Jürgen Wolf betreibt ein UNESCO-geschätztes Handwerk

Müller zwischen Hochhäusern

05.03.2019, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich (2-6), Birgitt Eltzel (1,7)

Marzahn. Nicht immer klappert die Mühle am rauschenden Bach. In Marzahn steht sie zwischen Hochhäusern und ist ein Wahrzeichen des Stadtteils. 1815 wurde die erste Bockwindmühle in Marzahn errichtet, zwei weitere folgten. Die jetzige Mühle an der Landsberger Allee/Allee der Kosmonauten feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen.

Die Marzahner Bockwindmühle auf dem Mühlenberg ist ein Neubau. Ihre Vorgängerin stand ursprünglich ein Stückchen weiter und wurde 1978 abgerissen. 1982 beschloss der Magistrat Ostberlins den Wiederaufbau. 1994 fertiggestellt, wird sie seitdem von Jürgen Wolf, dem einzigen kommunalen Müller in Berlin, betrieben. 1997 bekam er den Deutschen Mühlenpreis. Im gleichen Jahr fand dort auch die erste „Mühlenhochzeit“ statt. Die Marzahner Mühle ist nämlich auch eine Außenstelle des Standesamtes von Marzahn-Hellersdorf. In diesem Jahr wird dort das 500. Paar getraut. Seit 1994 gibt es den Mühlenverein Berlin-Marzahn e. V. Dieser kümmert sich um den Betrieb und die bauliche Erhaltung der Mühle, denn das Bezirksamt trägt nur die Kosten für die Stelle des Müllers und für den Strom. Insbesondere die Flügel mit einem Durchmesser von 20,5 Metern sind anfällig. Stürme und sogar eine Wasserhose setzten ihnen stark zu, sodass sie schon mehrmals repariert oder neu gebaut werden mussten. Das wird aus Spenden und mit Sponsoren und durch Kooperationen mit anderen Partnern finanziert.

Das Wandern ist des Müller Lust…

Müller ist der häufigste deutsche Nachname. Kein Wunder, bezeichnet er doch einen der ältesten Handwerksberufe. 2018 erhielt das traditionelle Müllerhandwerk von der UNESCO den Titel „Immaterielles Kulturerbe der Menschheit”.

Die Marzahner Bockwindmühle entspricht dem Entwicklungsstand um 1900.  Als technisches Museum erhält sie alte Handwerkstraditionen. Zu erleben ist, wie noch bis vor 100 Jahren Korn zu Mehl gemahlen wurde. Es wird aber auch Wissenswertes vermittelt über den heutigen Beruf des Müllers, zum Beispiel bei Führungen durch die Mühle und über das Außengelände. Jürgen Wolf ist eigentlich Tischler und lernte später erst Müller. Nach der Ausbildung ging er auf Wanderschaft, denn wie heißt es doch so schön: „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Dabei sammelte er Erfahrungen in verschiedenen Mühlen, lernte unterschiedliche Technik kennen. Das kam ihm zugute, als in Marzahn ein Müller gesucht wurde.

Die Mühle bzw. der Mühlenkörper ist ein Import aus Holland, gebaut aus zum Teil 500 Jahre altem Holz. Das arbeitet immer noch, deswegen hat Jürgen Wolf immer etwas zu tun, zu kontrollieren, auszubessern. Den Innenausbau mit den Maschinen hat er selber gemacht. Idealerweise verbindet der Neubau traditionelle und moderne Technik. Wenn genug Wind da ist und sich die Flügel drehen, produziert die Mühle sogar selbst Strom. In Berlin kommt der Wind meist aus Westen, wird bis Marzahn aber durch die große Stadt abgebremst. Jürgen Wolf muss dann schon mal eine Nachtschicht einlegen, wenn sich tagsüber kein Lüftchen regt. Wenn gar nichts geht, gibt es immer noch einen Elektromotor für die Maschinen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst…

Die Marzahner Mühle hat drei unterschiedlich große Mahlwerke. Bei allen aber wird das Korn zwischen zwei Mühlsteinen gemahlen, das daraus entstehende Schrot abgesiebt. Mit verschiedenen Sieben werden unterschiedliche Mehlstärken erreicht. „Mal staubfein in der Korngröße, in der man es gut für feinere Produkte verbacken kann“, erklärt Jürgen Wolf. „Vollkornmehle werden für kräftigere Produkte wie zum Beispiel Brote benötigt.“ Die Ausbeute nach dem ersten Mahlgang sind ungefähr 30 Prozent. „Nicht viel, aber das war lange Zeit der Standard in der Müllerei. Es reichte aus, um die Menschen zu ernähren, der Rest war Viehfutter.“ Das mehrfache Mahlen und Sieben wurde übrigens in Frankreich erfunden. Dabei werden die Mühlsteine immer enger gestellt. Die dürfen sich aber nicht berühren, durch die Reibung würde sich das Mahlgut entzünden. „Je nach Siebstärke beträgt die Ausbeute heute 50 bis 70 Prozent, bei der industriellen Verarbeitung sind es bis zu 90 Prozent. Bei Roggen können es in großen Mühlen bis zu 15 Durchgänge werden, bei Weizen sogar bis zu 30.“  Bei Müller Wolf sind es vier bis sechs Durchgänge.

Um qualitativ gutes Mehl zu erhalten, muss er darauf achten, dass gleiche Korngrößen und -strukturen sortiert und vermahlen werden. Das fast fertige Mehl kommt in die Mischmaschine. Dort entstehen dann die verschiedenen Mehle wie Roggen, Weizen- oder Dinkelvollkornmehl. Die kann man bei Müller Wolf kaufen. Brote und die Kekse „Mühlentaler“ bietet er an bestimmten Tagen wie Ostern, Pfingstmontag zum Deutschen Mühlentag oder zum Marzahner Erntefest an.

Für Schulklassen gibt es das Angebot „Vom Korn zum Keks“. Die Kinder verfolgen den Weg des Getreides von seiner Kultivierung bis zum heutigen Lebensmittel und dürfen sich dann selbst beim Mahlen und Keksbacken ausprobieren. Ganz Mutige dürfen versuchen, die Mühle in den Wind zu drehen.

Kein Kampf gegen Windmühlen…

Es gibt viele Möglichkeiten, die Mühle zu besichtigen. Am Sonntag, 24. März, findet von 10 bis 17 Uhr der Aktionstag „Erlebe Deine Region!“ statt. Ab 18 Uhr verwandelt sich die Mühle in eine „Moulin Rouge“ mit abendlicher Beleuchtung. Da kann dann auch Mühlenbrot und Mehl gekauft werden, ebenso wie am Ostermontag, 22. April (10 bis 17 Uhr). Am 26. Mai gibt es wieder den „Langen Tag der StadtNatur“ von 10 bis 17 Uhr mit Führungen, Mahlbetrieb und Verkauf. Natürlich ist auch am 10. Juni, dem Deutschen Mühlentag, von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Und selbstverständlich lädt die Mühle am 14. und 15. September während des traditionellen Alt-Marzahner Erntefestes von 10 bis 17 Uhr ein, mit Feuerwerk und Lichtevent. Am 11. November feiern evangelische und katholische Kirchengemeinden mit einem Festumzug den Martinstag. Ab 18 Uhr gibt es Martinsfeuer, Musik, Martinshörnchen und Glühwein.

Schließtage sind Karfreitag und Ostersamstag, der 1. Mai und der 10. Mai (Himmelfahrt) sowie der 3. Oktober.

Ab 12. Mai findet aus Anlass der 25. Mühlenjubiläums eine Sonderausstellung im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf, Haus II, statt. Gezeigt werde Ausgrabungsfunde vom einstigen Standort der dritten Marzahner Mühle mit ihren historischen Windkraftwerken.

Weitere Informationen hier und hier…

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