Topos Sozialuntersuchung kommt zu anderen Ergebnissen als 2016

Nun doch Milieuschutz Weitlingkiez

25.05.2018, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergößern auf das Hauptbild klicken.

Lichtenberg. Die Milieuschutzsatzung für den Weitlingkiez ist beschlossene Sache. Auf der Mai-Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung stimmte die Mehrheit der Verordneten dafür. Gegenstimmen gab es nur seitens der CDU- und der AfD-Fraktion.

Wie es in der Begründung des Bezirksamtes zu der Dringlichen Vorlage zur Beschlussfassung hieß, könnten mit dem Instrument der sozialen Erhaltungsverordnung eine geordnete städtebauliche Entwicklung des Modernisierungsgeschehens gesteuert und Verdrängungsprozesse vermieden werden, die durch Modernisierungsmaßnahmen ausgelöst würden. Außerdem könne es nun „einen Genehmigungsvorbehalt für die Begründung von Wohnungseigentum oder Teileigentum in Erhaltungsgebieten“ geben.

Beharrlichkeit der Bewohner zahlt sich aus

„Ein erstes Gutachten hatte noch 2016 ergeben, dass die Voraussetzungen für den Milieuschutz nicht gegeben sind“ (LiMa+ berichtete), informiert die Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit, Birgit Monteiro (SPD). Schon damals sei vielen Beteiligten klar gewesen, dass dies nicht so bleiben werde. Auf Drängen der Milieuschutzinitiative Ende 2017 war eine erneute Prüfung und Aktualisierung in Auftrag gegeben worden (LiMa+ berichtete).

Das Ergebnis sei nun ein anderes, so die Stadträtin. Es zeige, „dass sich die Entwicklung in den letzten beiden Jahren stark beschleunigt hat und mittlerweile 50% der Bewohnerinnen und Bewohner verdrängungsgefährdet sind.“ Das Kind sei noch nicht in den Brunnen gefallen, teilte Birgit Monteiro mit. „Wir haben nun eine echte Chance, die Gentrifizierung im Weitlingkiez aufzuhalten.“ Noch im November 2017 hatte die Stadträtin im Zusammenhang mit dem Milieuschutz im Weitlingkiez von einem „stumpfen Schwert“ gesprochen.

Die Bevölkerung ist im Wandel begriffen

Wie es in der Sozialuntersuchung heißt, sind die Bewohnerinnen und Bewohner im Untersuchungsgebiet deutlich jünger als der Durchschnitt im Bezirk Lichtenberg und in Berlin insgesamt. „Die Altersgruppe der 27- bis unter 45-Jährigen ist mit 46,4 Prozent weit überproportional vertreten.“ Im Gesamtbezirk liege der Anteil dieser Altersgruppe bei 29 Prozent und in Berlin bei 27,9 Prozent. „Gebiete mit einem deutlichen Strukturwandel der Bevölkerung weisen in der Regel diese Tendenz auf“, so das Gutachten.

Die durchschnittliche Nettokaltmiete aller Wohnungen lag 2017 bei 6,84 Euro je Quadratmeter. Sogenannte Vollstandardwohnungen, einschließlich Neubauten und Dachausbauten, kosteten im gleichen Jahr 6,85 Euro. „Damit sind die Mieten von 2015 bis 2017 um 8 bis 10 Prozent gestiegen“, resümiert die Studie.

Alt-Bewohner haben weniger Geld

Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen ist von 2.235 Euro im Jahr 2015 auf 2.557 Euro im Jahr 2017 gestiegen. 27 Prozent der befragten Haushalte haben ein Nettoeinkommen von 3.200 Euro und mehr. Gleichzeitig haben 23 Prozent der Haushalte unter 1.500 Euro zur Verfügung. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die Haushalte, welche in den 1990er Jahren in den Weitlingkiez zugezogen sind und auch heute noch dort wohnen, gegenüber Berlin ein unterdurchschnittliches Einkommensniveau haben. Das Gleiche trifft auf jene Haushalte zu, die vor 1990 in das Gebiet zogen.

Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Bruttokalt-Mietbelastung im Weitlingkiez, bei Berücksichtigung von Wohngeld, von 26,3 Prozent des Haushaltseinkommens. Bei mehr als der Hälfte der befragten Haushalte liegt die Brutto-Kaltmietbelastung unterhalb von 25 Prozent. Demgegenüber haben 19 Prozent der Haushalte mit einer Mietbelastung von 35 Prozent (und mehr) vom Haushaltseinkommen zu kämpfen.

Die Sozialuntersuchung kommt zu dem Schluss, dass „im Gebiet Weitlingstraße Veränderungsprozesse in der Bevölkerungsstruktur stattfinden, die geeignet sind, städtebauliche Probleme hervorzurufen.“ Ein wesentlicher Auslöser dafür sei die aufwendige Modernisierung von Wohnraum über den zeitgemäßen Ausstattungszustand hinaus. Die demografische und soziale Struktur befinde sich in einem Veränderungsprozess zu jüngeren und einkommensstärkeren Haushalten.

Folgende Flächen gehören zum Weitlingkiez

Die „Verordnung zur Erhaltung der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung“, wie es im Amtsdeutsch heißt, umfasst die folgenden Flächen: Das Gelände zwischen der Frankfurter Allee, der Straße Alt-Friedrichsfelde, der östlichen Grenze des Grundstücks Alt-Friedrichsfelde 3, der östlichen Grenze der Grundstücke Einbecker Straße 47, 49 und 53, der Einbecker Straße, der Lincolnstraße, der Bietzkestraße, der Marie-Curie-Allee, der Rummelsburger Straße, der Lückstraße, der östlichen Grenze des Grundstücks Lückstraße 32, der rückwärtigen Grenzen der Grundstücke Lückstraße 18 – 32, der östlichen Grenze des Grundstücks Fischerstraße 14 und deren nördlicher Verlängerung, der Fischerstraße, der Schlichtallee, der Lückstraße, des Archibaldweges, der westlichen Grenze des Grundstücks Münsterlandstraße 5 und deren nordöstlicher Verlängerung, der Giselastraße, der westlichen Grenze des Grundstücks Sophienstraße 37 und deren nordöstlicher Verlängerung entlang der Bahnanlagen, der rückwärtigen Grenzen der Grundstücke Eitelstraße 9 – 18, der nördlichen Grenze des Grundstücks Eitelstraße 9, der Eitelstraße, der nördlichen Grenze der Grundstücke Eitelstraße 86 und Weitlingstraße 24, der Weitlingstraße, der nördlichen Grenzen der Grundstücke Irenenstraße 22 – 25, der Wönnichstraße, Einbecker Straße und der Straße zur Frankfurter Allee im Bezirk Lichtenberg, Ortsteile Rummelsburg und Friedrichsfelde.

Man darf gespannt sein, wie der Bezirk konkret das Modernisierungsgeschehen steuern und so Verdrängung verhindern will.

 

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