Modellprojekt: Virtuell betreutes Wohnen für die Generation 75+

Mit Sensoren gegen Risiken

14.02.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg/Ost-Berlin. Viele, die alte Eltern haben, kennen es: Betagte Menschen möchten nicht in Alters- oder Pflegeheime. Doch gerade bei alleinlebenden Senioren gibt es viele Sicherheitsrisiken im Alltag. Was ist, wenn man stürzt und keinen Helfer alarmieren kann? Oder einen Herzinfarkt bzw. Schlaganfall erleidet, wo schnelle Hilfe Not tut? Mit dem Projekt „Virtuell betreutes Wohnen“ wird jetzt eine innovative Betreuung von Senioren getestet. Erweist sich diese als erfolgreich, könnte sie in die Regelversorgung der Krankenkassen aufgenommen werden. Partner im Projekt sind die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge, die Krankenkassen BKK-VBU, DAK-Gesundheit und Bahn BKK sowie die SOPHIA (Soziale Personenbetreuung und Hilfen im Alltag) Berlin GmbH, die Philips GmbH sowie die Charité-Universitätsmedizin. Gefördert wird das auf 42 Monate angelegte Forschungsprojekt (inklusive Vorbereitungs- und Auswertungsphase) mit knapp drei Millionen Euro vom Innovationsausschuss des Bundes.

Rund um die Uhr betreut

Die Digitalisierung der Rund-um-die-Uhr-Betreuung braucht nur wenig Ausrüstung: Einen mobilen Hausnotruf (bequem wie eine Kette um den Hals zu tragen), eine Basisstation, die über WIFI funktioniert (und auch eine SIM-Karte hat) und einen fest installierten Notruf sowie verschiedene Bewegungssensoren, die an Türen und am Kühlschrank oder anderen Gegenständen angebracht werden können. Technisches Wissen ist nicht vonnöten: Die Hausmeister der Howoge installieren die Geräte und sind auch Ansprechpartner bei technischen Problemen. Bauliche Veränderungen in der Wohnung sind nicht erforderlich, Kameras werden nicht installiert. Die gesammelten Daten werden in pseudonomysierter Form an die Charité-Universitätsmedizin weitergeleitet. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nur mit Einwilligung der Teilnehmer.

Persönlicher Kontakt gehört dazu

Die AAL-Sensoren (Ambient Assisted Living; dt.: Altersgerechte Assistenzsysteme) registrieren kritische Veränderungen im alltäglichen Bewegungsmuster der Senioren. Diese Warnzeichen werden dann an geschulte Pflegekräfte, sogenannte Quartiersassistenten, des sozialen Dienstleisters SOPHIA weitergegeben. Im persönlichen Kontakt können so im beiderseitigen Einvernehmen präventive Maßnahmen werden sowie erforderliche ärztliche und pflegerische Leistungen koordiniert werden. SOPHIA mit Sitz in der Mehrower Allee, gegründet 2007, arbeitet mit angestellten Kräften und auch mit vielen Ehrenamtlichen. Letztere kümmern sich insbesondere um den Kontakt zu den Senioren – sind Ansprechpartner am Telefon und besuchen Hochbetagte auch mal zu Hause. Bisher betreute SOPHIA über einen eigenen Hausnotruf, der in verschiedenen Ausstattungspaketen geboten wird, rund 1.500 Teilnehmer, LiMa+ berichtete aus der Praxis .

Automatische Sturzerkennung

Das Hausnotrufsystem ist mit einer automatischen Sturzerkennung ausgerüstet. Wichtig, denn eine der größten Gefahren für betagte Menschen sind Stürze. „Sie stellen das größte Risiko für den Verlust der Selbstständigkeit im Alter dar“, sagte Andrea Galle, Vorständin der BBK-VBU, bei der Vorstellung des Forschungsprojekts. Laut Statistik stürzt rund jeder Dritte der über 65-Jährigen mindestens einmal pro Jahr, bei den über 80-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Das bringt nicht nur Schmerz und Leid bei den Betroffenen, sondern erfordert auch viel Geld von den Krankenkassen zur Behandlung. Zehn bis 20 Prozent der Stürze erfordern eine medizinische Versorgung, fünf bis zehn Prozent der Gestürzten erleiden Brüche, und etwa ein bis zwei Prozent eine Hüftfraktur. Auf bundesweit mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr schätzen Experten die Kosten von Stürzen mit medizinischer Behandlung und Rehabilitation.

Forschungsphase beginnt im April

Die zwölfmonatige Forschungsphase des Projekts beginnt im April 2020. Die Teilnahme ist kostenlos, da die Studie vom Innovationsfonds gefördert wird. Teilnehmen können Mieter der Howoge im Alter ab 75 Jahren, die gleichzeitig Mitglieder der drei Krankenkassen BKK-VBU, DAK-Gesundheit und Bahn BKK sind. Insgesamt 207 Teilnehmerplätze gibt es. Hendryk Lietzmann, Leiter operatives Bestandsmanagement Howoge begründet das Engagement des Unternehmens für das Forschungsprojekt: „Viele unserer Mieter sind bereits über 75 Jahre alt und präferieren als Wohnform im Alter das Leben in den eigenen vier Wänden mit ambulanter Versorgung. Das Modellprojekt entspricht diesem Bedürfnis, indem es ein sicheres, selbstbestimmtes Leben in der vertrauten Wohnung ermöglicht und gleichzeitig das Miteinander fördert. Ein wichtiger Fakt ist darüber hinaus, dass das System in kürzester Zeit montiert werden kann, ohne bauliche Veränderungen in der Wohnung vorzunehmen.“

Weitere Informationen zum Projekt und Anmeldungsmöglichkeit…

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