Am 21. April 1945 wurde das erste Haus in Berlin befreit

Nie wieder Krieg!

21.04.2020, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Marzahn-Hellersdorf/ Lichtenberg. Wer aus Osten auf der Landsberger Allee Richtung Berliner Stadtzentrum unterwegs ist, dem fällt nach Überqueren einer unscheinbaren Straßenbrücke auf der rechten Seite sicher das Haus mit der roten Fassade auf. In weißer Schrift prangt groß ein Datum: „21. April 1945“. An jenem Tag wurde die erste rote Fahne mit Hammer und Sichel auf einem Berliner Haus gehisst. Es war das erste Gebäude, das die Rote Armee gemeinsam mit polnischen Soldaten vor 75 Jahren im Kampf um Berlin erreichte. „Pobjeda (Sieg) steht in Kyrillischer Schrift auf der Gibelwand der Landsberger Allee 563, darunter „Na Berlin“ (Nach Berlin). Der Krieg trat in seine letzte Phase.

Die letzten 18 Kriegstage

Von der östlichen Stadtgrenze an der Wuhle begannen die Kämpfe zur Befreiung Berlins vom Hitlerfaschismus. 18 weitere Kriegstage sollte es dauern bis in Karlshorst im heutigen Deutsch-Russischen Museum die Urkunde zur bedingungslosen Kapitulation der Streitkräfte der Deutschen Wehrmacht unterzeichnet wurde. Damit war der Krieg beendet. Bis zum 8. Mai 1945 mussten noch über 23.000 polnische Soldaten und Rotarmisten ihr Leben lassen. Über 150.000 Berliner Zivilisten sind im Hagel von Bomben und Granaten ums Leben gekommen. Die Anzahl der insgesamt im Zweiten Weltkrieg durch direkte Kriegseinwirkung Getöteten wird heute auf 60 bis 65 Millionen Menschen geschätzt. Schätzungen, die Verbrechen und Kriegsfolgen mit einbeziehen, reichen bis zu 80 Millionen Toten.

Erstes befreites Haus wurde Gedenkstätte

1985 wurde das „Haus der Befreiung 21. April 1945“ als Gedenkstätte eingeweiht. Es war der 40. Jahrestag des Geschehens. Zwanzig Jahre später wurde die Brücke über die Wuhle an der Landsberger Allee nach Generaloberst Nikolai Bersarin benannt. Der General hatte am 21. April 1945 mit der 5. Stoßarmee die Wuhlebrücke überquert und Marzahn als ersten östlichen Berliner Bezirk erreicht. Bersarin war der erste Kommandant der sowjetischen Besatzungszone von Berlin. 1975 wurde er in Ost-Berlin posthum zum Ehrenbürger ernannt, seit 2003 ist er, nach jahrelanger, kontroverser Debatte, auch Gesamtberliner Ehrenbürger.

Janek Zwierko: Im Krieg gibt es nur Verlierer

Zum 65. Jahrestag der Befreiung vor 10 Jahren trafen sich Jugendliche aus den Ländern der ehemaligen Kriegsgegner zu Gesprächsrunden und gemeinsamen Aktionen. Im Mittelpunkt stand die Erforschung der Geschichte. Die Marzahner urban-social gGmbH hatte die internationalen Jugendbegegnungen organisiert. Dazu gehörte auch eine Gesprächsrunde mit Kriegsveteranen der Roten Armee und der Polnischen Armee, denn auch polnische Soldaten kämpften bei der Befreiung Berlins mit.

Eindringliche Worte kamen vom polnischen Veteran Janek Zwierko, der mit seinem Panzer zur 1. Brigade der polnischen Panzerarmee gehörte und gemeinsam mit der Belorussischen Armee am 21. April 1945 die Stadtgrenze von Berlin erreichte. „Im Krieg gibt es keine Gewinner – es gibt nur Verlierer“, sagte er den jungen Leuten damals. „Leidtragende sind besonders immer die Frauen, Kinder und älteren Menschen.“ Der ehemalige Soldat erzählte, dass er nach Kriegsende mit seinem Panzer nach Gdansk gefahren sei. „Ich habe ihn dort abgestellt in der Hoffnung, dass er verrostet.“ Das sollte auch heute mit allem Kriegsgerät gemacht werden.

Der ehemalige Soldat der Roten Armee Iwan Tiligusow, sprach davon, dass die einfachen Soldaten keinen Hass gegen das deutsche Volk verspürt hätten. „Am Ende waren wir nur froh darüber, dass der schreckliche Krieg endlich vorbei war.“

Kinderschicksale vor dem Vergessen bewahrt

Mit einem grausamen Kapitel der Kriegsgeschichte beschäftigten sich Jugendliche aus mehreren europäischen Ländern ebenfalls 2010: Es ging um die Lager für Zwangsarbeiter. Auf dem heutigen Gebiet von Marzahn-Hellersdorf befanden sich 27 solcher Lager mit sogenannten Ostarbeitern aus der Sowjetunion, Polen der Tschechoslowakei, aus Italien, Belgien, den Niederlanden und anderen Ländern Europas. Das Größte befand sich in der Kaulsdorfer Straße 90.

Fast vergessen waren die Schicksale der Kinder und Jugendlichen der Zwangsarbeiter. Über 100 von ihnen kamen um. Sie wurden neben den 1.500 erwachsenen europäischen Zwangsarbeitern vor über 75 Jahren auf dem Parkfriedhof Marzahn begraben. In Gesprächen mit Zeitzeugen erfuhren die Mädchen und Jungen der Marzahner Jugendinitiative aus dem Haus „Pro-social“ von einem Lager für junge sowjetische Zwangsarbeiterinnen – alle im Alter zwischen 14 und 16 Jahren – direkt am S-Bahnhof Kaulsdorf. Das war bis dahin auch den Historikern nicht bekannt.

Der verschwundene Engel

Gemeinsam mit dem Künstler Bernd Streiter schufen die jungen Leute von „Pro-social“ ein würdiges Denkmal: Es trägt den Namen „Vernichtete Unschuld“ und stellt einen Engel dar, der schützend seine Flügel ausbreitet. 2010 wurde das metallene Kunstwerk im Bezirksmuseum enthüllt und erregte auch international große Aufmerksamkeit bis in die Partnerstädte Tychy und Minsk. Doch in der Folgezeit verschwand der Engel aus dem öffentlichen Blickfeld. Zwar hatten Berliner und Marzahn-Hellersdorfer Politiker versprochen, einen würdigen Standort zu finden, das ist jedoch bis heute nicht geschehen. Vielleicht sollten sie den 75. Jahrestag der Befreiung zum Anlass nehmen, ihre Versprechen von damals endlich zu erfüllen.

Der Tag der Befreiung ist 2020 in Berlin ein Feiertag

2020 wird in Berlin der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai einmalig als gesetzlicher Feiertag begangen. Doch alle diesbezüglichen Veranstaltungen mussten aufgrund der Corona-Krise abgesagt werden. Die Linke Marzahn-Hellersdorf rief dazu auf, in der Zeit vom 21. April bis zum 8. Mai allein oder zu zweit an den mehr als 50 Gedenkorten – an Stolpersteinen oder Denkmalen – im Bezirk der Befreiung vom Faschismus zu gedenken.


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