Rom-Corviale und Marzahn NordWest – jetzt als Fotobuch erschienen

Stadtrandsiedlungen im Dialog

09.12.2019, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Marzahn. Was vor drei Jahren mit den Aufnahmen eines italienischen Fotografen am östlichen Berliner Stadtrand und an der römischen Peripherie begann, mit einer Ausstellung im alten Rathaus am Helene-Weigel-Platz und in verschiedenen Einrichtungen von Marzahn NordWest seine Fortsetzung hatte, bekam jetzt seinen (vorläufigen) Schlusspunkt: Pasquale Liguori präsentierte am Sonnabend, 7. Dezember, in der Umweltstation Alpha II der Spielplatzinitiative Marzahn seinen kürzlich erschienenen Fotoband „Impasse“. Dort stehen sich, wie bereits in der gleichnamigen Exposition, Aufnahmen aus Marzahn NordWest und dem Corviale-Komplex, Europas längstem Haus gegenüber – bereit zum Dialog.

Fragender und Infragestellender

Es sind Fotos, die berühren, obwohl keine Menschen dargestellt werden: Bilder von Details wie liebevoll arrangierte Grünpflanzen auf Balkonen und Loggien, von Fahrrädern vor Wohnungstüren und Briefkastenanlagen, auf denen viele Namen stehen. Aber auch von teilweise unwirtlichen Strukturen, die Häuser und Straßen in der Landschaft bilden: Wo leben wir, was hat diese Umgebung mit uns gemacht? Was machen wir mit unserer Umgebung? Was kann, was muss die Gesellschaft besser machen? Es ist kein voyeuristischer Blick, mit dem sich der Pasquale Liguori Corviale und Marzahn NordWest nähert. Er ist ein Fragender und Infragestellender. Er zeigt in Bildern der Einsamkeit, teilweise schwermütig, Gebiete, die es verdient haben, wie er schreibt, „in der Organisations- und Stadtentwicklungsdebatte einen zentralen Platz einzunehmen, mit Möglichkeiten zur Förderung von Solidarität und würdevollem Wohlstand in einem Europa frei von Diskriminierung, Intoleranz und Ungerechtigkeit. Die Impasse, die Sackgasse, muss überwunden werden“.

Zwei Drittel der Berliner leben außerhalb des S-Bahnrings

Zwei Drittel aller Berliner leben außerhalb des S-Bahnrings, aber die mediale Berichterstattung und die politische Diskussion erfolge im umgekehrten Verhältnis, sagte Stadtsoziologe Andrej Holm von der Humboldt-Universität (HU) bei der Buchvorstellung. „Zwei Drittel aller Berichterstattungen handeln vom Stadtzentrum.“ Dabei hätten besonders die Großsiedlungen wie Marzahn und Hellersdorf, Neu-Hohenschönhausen und Teile von Treptow-Köpenick zentrale Bedeutung für Berlin. Denn vor allem dort würden jetzt Probleme aufgefangen, die die Stadt als Ganzes zu bewältigen habe: Kinderarmut, die Aufnahme von Geflüchteten sowie der seit einigen Jahren zu verzeichnende Zuzug von Menschen aus der Innenstadt. Letztere kämen nicht freiwillig an den Stadtrand wie die Erstbezieher der Plattenbauten in den 1970er- und 1980er-Jahren, sondern infolge verfehlter Stadtentwicklung: „Sie können sich ihre Mieten im Zentrum einfach nicht mehr leisten.“ Diese Fragen würden aber nicht repräsentativ in der politischen Diskussion behandelt, auch die Vergabe von Mitteln in die Großsiedlungen am Stadtrand erfolge nicht entsprechend ihrer Notwendigkeit.

Anstoß zur Diskussion

Das Buch von Pasquale Liguori, das er bereits am Freitag, 6. Dezember, vor Studenten der HU vorgestellt hatte, bringe einen Anstoß zur Diskussion, die nun zu führen sei, unterstrich auch Petra Pau (Linke, Bundestagsvizepräsidentin), die in Marzahn-Hellersdorf ihren Wahlkreis hat: „In welchem Land, in welcher Stadt wollen wir leben? Und unter welchen Bedingungen?“ Die Abgeordnete Dr. Manuela Schmidt (Linke), die Liguori von Beginn an unterstützte, hob hervor, dass sein Projekt eine weitere Chance eröffne, im und über den Bezirk ins Gespräch zu kommen. Der Zuzug neuer Nachbarn mit Migrationshintergrund und die wachsende Konzentration von Menschen mit geringem Einkommen in Stadtrandgebieten wie Marzahn und Hellersdorf mache es nicht einfach, Selbsthilfeprojekte zu entwickeln. Zumal die betroffenen Bezirke oft allein gelassen werden. Schmidt, 2001 bis 2011 Jugendstadträtin von Marzahn-Hellersdorf, erinnerte daran, dass der Bezirk immer wieder wegen zu hoher Mittelvergabe bei Hilfen zur Erziehung (HEZ) in Kritik stand und steht. „Dabei nimmt die Zahl von Familien zu, die Unterstützung brauchen.“ Zum ersten Mal sei jetzt in der Landeshaushaltsplanung durchgesetzt worden, dass ein flexibles Budget für Familienprävention eingerichtet wird. Es gebe dafür 600.000 Euro je Bezirk, sagte Manuela Schmidt. „Das ist nicht viel, aber wenigstens ein Beginn.“

Für eine solidarische Stadtentwicklung

Wie bringen sich Aktive, die für eine solidarischere Stadtentwicklung kämpfen, nach außen und in größere Wahrnehmung? Das Projekt von Pasquale Liguori sei ein gutes Beispiel dafür, würdigte Andrej Holm. Denn es erfuhr von Bewohnern des Corviale und aus Marzahn NordWest viel Unterstützung. Bereits zwei Mal reisten Aktive aus dem Marzahner Norden nach Rom, alle auf eigene Kosten. Auch LiMa+ war im März 2019 dabei, wir berichteten… Die Verbindung zwischen beiden Stadtvierteln am Rande der Millionenmetropolen soll künftig noch ausgebaut werden. Wie Sophia Bickhardt von weltgewandt. Institut für interkulturelle politische Bildung e.V., der im Havemann-Center seinen Sitz hat, am Rande der Buchpräsentation mitteilte, wurde bereits ein zweijähriges Erasmus-Projekt zur Erwachsenenbildung von der Europäischen Union bestätigt. Unter Teilnehmern aus vier Ländern wirkt auch der Verein Corviale domani (Corviale morgen) mit, der um Verbesserungen im Wohngebiet kämpft. Bewilligt ist ebenfalls ein LSK-Projekt (Lokales Soziales Kapital) für Workshops und Öffentlichkeitsarbeit. Ein Antrag für Bürgerbegegnungen mittels des Programms „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ zwischen Marzahn NordWest und Corviale laufe zur Zeit bei der Europäischen Kommission, so Bickhardt.

Seinen Band „Impasse – Stadtrand am Scheideweg“ hat Pasquale Liguori aus eigenen Mitteln und mit Unterstützung durch Freunde realisiert. Das Buch (italienisch und deutsch, englische Zusammenfassung am Ende) hat Vorworte von Liguori selbst, von der Soziologin Maria Immacolata Macioti (Universität Rom) und von Andrej Holm (HU). Es ist vorerst in kleiner Auflage erschienen. Einige Exemplare sind noch bei der Spielplatzinitiative Marzahn zu beziehen, Preis: 30 Euro.

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