Denkmalwochenende widmet sich Handwerk, Technik und Industrie

Orte mit Geschichte(n)

09.09.2015, Andrea Scheuring

Foto: Andrea Scheuring (1-2, 4, 6-10), Klaus Tessmann (3), Volkmar Eltzel (5). Zum Vergrößern aufs Hauptbild klicken.

Lichtenberg/ Marzahn-Hellersdorf/ Berlin. Das kommende Wochenende am 12. und 13. September steht wieder ganz im Zeichen der Spurensuche in der Berliner Geschichte. Anlässlich des „Tags des offenen Denkmals“, der sich in diesem Jahr dem Schwerpunktthema „Handwerk, Technik, Industrie” widmet, lädt das Landesdenkmalamt Berlin alle Bürger und Besucher ein, die Denkmale und das kulturelle Erbe der Hauptstadt näher kennenzulernen. Dabei passt das diesjährige Thema „wie kaum ein anderes zu unserer Stadt, die einst die größte und technologisch führende Industriemetropole in Europa war“, betont Andreas Geisel, Senator für Stadtentwicklung. Wegweisende Technik wurde hier von klugen Köpfen entwickelt – vom Brennapparat für Branntwein (Pistorius) über den Film (Skladanowsky) bis hin zum Computer (Zuse). Noch heute prägen alte Fabrikstandorte ganze Stadtquartiere.

Besonders eng ist die Beziehung zwischen Denkmalpflege und Handwerk. „Ohne qualifizierte Handwerker lassen sich Bau- und Kunstdenkmale nicht erhalten. Handwerkstechniken müssen bewahrt und weitergegeben werden, denn sie sind selbst ein bedeutendes Kulturerbe“, so Geisel. Viel zu entdecken gibt es in diesem Zusammenhang auch in den Bezirken Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Wir möchten einige der geheimnisvollen Orte und Schätze der Industriekultur für den „Tag des offenen Denkmals“ empfehlen. Das Gesamtprogramm mit ca. 300 Angeboten findet sich online. Die Veranstaltungen sind weitgehend kostenfrei. Programmhefte liegen im Landesdenkmalamt Berlin (Klosterstraße 47 in Mitte) aus, außerdem in den Bürgerämtern und Hauptbüchereien der Bezirke. Für persönliche Beratung steht zum Tag des offenen Denkmals (SA 10-16 Uhr, SO 10-13 Uhr) eine Hotline unter Tel. (030) 36 44 38 09 zur Verfügung.


Lichtenberg

Amalien-Orgel
Weseler Straße 6, 10318 Berlin
In der Evangelischen Kirche Zur Frohen Botschaft in Karlshorst befindet sich die bedeutendste und älteste Barock-Orgel Berlins. 1755 wurde sie für Prinzessin Anna Amalie von Preußen als Hausorgel gebaut. Die jüngste Schwester Friedrichs des Großen, selbst Komponistin, legte eine bis heute vorhandene Musikaliensammlung an, dank der u.a. viele Werke von Johann Sebastian Bach erhalten geblieben sind.
Geöffnet am 13. September von 13 bis 17 Uhr. 13 Uhr: Für größere Kinder ab 9 Jahre „Die Orgelmaus“ von Karl-Peter Chilla – Ein unterhaltsames Kinder- und Familienkonzert mit Einblicken in die Funktionsweise der Orgel, 14 Uhr: Führung zur Geschichte und Restaurierung der Amalien-Orgel mit Dr. Thomas Gebhardt (Förderkreis Amalien-Orgel e.V.), 16 Uhr: Für kleinere Kinder von 5-8 Jahren „Die Orgelmaus“ von Karl-Peter Chilla – Ein unterhaltsames Kinder- und Familienkonzert. Die Veranstaltung ist Teil des Straßenfestes der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde. Buntes Treiben vor und in der Kirche von 10-17 Uhr.

Waldsiedlung Lichtenberg

Gleyeweg/ Ecke Drosselstieg, 10318 Berlin
In den Jahren der Weimarer Republik wuchs Berlin zur drittgrößten Stadt der Welt an. Damals lebten etwa 3,8 Millionen Menschen in der Spreemetropole. In nur sieben Jahren entstanden 140.000 Wohnungen. Berlin war mit seinem Wohnungsbauprogramm absoluter Spitzenreiter in Europa. Die Aufgabe, schnell Wohnraum zu schaffen, bot aber auch die Chance, Theorien vom „Neuen Wohnen“ zu realisieren. So entwarf Peter Behrens 1919-29 nach Grundsätzen des Werkbundes die Waldsiedlung in Karlshorst. Für Arbeiter und Kriegsheimkehrer errichtet, wurden die Reihenhäuser mit Gärten zur Eigenversorgung geplant.
Geöffnet am 13. September. 13 Uhr: Führung des Kulturring in Berlin e.V. in Kooperation mit den Geschichtsfreunden Karlshorst „Die Waldsiedlung Lichtenberg – ein Peter-Behrens-Juwel in Karlshorst“ mit Albrecht Gramberg.

Haus 22 – Ehemaliges Speisehaus des MfS
Ruschestraße 103, 10365 Berlin
Auf dem Areal der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Lichtenberg steht das 1960 erbaute sog. Speisehaus. Nach der Wende unterlag es verschiedenen Nutzungen. Erst 2014 wurde es als Baudenkmal ausgewiesen. Im Rahmen einer Masterarbeit im Studienfach Denkmalschutz der TU Berlin wurde die Geschichte des Hauses 22 erforscht. Die spannenden Ergebnisse werden bei der Führung vorgestellt.
Geöffnet am 12.09. zu den Führungen. 14 und 15.30 Uhr: Führung „Spuren der Geschichte – Bauforschung und Nutzungsgeschichte“ (Treffpunkt Haupteingang Haus 22)

Museum Kesselhaus Herzberge
Herzbergstr. 79 (Haus 29), 10365 Berlin
1889-93 von Hermann Blankenstein erbaut, gehört das heutige Museum zum Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge. Drei Dampfkesselgenerationen ermöglichen den Einblick in die Entwicklung der Heiztechnik eines ganzen Jahrhunderts. Seit seiner Sanierung im Jahr 2003 wird das Kesselhaus als technisches Museum und Kulturstätte genutzt. Eine Klanginstallation am „Tag des offenen Denkmals“ möchte einen individuell erfahrbaren Erinnerungsraum des Ersten Weltkriegs bieten: „Im Zentrum steht die Front zwischen Frankreich und Deutschland. Der Besucher erfährt einen Perspektivwechsel, indem er auch die Sichtweise des jeweiligen Feindes einnehmen kann.“ Ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
Geöffnet am 13.09. von 11 bis 17 Uhr. 12 und 15 Uhr: Führung mit Joachim Schütz u.a. (Treffpunkt Eingang zum Kesselhaus), ganztägig: Klanginstallation „2015 Horchposten / Postes d’écoute 1915. Annäherung und Feindberührung. Eine begehbare, deutsch-französische Klanginstallation zum Ersten Weltkrieg“ von Andreas von Westphalen und Jochen Langner, ab 14 Jahren.

Ehemaliges Städtisches Arbeitshaus und Strafvollzugseinrichtung Rummelsburg
Erich-Müller-Straße 7/9, 10317 Berlin

Das Gelände in Rummelsburg blickt auf eine wechselvolle Historie zurück. Zwischen 1879 und 1990 befanden sich hier in drei verschiedenen staatlichen Systemen (Kaiserzeit, Nazidiktatur, DDR-Regime) Einrichtungen zum „Wegsperren von Menschen aus sozialen Randgruppen“. Erst als Arbeitshaus genutzt, wurde das Areal in der NS-Zeit eine Sammelanstalt für sog. „Asoziale“ und später eines der berüchtigsten Männer-Gefängnisse der DDR. Seit 2015 informiert ein Open Air Gedenkort über die Geschichte vor Ort.


Geöffnet am 13.09. von 10 bis 16 Uhr. 10 und 14 Uhr: Führungen mit Historikerin Heike Hoffmeister und Zeitzeugen (Treffpunkt Eingangstür WiR e.V. auf der rückwärtigen Seite des Gebäudes Erich-Müller-Str. 7/9), 11 und 14 Uhr: Lesung – Brigitte M. Lange liest aus den Erinnerungen ihres Großvaters, der im Waisenhaus Rummelsburg war und Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen hat (Ort: WiR e.V.), 12 und 14 Uhr: Führung für Kinder mit Oliver Brenzel (Treffpunkt Eingangstür WiR e.V.), ab 10 Uhr stündlich: Film „Nachholen gibt’s nicht“ (Ort: Nachbarschaftsverein WiR e.V.), 13 bis 16 Uhr: Einblicke in das ehemalige „Arresthaus für männliche Corrigenden“ – heute Nachtquartier für Kurzurlauber und Spurensucher (Ort: Erich-Müller-Straße 12).

Weitere Angebote am „Tag des offenen Denkmals“ in Lichtenberg: Ehemalige Eisfabrik Krause am Nöldnerplatz, Gedenkstätte der Sozialisten, Mies van der Rohe-Haus, Ehemaliges Gutsarbeiterhaus Falkenberg, Villa Skupin, Bürgerschloss Hohenschönhausen, Deutsch-Russisches Museum, Gedenkstätte Hohenschönhausen, Heizkraftwerk Klingenberg, Taborkirche, Trabrennbahn Karlshorst…


Marzahn-Hellersdorf


Gründerzeitmuseum
Hultschiner Damm 333, 12623 Berlin
Im Gutshaus Mahlsdorf befindet sich das Gründerzeitmuseum mit der umfangreichen Sammlung von Charlotte von Mahlsdorf. Das Haus – 1780 erbaut und 1869 spätklassizistisch überformt – wurde 2007 saniert. Sehenswert ist auch der um 1800 angelegte Gutspark, der dieses Ensemble der Wohn- und Gartenkultur ergänzt.
Geöffnet am 13.09. von 10 bis 18 Uhr.

Bockwindmühle

Hinter der Mühle 4, 12685 Berlin
Die einzige noch produzierende Bockwindmühle Berlins findet sich im Dorf Alt-Marzahn. Dort wird anlässlich des Alt-Marzahner Erntefestes und des „Tages des offenen Denkmals“ das Mühlenbauhandwerk vorgestellt. Dieser alte Beruf ist vielseitig und vereint in sich die Berufe des Zimmerers, Sattlers, Schlossers, Tischlers, Ingenieurs und Mechanikers. Es sind Bauteile alter Maschinen und Handwerkszeuge zu sehen, die noch heute zum Einsatz kommen, wenn an der Marzahner Mühle Technik instandgehalten oder erweitert werden muss.  
Geöffnet am 12. und 13.09. jeweils von 10 bis 17 Uhr. Ganztags: Ausstellung „Der Mühlenbauer – Mühlenhütte auf dem Mühlenberg“, Sonnabend: Alt-Marzahner Erntefest, Feuerwerk mit Musik um 22 Uhr, Sonntag: Alt-Marzahner Erntefest.

Schloss und Schlosspark Biesdorf

Alt-Biesdorf 55, 12683 Berlin
Das Schloss Biesdorf, eine spätklassizistische Turmvilla, wurde 1868 nach Entwürfen von Heino Schmieden errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus zerstört. 2002-2007 konnte die Außenhülle denkmalgerecht erneuert werden, ab 2013 erfolgte der Wiederaufbau des oberen Geschosses. Am „Tag des offenen Denkmals“ präsentiert das Schloss noch als Baustelle, aber die Gäste werden sich bei einem Rundgang davon überzeugen können, dass der Innenausbau in wundervoller und höchst professioneller Weise gelungen ist.
Geöffnet am 13.09. von 12 bis 18 Uhr. 12 Uhr: Feierliche Eröffnung mit dem Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel, 12.30 Uhr: Eröffnungskonzert mit dem Jugendsinfonieorchester der Musikschule Marzahn-Hellersdorf, 13 Uhr: Tanzperformance „Schlossbilder…“ mit der Deutschen Tanzkompanie, 14 Uhr: Vortrag „Die Schlossherren Werner und Wilhelm von Siemens – Erfinder und Pioniere der Elektrotechnik und des Verkehrswesens“, 16 Uhr: Ausstellungseröffnung „Schloss Biesdorf – Geschichte und Zukunft einer spätklassizistischen Turmvilla in Berlin” mit Kurator Oleg Peters / Ausstellung „Metamorphosen“ mit Fotos vom Baugeschehen von Werner Huthmacher, 16.30 Uhr: Konzert mit dem Kammerchor Biesdorf, 17 Uhr: Vortrag „Martin Gropius: Kollege – Partner – Freund von Heino Schmieden“ mit Prof. Dr. Arnold Körte (Urenkel von Martin Gropius), im Anschluss Buchvorstellung „Heino Schmieden – Leben und Werk des Architekten“ mit Autor und Gesprächspartner Oleg Peters, weiterhin: Werkstatt Denkmal-Projektpräsentation „Stuck für Stuck… Formen, Abgüsse und Restaurierung am Baudenkmal“, ein Schülerprojekt der 11. Klasse des Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums unter der Leitung von Steinbildhauerin und Kunsthistorikerin Mirjam Koring und Iris Krömling.

Haus Dittmar

Am Baltenring 24-25, 12621 Berlin
Edmund Dittmar hat das Wohnhaus 1932 für seinen Vater, den Kaulsdorfer Bäckermeister R. Dittmar im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfen. In den kubistischen Formen ließ sich der Architekt vom Bauhaus inspirieren.
Geöffnet am 12.09. zu den Führungen „Haus Dittmar – ein Monument der Moderne im Osten Berlins“ (max. 8 Personen pro Führung), die um 13, 14, 15, 16 und 17 Uhr mit Peter K. Bachmann und Ute Linz stattfinden (Treffpunkt Eingangstor). Eine Anmeldung bis zum 11.09. unter Tel. 0172-2 47 81 92 oder via eMail unter linz-bachmann@online.de ist erforderlich.

Weitere Angebote am „Tag des offenen Denkmals“ in Marzahn-Hellersdorf: Evangelische Dorfkirche Mahlsdorf, Alte Börse Marzahn, Jesuskirche Kaulsdorf, Ehemalige Dorfschule Marzahn, Krankenhauskirche im Wuhlgarten, Bezirksmuseum…

 

 

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