. Im späteren System der politischen Justiz der DDR spielte die Untersuchungshaftanstalt II im Polizeipräsidium eine wichtige Rolle. Hier wurden neben Kriminellen auch etwa 600 DDR-Oppositionelle und Bürgerrechtler wie z.B. Jürgen Fuchs und Bärbel Bohley festgehalten und erstmals verhört, bevor die Stasi sie in ihre Untersuchungsgefängnisse nach Hohenschönhausen und Pankow transportierte. Der Zellentrakt in der Keibelstraße ist ein besonderes zeitgeschichtliches Baudenkmal. Mit 140 engen Zellen hinter grauen, schweren Türen auf insgesamt sieben Etagen – um eine Art Innenhof herumlaufend – erinnert der Gefängnisbau noch heute an amerikanische Krimis. Vielleicht auch deshalb wurde das „Alcatraz am Alexanderplatz“ in den letzten Jahren immer wieder an Film-, Fernseh- und Videoproduktionen vermietet. In der bedrückenden wie beeindruckenden Kulisse entstanden u.a. Szenen für die Streifen „Männerpension“ (1996) und „Goodbye Lenin“ (2001). Die Mittelalter-Band „In Extremo“ drehte hier 2003 das Video zu ihrer Single “Küss mich“.

Gespräche auch mit dem Senat stehen am Anfang
Wo einst Gefangene einer ungewissen Zukunft entgegensahen, sollen – so der Vorschlag der Initiativgemeinschaft – künftig nun Führungen, Ausstellungen, Veranstaltungen und Seminare für eine breite Öffentlichkeit stattfinden, um „die Geschichte des Hauses und der DDR-Volkspolizei als Stütze der SED-Diktatur darzustellen“. Dabei soll auch die „bislang wenig beachtete Funktion der Volkspolizei als Vorfeld- und Hilfsorganisation des Staatssicherheitsdienstes“ thematisiert werden. „Wir befürworten dieses Konzept der Initiativgemeinschaft, zu der wir enge Kontakte unterhalten“, erklärt André Kockisch, der Pressesprecher der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen. Der Vorschlag, das einstige Polizeigefängnis am Alexanderplatz als künftige „Außenstelle“ zu nutzen, wäre nicht nur wegen der inhaltlichen Zusammenhänge sinnvoll. „Ein solches zweites Standbein könnte auch helfen, den jetzigen Besucheransturm auf unsere Gedenkstätte zu entlasten“, so Kockisch. Seit Sommer 1994 haben bereits mehr als 3,3 Millionen Besucher die ehemalige U-Haftanstalt des MfS in Hohenschönhausen besucht. Mit heute jährlich fast 400.000 Besuchern – Tendenz steigend – stößt die Einrichtung nunmehr an ihre Grenzen. Wegen Überfüllung müssten mittlerweile jedes Jahr mehr als 20.000 Interessierte abgewiesen werden. Daher unterstützt auch Hubertus Knabe, der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, die Idee eines zweiten Erinnerungs- und Lernortes der historisch-politischen Bildung im ehemaligen Polizeigefängnis an der Keibelstraße. Die Gedenkstätte will nun in Zusammenarbeit mit der Initiativgemeinschaft ein Betriebskonzept samt Kostenschätzung erarbeiten. „Es gab jetzt einige Begehungen vor Ort, wo man sich die baulichen Begebenheiten angeschaut hat, um dann prüfen zu können, wie hoch der finanzielle Aufwand für ein solches Projekt sein wird“, so Kockisch. Der Senat in Person des Regierenden Bürgermeisters hatte die Prüfung des Nutzungsvorschlags bereits Ende Juni anlässlich des 20. Jahrestages der Gründung der Gedenkstätte Hohenschönhausen zugesagt. „Das kostet sicher auch Geld, aber ich denke, das ist gut investiertes Geld,” so Klaus Wowereit damals. Die Koordinierungsgespräche – auch mit dem Senat – stehen noch am Anfang. Die Initiativgemeinschaft will ab sofort bei den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses um Unterstützung für ihr Anliegen werben. Für Oktober 2014 ist eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zum Thema geplant.

 

 

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