Josef Parzinger will Koexistenz zwischen Anliegern und Obdachlosen

Platzmanager für Bahnhof Lichtenberg

02.11.2019, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-6), BA Lichtenberg (7). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Für den Bahnhof Lichtenberg und seinen Vorplatz an der Weitlingstraße gibt es seit dem 1. Oktober einen Platzmanager. Josef Parzinger ist Sozialarbeiter beim Humanistischen Verband Deutschland, der auch den TagesTreff für Wohnungslose und Bedürftige an der Weitlingstraße 11 betreibt. Obdachlose Menschen erhalten dort an sieben Tagen in der Woche eine Mahlzeit, ärztliche und zahnärztliche Versorgung, Kleidung sowie eine Dusche. Der 26-Jährige hat im selben Gebäude sein Büro bezogen.

Konflikte haben sich lange aufgebaut

Seit Jahrzehnten ist der Bahnhof Lichtenberg Anlaufpunkt für Menschen ohne Obdach. Das führte in der Vergangenheit mehrfach zu Konflikten mit Anliegern und Fahrgästen der U-, S- und Fern-Bahn. Im Winter 2018/19 war der Bahnhof Lichtenberg ein so genannter Kältebahnhof. In den Unterführungen zur U-Bahn fanden Menschen ohne Zuhause bei niedrigen Temperaturen wenigstens etwas Schutz, sodass die Gefahr zu erfrieren reduziert wurde (LiMa+ berichtete).

Wie sich herausstellte, ist der Bahnhof dafür nicht geeignet. Schlafplätze auf den eiskalten Bodenplatten sind menschenunwürdig.

Räumung löst Probleme nicht

Als die Temperaturen in den warmen Jahreszeiten stiegen, blieben die Gestrauchelten. Und es kamen weitere mit Suchtproblemen hinzu. Im Bezirksamt gingen über 50 Beschwerden über die Zustände in den Fußgängerunterführungen und auf dem Bahnhofsvorplatz ein.

Die Verwaltung musste handeln. Die teilweise Räumung des Bahnhofsvorplatzes wurde veranlasst (LiMa+ berichtete), damit Fahrgäste und Bewohner nicht beeinträchtigt werden (LiMa+berichtete).

Doch: „Eine rigorose Räumung des Platzes lehnen wir ab, weil es nicht die Probleme löst“, sagt Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Aktuell verbringen zwischen 20 bis 40 Menschen die Nacht im und am Bahnhof.

Menschen suchen verzweifelt einen Schlafplatz

Deshalb verfolgt der Bezirk eine Strategie, bei der erstens die obdachlosen Menschen eine soziale Hilfestellung erhalten, zweitens die Sicherheit und Sauberkeit des Bahnhofs und des Vorplatzes an der Weitlingstraße gewährleistet wird – und drittens, der Fahrstuhl sowie die Fahrradständer vor dem Bahnhof frei zugänglich bleiben.

Er habe den Eindruck, so der Bürgermeister, dass die Anzahl der Menschen ohne Obdach, die verzweifelt einen Platz suchen, wo sie sicher schlafen können, steigt. „Die Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie damit umgeht“, sagte Michael Grunst. Der Berliner Senat bereite ein Straßenmanagement vor. Mit jährlich 50.000 Euro unterstützt der Bezirk den Tagestreff, zunächst bis 2021.

„Nacht der Solidarität“ geplant

Josef Parzinger, der auch Bankkaufmann von Beruf ist und aus einem Ort südlich von München stammt, will „eine sozialverträgliche Koexistenz“ von Anwohnern, Gewerbetreibenden, Fahrgästen und Obdachlosen erreichen. „Alle sollen den Stadtraum nutzen können“, sagt er.

Parzinger hat bereits Kontakte geknüpft zu den armen Menschen, zu den Ladenbesitzern der Weitlingstraße, aber auch zur BVG, zur Deutschen Bahn und zur Polizei. Erste Gespräche sind geführt. Der Neuberliner möchte zunächst die akuten Probleme aufnehmen und angehen. „Zu den ersten Aufgaben wird es gehören, die sanitäre- und die Müllsituation am Bahnhof zu verbessern, Lärmbelästigungen zu lindern und allgemein das Sicherheitsgefühl zu erhöhen“, sagt Josef Parzinger. Im Januar 2020 will er gemeinsam mit dem Tagestreff eine „Nacht der Solidarität“ organisieren, bei der alle Lichtenberger eingeladen sind mitzumachen. Geholfen werden kann zum Beispiel mit wärmenden Kleidungsstücken, heißen Getränken oder einer wärmenden Mahlzeit. Ein entsprechender Aufruf wird vorbereitet.

Runder Tisch

Später will der Platzmanager einen Runden Tisch organisieren, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. „Es ist immer besser miteinander statt übereinander zu reden“, sagt er. Langfristig will Josef Parzinger Strategien mit entwickeln, die den Brennpunkt Bahnhof Lichtenberg dauerhaft entschärfen. Neben einem zu etablierenden Streetwork zum Beispiel von Gangway e.V., denkt der Sozialmanager dabei auch an die Einrichtung eines separaten Aufenthaltsareals für die Platznutzenden. „Wenn dabei womöglich der gegenüber vom U-Bahnhof-Eingang befindliche Parkplatz und die Halfpipe-Anlage mitgenutzt wird, sind Alkohol und andere Drogen tabu“, betont der an Jahren junge Mann. Schließlich befindet sich unweit davon die Robinson Grundschule in der Wönnichstraße.

Der Winter kündigt sich an

Die Temperaturen kündigen es an: Der nächste Winter steht vor der Tür. „Der Bahnhof Lichtenberg wird nicht mehr Kältebahnhof sein“, betont der Bürgermeister mehrfach. Bei der Berliner Stadtmission, Gemeinde Frankfurter Allee, Frankfurter Allee 96 stünden über 100 Übernachtungsplätze für obdachlose Menschen bereit.

Stadtmission hat feste Regeln

Das Problem ist nur: Viele Obdachlose nehmen diese Angebote nicht wahr. Die Gründe sind unterschiedlich: Beispielsweise sind Alkohol und andere Drogen nicht erlaubt, Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, ebenso Hab und Gut der Übernachtungsgäste. Trotzdem fürchten sich die Gäste vor möglichen Diebstählen und der Enge. Deshalb ist man nun dazu übergegangen, die Zimmer nur noch mit maximal vier Leuten zu belegen.

Auf Josef Parzinger wartet viel Arbeit.


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